(„Holding the Man“ directed by Neil Armfield, 2015)

Holding the Man

„Holding the Man“ läuft seit 2. Juni im Kino

Unterschiedlicher könnten die beiden wohl kaum sein. Timothy Conigrave (Ryan Corr) spielt im Schultheater mit, ist extrovertiert und nimmt sich, was er will. John Caleo (Craig Stott) wiederum, der in der Highschool-Footballmannschaft mitspielt, ist eher zurückhaltend, mehr darauf bedacht, nirgends anzuecken, will später mal in einem Krankenhaus arbeiten. Und doch verlieben sich die beiden rasch ineinander, beschließen ein Paar zu sein – was nicht nur bei den jeweiligen Eltern auf große Ablehnung stößt. Es soll nicht das einzige Hindernis im Leben der beiden Schwulen bleiben, über viele Jahre sind die beiden zusammen und erleben dabei ein ständiges auf und ab.

Schon die reine Laufzeit von über zwei Stunden zeigt, dass Holding the Man ein bisschen mehr zu erzählen hat als viele andere Filme des Queer Cinemas, man ambitionierter ist. Auch wenn es eine Weile dauert, bis das wirklich deutlich ist: Zunächst einmal erscheint die australische Produktion nur eine weitere Coming-out-Geschichte zu sein und von zwei Jugendlichen zu handeln, die sich gegen den Widerstand ihres Umfeldes für die Liebe entscheiden. Da Ryan Corr und Craig Stott, welche das Paar geben, selbst bei viel Wohlwollen nicht als Schüler durchgehen, ist die Versuchung groß, den Film abzubrechen, noch bevor er eigentlich begonnen hat.

Doch Holding the Man macht an der Stelle eben nicht Schluss, sondern folgt den beiden über einen Zeitraum von 15 Jahren, erzählt von Höhen und Tiefen, von Krisen und Chancen. Und davon, was es heißt zu lieben. Das kann an manchen Stellen etwas theatralischer werden, ist oft aber im Gegenteil fast schon zu zurückhaltend. Was angesichts des Hintergrunds nicht weiter verwundert: Der Film ist eine Adaption der Memoiren des echten Tim Conigrave, der eine Karriere als Schauspieler und Schriftsteller vorweisen konnte, sich zeitgleich aber auch als Aktivist für die Gleichberechtigung von Homosexualität stark machte. Immer wieder werden dann auch Diskriminierungen thematisiert, sei es durch die Familie oder Behörden. Gleichzeitig erzählt der Film aber auch von dem Alltag eines schwulen Paares, vom Experimentieren mit offenen Partnerschaften, von Untreue, von AIDS. Das ist in dieser Ballung schon recht mächtig, gerade weil für die einzelnen Punkte so wenig Zeit bleibt und sie entsprechend pointiert, um nicht zu sagen plakativ gezeigt werden. Immer wieder droht Holding the Man sich in den vielen Einzelpunkten zu verlieren, mit zahlreichen Klischees versehenen noch dazu.

Zwei Stärken sind es, die den Film aber auch in dem schwächelnden Mittelteil helfen. Da wäre zum einen die schöne Ausstattung, welche die Zeitreise in die 70er und 80er begleitet – passende Frisuren und Musik inklusive. Zum anderen durfte sich Regisseur Neil Armfield bei der Arbeit auf eine tolle Besetzung verlassen. Bei den Nebenfiguren tummeln sich eine Reihe bekannter Gesichter (Guy PearceAnthony LaPagliaSarah SnookKerry FoxGeoffrey Rush). Doch die Bühne gehört eindeutig Corr und Stott. Schon die ersten leisen Szenen der Annäherung sind so berührend geworden, dass man die Problematik des Alters kaum noch wahrnimmt. So richtig bewegend wird es jedoch erst im weiteren Verlauf, wenn die beiden immer wieder aneinandergeraten, sich trennen und wiederfinden, bis zum unvermeidlichen, tieftraurigen Ende, das wie der Film an sich kaum geschönt ist und deshalb den Zuschauer umso effektiver in die Gefühlsmangel nimmt.

Holding the Man
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Holding the Man
„Holding the Man“ erzählt von einer 15 Jahre anhaltenden Beziehung zweier Männer und streift dabei alle möglichen Themen aus der homosexuellen Erfahrungswelt. Das ist zwischenzeitlich etwas überfrachtet, aufgrund des schönen Zeitkolorits und der bewegenden Darstellungen aber dennoch ein insgesamt überzeugendes Drama.
7von 10

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