(„Ein Haus in Ninh Hoa“ directed by Philip Widmann, 2016)

„Ein Haus in Ninh Hoa“ läuft seit 5. Januar im Kino

Wo ist mein Zuhause? Wer bin ich? Was macht mich aus? Das sind Fragen, die nicht erst in der aktuellen Flüchtlingskrise zu einem täglichen Thema geworden ist, schon vorher gab es immer wieder Menschen, die in der Fremde ein zweites Leben anfangen mussten. Le Trong Pham beispielsweise verließ Anfang der 1970er Südvietnam, um in Bonn als Diplomat zu arbeiten. Jahre später wurde aus dem zweigeteilten Land wieder eins, Südvietnam verschwand, Pham jedoch blieb in der neuen Heimat. Getrennt wuchsen dann zwei Teile der Familie auf, einer in Deutschland, einer in Vietnam, trotz der Entfernung eng miteinander verbunden und doch nach einer Weile durch mehr als die räumliche Distanz entfernt.

Er wäre nur noch dem Aussehen nach ein Vietnamese, heißt es an einer Stelle des Dokumentarfilms Ein Haus in Ninh Hoa zu dem im Ausland lebenden Landsmann. Sein Bewusstsein wäre es jedoch nicht mehr. Immer wieder werden so Gegenwart und Vergangenheit gegenseitig abgewogen, dazu ein vorsichtiger Blick in die Zukunft geworfen. Was beispielsweise soll mit dem leerstehenden Haus geschehen, das der Familie gedacht war? Dran festhalten? Doch vermieten? Es ist keine leichte Entscheidung für eine Gesellschaft, in der Tradition und Familienzusammengehörigkeit einen hohen Stellenwert haben, kleine Altare längst verstorbenen Verwandten gewidmet sind.

Verstorbene spielen bei dem Dokumentarfilm von Philip Widmann ohnehin immer wieder eine Rolle, wenn von übernatürlichen Fähigkeiten die Rede ist. Von Geistern. Der deutsche Regisseur begegnet dem Glauben mit viel Respekt, so wie er sich allgemein aus allem raushält. Es sind keine Interviews, die Ein Haus in Ninh Hoa ausmachen, keine Diskussionen über Werte. Stattdessen folgen wir der Familie während des Alltags, sehen ihnen beim Essen zu, hören die Geschichten der Oma. Manchmal sind es aber auch einfach wortlose Aufnahmen aus den Feldern oder der Natur, welche den Dokumentarfilm zeitweise wie einen Mitschnitt aus dem letzten Urlaub wirken lassen.

Das ist bezaubernd anzusehen, macht Lust, selbst die Koffer zu packen, hilft aber wenig dabei, einen Kontext für die einzelnen Szenen zu schaffen. Denn der ist in Ein Haus in Ninh Hoa insgesamt sehr rar gesät. Zum Ende hin werden einzelne Verwandtschaftsverhältnisse aufgedeckt. Bis dahin darf der Zuschauer aber immer wieder rätseln, wie die Leute in dem zersplitterten Mehrgenerationenhaushalt zueinanderstehen. Das gehört natürlich zum Konzept dazu, mittendrin in der Familie zu sein, gar nicht erst eine Distanz zwischen den Menschen und dem Publikum aufkommen zu lassen, indem ein Erzähler Zusatzinfos gibt. Es macht es aber ein wenig schwierig, hier die Leute als Individuen zu erkennen.

Ohnehin hält sich der Infogehalt des Films ein wenig in Grenzen. Immer wieder schimmern Themen durch, Überreste des Vietnamkrieges beispielsweise oder eben die spiritistischen Überzeugungen, ohne aber dass diese je konkret verfolgt würden. Aber so ist das eben bei Familienzusammenführungen: Von überall her kommt jemand, es wird erinnert, gesprochen, geträumt, alles wird ein bisschen chaotisch und laut. Und so schön es war, sie alle gesehen zu haben, so schön ist es auch, im Anschluss wieder die Heimreise antreten zu können.

Ein Haus in Ninh Hoa
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Ein Haus in Ninh Hoa
„Ein Haus in Ninh Hoa“ besucht eine vietnamesische Familie, die teils in der Heimat, teils in Deutschland lebt, um darüber nachzudenken, was Heimat eigentlich bedeutet. Aber das ist nur einer von vielen Aspekten, die in dem schön bebilderten, sehr personennahen, gleichzeitig aber auch unübersichtlichen Dokumentarfilm zur Sprache kommen.
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