(„The Edge of Seventeen“ directed by Kelly Fremon Craig, 2016)

The Edge of Seventeen

„The Edge of Seventeen“ ist seit 30. März 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Seit dem Tod ihres Vaters fühlt sich Nadine (Hailee Steinfeld) ziemlich allein auf der Welt. Nur einen Lichtstrahl gibt es für sie: Krista (Haley Lu Richardson), ihre beste Freundin, mit der sie alles teilen kann. Fast alles. Als Krista mit Nadines verhasstem Bruder Darian (Blake Jenner) zusammenkommt, bricht für sie eine Welt zusammen. Wie konnte Krista sie nur derart verraten? Wem soll sie sich in Zukunft nun anvertrauen? Sicher, ihr Mitschüler Erwin (Hayden Szeto) hat ihr schon mehrfach schöne Augen gemacht. Eigentlich fühlt sie sich aber viel mehr zu dem älteren Nick (Alexander Calvert) hingezogen. Doch der beachtet sie einfach nicht.

Ach ja, die Teenagerzeit. Kein Abschnitt im Leben ist wohl schöner, aufregender als der, in der es endlich richtig zur Sache geht. Man die Welt kennenlernt, sich selbst. Sich ausprobieren kann. Und dabei manchmal so richtig auf die Fresse fliegt. Denn die Teenagerzeit, sie kann auch die traumatischste sein, wenn alles irgendwie nie so läuft, wie man es gern hätte, die vielen Gefühle eigentlich viel zu groß für einen einzelnen Menschen sind. Kelly Fremon Craig, die bei The Edge of Seventeen nach mehreren reinen Drehbucharbeiten ihr Regiedebüt gibt, nimmt uns darin mit in die Vergangenheit. Erinnert uns daran, dass jeder Tag gefühlt gleichzeitig der Aufbruch in neue Welten und der Weltuntergang zugleich war.

Ein Teenager auf der Suche nach seinem Platz
Mit Nadines Drohung, sich selbst umzubringen, beginnt dann auch die Tragikomödie. Eine typisch theatralische Posse eines Teenagers möchte man meinen, der damit einfach nur Aufmerksamkeit will. Doch dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihrem viel zu früh verstorbenen Vater, über dessen Tod sie nicht hinwegkommt – auch weil sie mit ihrer restlichen Familie nichts anfangen kann: ihre Mutter (Kyra Sedgwick) ist ein selbstbezogenes Wrack, ihr Bruder der verkörperte All American Boy. Nadine passt da nicht rein, so wie sie nirgends wirklich reinpasst.

Dabei machte Craig ihre Protagonistin eigentlich nicht zur geborenen Außenseiterin. Wenn sie ständig aneckt bzw. keinen Anschluss findet, dann nicht zwangsweise weil die Welt so verdammt ungerecht ist. Nadine ist vielmehr verdammt gut darin, alles irgendwie falsch zu machen. Sie stößt Leute vor den Kopf, die es gut mit ihr meinen, erkennt nicht, was sie an anderen hat, rennt dafür Menschen hinterher, die ihr nicht gut tun. Ein verkanntes Aschenputtel ist der Teenager also sicher nicht, The Edge of Seventeen begegnet ihm mit einer deutlich ironischen Distanz.

Die Tragik und Komik des Lebens in einer Person
Trotzdem nimmt die Tragikomödie Nadine natürlich ernst. So übertrieben ihre Reaktionen auf ihr Umfeld auch sein mögen, so nachvollziehbar bleiben sie auch. The Edge of Seventeen gelingt es sehr schön, sich in die verwirrende Gefühlswelt einer 17-Jährigen hineinzuversetzen, das Himmelhochjauchzende und die Todesarien gleichermaßen natürlich umzusetzen. Mal will man sie durchschütteln, damit sie wieder zu Sinnen kommt, mal sie kräftig in den Arm nehmen, dann wieder nur mit ihr lachen – manchmal auch alles auf einmal. Sämtliche Facetten des Lebens finden hier zueinander, die finsteren wie die hoffnungsvollen. Da verzeiht man dem Film auch, dass ihm zum Ende hin der Mut ausging und doch wieder Konventionen bemüht werden. „Ich weiß nicht genau, worum es bei dir geht“, bekommt Nadine zu hören. „Aber es wird vorübergehen.“

Dass es schon vorher nicht ganz so dramatisch wird wie in manch anderem Teenagerfilm, das liegt auch an den wunderbaren Nebenfiguren. Vor allem Woody Harrelson als herrlich sarkastischer Lehrer hat hier einen seiner stärksten Auftritte in den letzten Jahren und sorgt regelmäßig für Comic Relief. Und Szeto als hoffnungsvoll-ungelenker Möchtegern-Romeo ist ebenfalls eine Entdeckung. Doch die Bühne gehört insgesamt natürlich Steinfeld (Can A Song Save Your Life?, True Grit), die ihre Rolle mit so viel Leben ausfüllt, mit so viel Trotz, Selbstmitleid, aber auch Witz und Intelligenz, dass die rund 100 Minuten der Coming-of-Age-Tragikomödie wie im Flug vergehen und man sich fast selbst wieder in diese Höllenzeit zwischen Achterbahn, Riesenrad und Partytoiletten zurückwünscht.

The Edge of Seventeen
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The Edge of Seventeen
Das Material mag typisches Coming-of-Age-Futter sein, zum Ende wird es auch eher konventionell. Insgesamt ist „The Edge of Seventeen“ aber eine sehr unterhaltsame und kurzweilige Tragikomödie, die ihrer Hauptfigur mit einer Mischung aus Einfühlungsvermögen und ironischer Distanz begegnet. Das ist vor allem für die vor Lebendigkeit sprühende Hailee Steinfeld sehenswert, aber auch die wunderbaren Nebenfiguren machen mächtig Laune.
8von 10

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