(„Cavalry“ directed by John Michael McDonagh, 2014)

Am Sonntag bist du tot

„Am Sonntag bist du tot“ erscheint am 24. März auf DVD und Blu-ray

Viele Jahre schon hat Vater James Lavelle (Brendan Gleeson) seinen Schäfchen die Beichte abgenommen, und eigentlich dachte der Geistliche, in seinem Leben alles schon einmal gehört zu haben. Das jedoch sicher nicht: Ein Mann erzählt ihm, als Kind regelmäßig von einem Priester missbraucht worden zu sein und bis heute dieses Trauma nicht überwunden zu haben. Da er sich an dem Schuldigen nicht mehr rächen kann – der ist schon vor einiger Zeit verstorben –, soll Lavelle für das Vergehen des anderen büßen. Eine Woche Zeit bleibt ihm, mit dem Leben abzuschließen. Einfach ist das nicht. Seine fragile Tochter Fiona (Kelly Reilly) kommt nach einem gescheiterten Selbstmord zu Besuch, und auch bei den Einwohnern des kleinen Dorfes liegt viel im Argen.

Einige Tage nach In the Name of the Son kommt bereits der nächste Film in den Handel, der das schwierige Thema Kindesmissbrauch durch Geistliche auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise angeht. Während man beim belgisch-französischen Artverwandten nie so genau wusste, ob man gerade eine Satire oder ein Drama sieht, ist der Fall bei den Iren deutlich klarer. Auch wenn die skurrilen Figuren, die Picket Fences seinerzeit alle Ehre gemacht hätten, zum Schmunzeln anregen, eine Komödie wie gelegentlich behauptet ist Am Sonntag bist du tot sicher nicht. Und auch der Rahmen eines angekündigten Mordes hat auf das Geschehen nur indirekt Einfluss. Zwar tappt man als Zuschauer im Gegensatz zu Lavelle im Dunkeln, wer der Täter sein wird – dafür laufen einfach zu viele kaputte Typen durch das Dorf –, aber auch diese Krimielemente sind eher ein Nebenschauplatz.

Das soll nicht heißen, dass Am Sonntag bist du tot ohne Spannung ist. Doch liegt die hier eben nicht in der Mördersuche. Gibt es einen Gott? Wo ist er, wenn mir ein Unglück geschieht? Wie gehe ich mit dem Verlust einen geliebten Menschen um? Womit kann ich die Leere in meinem Leben füllen? Wirklich Glücklich ist in dem Film niemand, sie alle durchleben Krisen und suchen nach einem Ausweg aus denselben. Das kann Religion sein, aber auch Gewalt, Ehebruch, Alkohol. Der Kindesmissbrauch, welcher den Stein ins Rollen bringt und Lavalle zu seinen Streifzügen durch den Ort veranlasst, ist dabei nur einer der Facetten, das Leben kann hier auf viele Art und Weisen scheitern. Und selbst wer das nicht tut, blickt unentwegt in Abgründe: Der erfolgreiche, ortsansässige Schriftsteller will sich das Leben nehmen, bevor es sein Körper tut. Und auch Lavalle, der zu Beginn des Films alles im Griff zu haben scheint, gleitet ab, beginnt zu trinken oder seinen Mitbürgern Gewalt anzutun.

Dieser zunehmende Abstieg Lavalles ist dann auch die einzige wirkliche Entwicklung innerhalb von Am Sonntag bist du tot. Zwar wird jeder Tag schön mit der Nennung des Wochentages eingeleitet, doch die Dramaturgie steigert sich nicht merklich zum alles entscheidenden Sonntag hin. Wer wahllos eines der sieben Kapitel einschaltet, würde kaum sagen können, an welcher Stelle des Filmes man sich befindet. Figuren kommen und gehen, erzählen ihr Leid oder auch nicht, am Ende hat sich nicht wirklich etwas getan. Dass einige Amazon-Rezensenten darauf mit Wut reagieren und den Film als langweilig bezeichnen, ein Wunder ist das nicht: Hier überwiegen ruhige Einstellungen, oftmals wortlose, Kontemplation statt Aktion.

Doch wer sich darauf einlässt und kein Problem mit der spröden Erzählweise hat, der wird schnell gefangen von dem Sammelsurium an gescheiterten Existenzen und den brutal intensiven Einzelszenen. Getragen wird der Film dabei durch den irischen Veteran Brendan Gleeson, der auch ohne viele Worte als Stimme der Vernunft die Stille mit Leben erfüllt. Dahinter tummeln sich eine Reihe weiterer talentierter Schauspieler, wenngleich deren Figuren meist nur Stichwortgeber sind. Viel mehr als ihre jeweilige Sinnkrise und die Reaktion hierauf erfahren wir nicht, und doch sie zwingen Lavalle sich mit den traurigen und zugleich existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Und den Zuschauer gleich mit. Am Sonntag bist du tot ist ein Film zum Nachdenken, über Schuld und Sühne, über Verzweiflung und Erlösung, Rache und Vergebung. Darüber, wer wir sind, wer wir sein wollen. Und was es heißt, in einem Leben zu stecken, dessen Verlauf wir nicht immer in unseren Händen haben.



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Am Sonntag bist du tot
4.13 (82.67%) 15 Artikel bewerten

Am Sonntag bist du tot
Kindesmissbrauch und seine Folgen: Ein später Rachefeldzug zwingt einen Geistlichen, sich mit den Abgründen seiner Gemeinde auseinanderzusetzen. Das ist aufgrund der skurrilen Figuren streckenweise amüsant, vor allem aber ein intensives Drama, das trotz der fehlenden Entwicklung und ruhigen Erzählweise sehr zum Nachdenken anregt.
7von 10

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