(OT: „Dil Leyla“, Regie: Asli Özarslan, 2016)

Dil Leyla

„Dil Leyla“ läuft seit 29. Juni 2017 im Kino

Es ist zuletzt ziemlich schwer geworden, bei dem Thema Türkei nicht der Resignation zu verfallen. Die Unterdrückung von Journalisten und jeglicher Opposition, Gewalt bei der Istanbul Pride Parade, dazu Allmachtsfantasien, die sich von jeglicher Realität gelöst haben – das einstige Vorzeigeland entwickelt sich immer mehr zu einer Diktatur. Einer sehr gefährlichen Diktatur. Doch das ist nur die Spitze des Alltags. Das, was wir hierzulande zu sehen bekommen. Wie viel schlimmer es an Orten sein kann, die nicht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen, das führt uns Dil Leyla vor Augen.

Dabei beginnt der Dokumentarfilm eigentlich sehr hoffnungsvoll, geradezu ausgelassen. Als 5-Jährige hatte Leyla Imret ihr Heimatland verlassen müssen, um bei Verwandten in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater, Mitglied der kurdischen Arbeiterpartei PKK, war zuvor in Gefechten mit dem türkischen Militär ums Leben gekommen. Jetzt, rund zwanzig Jahre später, will sie dennoch dorthin zurück. Mehr noch: Sie bewirbt sich um einen Bürgermeisterposten in der kurdischen Hochburg Cizre, um ihren früheren Mitbürgern wieder eine Perspektive geben zu können. Der alte Basar soll renoviert werden, neue Parks errichtet – an Plänen mangelt es nicht. Und tatsächlich: Leyla gelingt die Sensation und wird mit nur 26 Jahren Bürgermeisterin der Stadt an der syrisch-irakischen Grenze. Ein Märchen wird wahr!

Aus Märchen wird Ernüchterung
Bis es plötzlich kein Märchen mehr ist. So groß die Euphorie über ihren Sieg und den allgemeinen Vormarsch der kurdischen Partei, so ernüchternd ist der Alltag. Ihre Vorhaben entpuppen sich als deutlich schwieriger als zunächst vorgesehen. Immer wieder gibt es Rückschläge, weil wieder irgendjemand sich querstellt. Statt Fortschritt ist erst einmal die Bewahrung des Status Quo angesagt, wenn die Nachwuchspolitikerin – mit einer beachtlichen Willenskraft – versucht, die alten Strukturen aufzubrechen.

Doch die größte Hürde, die stellt dann doch eben wieder die Türkei dar, die jede Form der kurdischen Selbstbehauptung im Keim ersticken. Notfalls indem alles in Schutt und Asche gehauen wird. Manchmal reicht auch eine kleine Diffamierung: Leyla soll offen zum Bürgerkrieg aufgerufen haben, so wird ihr nach einem Interview vorgeworfen. Auch wenn die Anklage sich hinzieht, ihr Amt muss sie niederlegen, die Stadt darf sie nicht mehr verlassen.

Das Ende einer Stadt
Oder das was von der Stadt übriggeblieben ist: Cizre ist nach heftigen Angriffen stellenweise kaum mehr wiederzuerkennen. Dort wo vor Kurzem noch Häuser standen, gibt es nur noch Ruinen. Und auch von Leylas Hoffnung, ihren Mitbürgern eine Zukunft zu bieten, hat sich zerschlagen. Zwanzig Jahre mögen nach dem Tod ihres Vaters vergangen sein, die Situation der Kurden hat sich kein bisschen verbessert. Selbst als unbeteiligter Zuschauer ohne jegliche Beziehung zur Türkei oder Kurden fällt es schwer, sich nicht von den Ereignissen mitreißen zu lassen. Von den Gesprächen mit Angehörigen. Umso mehr, da der Dokumentarfilm aufgrund der veränderten Situation kein Ende findet, weitere Aufnahmen unmöglich wurden: Dil Leyla, das so hoffnungsvoll begann, bricht mittendrin an, Pläne für Parks machen Zerstörung Platz, von der fröhlich-bestimmten jungen Dame ist nicht mehr als eine verzweifelte Audioaufnahme übrig.

Dil Leyla
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Dil Leyla
„Dil Leyla“ begleitet eine junge Kurdin, die als Bürgermeisterin ihrer Stadt neue Hoffnung geben will. Am Ende des erschütternden Dokumentarfilms ist nichts davon übrig. Leyla selbst wurde entmachtet, die Gebäude zerstört, jegliche Perspektive ist verschwunden.
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