(„God Loves the Fighter“ directed by Damian Marcano, 2013)

God Loves the FighterEs sind keine schönen Geschichten, die der Landstreicher King Curtis (Lou Lyons) aus Port of Spain zu erzählen hat: Nirgends in Trinidad ist die Verbrechensrate höher als in der Hauptstadt. Prostitution, Diebstahl, Gewalt, Drogen, ja sogar Mord stehen hier auf der Tagesordnung. Wer einmal in diesem Sumpf gefangen ist, hat kaum Möglichkeiten, wieder herauszukommen. Das muss auch Charlie (Muhammad Muwakil) feststellen, der sich ein normales Leben wünscht, aber immer wieder an seine Grenzen stößt. Als er der Prostituierten Dinah (Jamie Lee Phillips) über den Weg läuft, versucht er dennoch, auszubrechen und wieder von vorne anzufangen.

Wer durch die Einkaufsstraßen der deutschen Großstädte schlendert, wird immer wieder auf sie stoßen: Menschen, die mit wirren Sätzen, dafür umso mehr Leidenschaft die Abgründe der Welt beklagen, Gott preisen und sich in prophetischen Weissagungen üben. Menschen, an denen man schnell vorbeizugehen versucht, um ihren ausschweifenden Erklärungen nicht zuhören zu müssen. Man könnte sich auch King Curtis als einen dieser Menschen vorstellen, wie er so dasteht mit seinen Rastalocken und den abgewetzten Klamotten und seine Geschichten aus Port of Spain erzählt. Und wie bei seinen „Kollegen“ im wahren Leben, so möchte man das eigentlich alles gar nicht so genau wissen.

Es ist die verschwiegene Seite einer Insel, deren Schreie keiner hört: Während es sich vorne Touristen auf weißen Stränden gemütlich machen, Cocktails schlürfen und sich von den Einheimischen bedienen lassen, wissen die Leute in den Slums morgens noch nicht, ob sie am Tag überhaupt genügend Essen zusammenbekommen werden. Dass diese Seite nicht unbedingt dazu geeignet ist, Menschen nach Trinidad zu locken, ist klar, Regisseur und Ko-Autor Damian Marcano will sie aber dennoch zeigen. Es ist eine seltsame Mischung aus Stolz und Anklage, welche den Film antreibt, Hoffnung und Verzweiflung. Der unbedingte Wille, etwas zu ändern, die Einsicht, dass dies kaum möglich ist. Wie auch, wenn schon die Kinder von klein auf lernen, dass man sich im Zweifelsfall einfach selbst bedient? Wozu eine DVD kaufen, wenn man sie im Laden auch so mitnehmen kann?

Die ständige Einheit von Licht und Schatten findet sich auch in dem Äußeren wieder: Marcano arbeitet bei den Aufnahmen mit Farbfiltern, welche das Geschehen deutlich bunter macht und so einen starken Kontrast zu dem trüben Inhalt bildet. Gleiches gilt für die mit Reimen arbeitende Sprache von Curtis, die zusammen mit der schmissigen Musik God Loves the Fighter bei aller Rohheit und Gewalt auch immer etwas Künstlerisches gibt. Allgemein sind die Grenzen zwischen Kunst und Realität hier fließend, man ist sich nie so ganz sicher, ob man gerade einen Spielfilm oder einen Dokumentarfilm anschaut. Das spricht einerseits für die Authentizität des Gezeigten, verdeutlicht aber auch, wie schwer der Film zu fassen ist. Hier schwirren ständig Leute umher, die einem kaum nahegebracht werden, die im Mittelpunkt stehen, von denen man aber nichts weiß. Die nie die Gelegenheit haben, mehr als ein Klischee zu werden. Das fiebrige Drama fasziniert, deprimiert, verstört für einen kurzen Moment. Aber am Ende ist man eben doch an Curtis vorbeigelaufen, die nachhallenden Geschichten sind schnell wieder verstummt.

God Loves the Fighter
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God Loves the Fighter
„God Loves the Fighter“ zeigt die Schattenseiten von Trinidad, das jedoch mit vielen Farben. Bei aller Düsterkeit gewinnt das Drama dadurch auch immer etwas Künstlerisches, unterstützt durch Musik und poetische Sprache. Das ist für eine Weile faszinierend, hinterlässt aber kaum einen bleibenden Eindruck, dafür bleiben einem die Figuren dann doch zu fremd.
6von 10

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