(„Ein deutsches Leben“ directed by Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer, 2016)

Ein deutsches Leben

„Ein deutsches Leben“ läuft ab 6. April 2017 im Kino

Man sitzt ja oft ein bisschen ungläubig da, wenn die Details des Dritten Reiches ausgebreitet werden. Und hilflos. Wie konnte das damals alles nur geschehen? Wie konnte eine Mehrheit diese grausamen Verbrechen zulassen? Auch wenn inzwischen mehr als 70 Jahre vergangen sind, es sicher nicht an Versuchen mangelte, alles aufzuarbeiten, einige Antworten werden wir wohl nie erhalten. Auch weil die Menschen, von denen wir sie erwarten wollen, immer weniger werden. Allein deshalb schon ist Ein deutsches Leben so interessant. Denn hier kommt eine Frau zu Wort, die nicht zu den Anführern gehörte, aber nahe genug an ihnen dran war: Brunhilde Pomsel.

Wem der Name auf Anhieb nichts sagt, muss deshalb noch nicht an seinen Geschichtskenntnissen zweifeln. Sie war 22, als sie der NSDAP beitrat. 31, als sie eine Stelle als Stenotypistin und Sekretärin beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda annahm. Nach Kriegsende wurde sie von den sowjetischen Truppen verhaftet, blieb fünf Jahre eingesperrt, arbeitete anschließend wieder als Sekretärin bis zu ihrem Ruhestand. Es war ein Leben unter vielen. Eines, das nah genug an den Ereignissen dran war, um sie sehen zu müssen. Aber nicht so nah, als dass es einen Unterschied gemacht hätte. Ein deutsches Leben eben.

Wacher Geist mit befremdlichen Lücken
101 ist sie, als die vier Regisseure Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer mit der Arbeit an ihrem Film beginnen, lebte zu dem Zeitpunkt in einem Altersheim. Man sieht es ihr an, das Alter. Die vielen Jahre. Das Leben. Doch hinter den vielen Falten verbirgt sich ein wacher Geist. Keine Spur verwirrt. Präsent. Gleichzeitig aber auch wieder nicht. Immer wieder schwankt sie zwischen Reflektion, Aufarbeitung und Abwehr. Verdrängung. Leugnung sogar. Sie habe nichts von dem mitbekommen, was da draußen passiert ist. Und nie kann man sich dabei so ganz sicher sein, was davon echt ist. Was pure Ignoranz. Was aktives Wegsehen.

Nein, ein Nazi war Pomsel sicher nicht. Es dürfte weniger ideologische Überzeugung gewesen sein, die sie in die Büroräume des obersten Hetzers trieb. Ihre Karriere begann sie sogar im Dienst eines jüdischen Rechtsanwaltes. Bis der emigrierte. Kurze Zeit später schloss sie sich der NSDAP an. Ein Widerspruch? Nicht für sie. So war das damals einfach. Und man merkt der betagten Dame durchaus an, dass sie selbst nicht so recht weiß, wie das alles zusammenpasste. Mit einer Mischung aus Faszination und blankem Entsetzen dürfen wir hier hören, wie Normalität und Abgründe Hand in Hand gingen. Wie unsinnig sie es fand, dass die Geschwister Scholl wegen ein paar Flugblätter sterben mussten. Hätten sie doch einfach den Mund gehalten. So wie sie. So wie die meisten Deutschen.

Kunstvoll-surreale Umsetzung 
Geradezu surreal ist es, wie sich die Befragte aus dem konkreten Dritten Reich zurückzieht, bis zu ihrem Tod Anfang 2017 jegliche (Mit-)Verantwortung von sich wies. Unterstützt wird das durch die ungewöhnliche, fast surreale Umsetzung: Komplett in Schwarz-Weiß sind die Interviews gehalten, zeigen Pomsel oft in grotesk vergrößerten Nahaufnahmen. So als würde man hinter den tiefen wie in Stein gemeißelten Furchen irgendwo die Antworten suchen wollen. Aber vielleicht ist das eben die erschreckende Antwort: Es gibt keine, es wird keine geben. Nur hin und wieder werden die Gesprächsszenen durch historische Aufnahmen unterbrochen, die aber wie die Aussagen auch nicht von den Regisseuren kommentiert werden. Wir werden mit ihnen allein gelassen. Im Stich gelassen. Spätestens wenn zum Ende hin Bilder des Schreckens aus den Konzentrationslagern gezeigt werden, bricht die von Pomsel beschriebene Welt auseinander. Und ein Leben, das auch aufgrund dieser Widersprüchlichkeit wohl typisch deutsch war.

Ein deutsches Leben
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Ein deutsches Leben
„Ein deutsches Leben“ zeigt anhand von Interviews mit Joseph Goebbels’ ehemaliger Sekretärin, wie groß die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und der realen Außenwelt war. Wie es dazu kommen konnte, bleibt trotz allem ein Rätsel: Die vielen (Nicht-)Antworten schweben mitten im surreal anmutenden Raum.
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