(„Observance“ directed by Joseph Stephen Sims, 2015)

Observance

„Observance“ läuft seit 5. August im Rahmen des Fantasy Filmfest

Beobachte die Frau in der Wohnung gegenüber und berichte, was du siehst.“ Keine sonderlich anspruchsvolle Aufgabe, die Privatdetektiv Parker (Lindsay Farris) da zu erledigen hat, aber er hatte bereits schlimmere. Außerdem soll ihm die Arbeit dabei helfen, den Tod seines Sohnes besser zu überwinden. Während er tagein, tagaus die hübsche Unbekannte beobachtet, mehren sich jedoch die Anzeichen, dass da etwas nicht stimmt, dass sie zum Beispiel das Opfer von Misshandlungen ist. Und dann wären da noch die seltsamen Alpträume und unerklärliche Wunden, von denen Parker zunehmend heimgesucht wird.

Rauschende Wellen, ein farbloser Himmel, ein unheimlicher Score, der krachend hereinbricht – der Anfang von Observance versteht es sehr gut, das Gefühl des Verlorenseins und der Bedrohung aufzubauen, noch bevor das erste Wort gesprochen ist, bevor wir wissen, worum es geht. An Letzterem wird sich anschließend nicht viel ändern. „Wer ist diese Frau eigentlich? Warum soll Parker sie beobachten? Wer ist der mysteriöse Auftraggeber?“, lauten die Fragen, die jedem Zuschauer schon nach wenigen Minuten auf der Zunge liegen. Und dort werden sie immer noch sein, wenn nicht einmal anderthalb Stunden später der Abspann über die Leinwand läuft.

Das Debüt des australischen Regisseurs und Ko-Autors Joseph Stephen Sims ist ein klares Bekenntnis zur Maxime „weniger ist mehr“. Soll heißen: Wer von einem Film erwartet, dass er seinen Zuschauern Abschluss und Erklärung bietet, wird hier ziemlich im Regen stehen gelassen. Hinweise gibt es, aber nicht annähernd genug, um daraus eine kohärente Geschichte zu basteln. So als hätte man ein wegggeworfenes Puzzlespiel gefunden, angefangen dieses zusammenzusetzen, nur um dann festzustellen, dass mindestens die Hälfte der Teile fehlt, nicht einmal klar ist, in welcher Beziehung das vorhandene Material zueinander steht. Frustrierend? Ja, schon, zumindest aber etwas unbefriedigend – Observance ist ein Fall für Liebhaber des Rätselhaften, des sanften Gruselns, weniger für die des Expliziten.

Und das gilt auch für die Umsetzung der Geschichte. Jump Scares, wie sie gerne in den großen Horrorfilmen eingesetzt werden, gibt es hier kaum, dafür eine fortlaufende Atmosphäre des Unwohlseins, die Protagonist und Zuschauer gleichermaßen in Beschlag nimmt. Die Mittel dafür sind minimal – sei es aus Budgetgründen oder Überzeugung –, das Ergebnis aber mehr als funktional. Schon die Wohnung, in der Parker sein Quartier aufschlägt, lädt einen schnell dazu ein, das Weite zu suchen: Alles ist mit alten Zeitungen beklebt, die Fenster verrammelt, um nicht gesehen zu werden, es liegt Dreck herum, in der Ecke steht ein Glas mit einer unbekannten schwarzen Flüssigkeit. Dass wir aus dieser Hölle nicht entkommen, Parker so gut wie nie, die leblosen Räume verlässt, verleiht Observance zusätzlich ein wenig klaustrophobisches Bangen, verstärkt durch die fehlende Musik. Den Rest erledigen die ausgeblichenen Farben, verstörende Träume, viele Detailaufnahme und das eine oder andere aus vergleichbaren Filmen bekannte inhaltliche Element wie eben besagte Wunden.

Ganz neu ist das also nicht, aber gut gemacht, sehr atmosphärisch, ein vielversprechender Anfang für Sims, der in nur wenigen Tagen seinen Film abdrehte. Schauspielerisch wird mangels Interaktion – es gibt kaum Begegnungen mit anderen Figuren – nicht viel gefordert, aber man nimmt Farris den von dunklen Träumen geplagten Ermittler ab, zwischen Trauer, Entsetzen und Neugierde, der zunehmend paranoider wird. Ein Geheimtipp also, dieser kleine, unheimliche Mystery-Thriller, was er angesichts der bislang fehlenden Deutschlandrechte wohl auch erst mal bleiben wird. Wer ihn dennoch sehen möchte, sollte daher unbedingt dem diesjährigen Fantasy Filmfest einen Besuch abstatten, wo Observance noch bis Ende des Moments mehrfach zu sehen sein wird.



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Observance
4.25 (85%) 4 Artikel bewerten

Observance
Viele Fragen, kaum Antworten – „Observance“ liebt es, den Zuschauer in eine mysteriöse Geschichte hineinzuwerfen und darin alleinzulassen. Für manche wird das nicht genug sein, zumal es auch kaum Schockmomente gibt. Für Liebhaber betont rätselhafter Mystery-Thriller ist der Low-Budget-Film dank seiner dichten, unheimlichen Atmosphäre aber ein echter Geheimtipp.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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