(„The Homesman“ directed by Tommy Lee Jones, 2014)

The HomesmanDie Reise ist gefährlich, Lohn gibt es keinen – kein Wunder, dass sich niemand darum reißt, Arabella Sours (Grace Gummer), Theoline Belknapp (Miranda Otto) und Gro Svendsen (Sonja Richter) nach Iowa zu bringen. Wer will schon alleine mit drei geisteskranken Frauen durch den Wilden Westen fahren? Die alleinstehende und gottesfürchtige Farmerin Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) erklärt sich dennoch bereit, die Strapazen auf sich zu nehmen und erhält dabei Unterstützung von dem heruntergekommen Outlaw George Briggs (Tommy Lee Jones). Und das auch nur als Gegenleistung dafür, dass sie ihn vor dem Strick bewahrt.

Fast zehn Jahre sind vergangen seit Tommy Lee Jones mit Three Burials schon einmal einen Western inszenierte. Für seine nunmehr vierte Regiearbeit The Homesman schnappte sich der Schauspielveteran nun den gleichnamigen Roman von Glendon Swarthout. Auf dem Weg auf die große Leinwand wurde die Anzahl der zu transportierenden Frauen zwar von vier auf drei reduziert, die Grundgeschichte blieb aber erhalten. Noch immer steht hier also eine bärbeißige Frau im Mittelpunt, die durchaus ihren Mann steht, den größtenteils verweichlichten und ängstlichen Mitgliedern des „starken“ Geschlechts sogar einiges voraus hat. Dem oft sehr maskulin geprägten Genre stellt das Westerndrama damit einen betont feministischen Gegenentwurf entgegen, auch wenn hier nicht alles ganz ernst gemeint ist.The Homesman Szene 1

Wenn ein religiöses Mannsweib auf ein respektloses Raubein wie Briggs trifft, dann ist klar, dass hier in regelmäßigen Abständen die Fetzen fliegen. Tatsächlich ist The Homesman, dem traurigen Thema zum Trotz, oft sogar richtig lustig. Vor allem Mary Bees vergebliche Versuche, einen Mann zu finden, sorgen regelmäßig für Erheiterung, denn angesichts ihres dominanten Verhaltens suchen die potenziellen Partner dann doch lieber das Weite. Dass nach der anfänglichen Ablehnung und diversen Streitereien die beiden langsam zueinander finden und die Vorzüge des anderen erkennen, neu ist das sicher nicht, der Weg dorthin aber zumindest unterhaltsam.

So stark das Schauspielgespann auch auftritt und sich gegenseitig immer wieder an die Wand spielt, den größten Eindruck hinterlassen andere. Allen voran wäre da die Prärie: In traumhaften Bildern fängt Jones das staubig-raue Flair des Wilden Westens ein, in dessen Einsamkeit der eigene Tod oft der einzige Begleiter ist. Hervorragend sind aber auch die drei Nebendarstellerinnen Gummer, Otto und Richter, die oft nur Mimik und Gestik zur Verfügung haben, um ihre traurigen Hintergrundgeschichten zu erzählen. Anfangs nicht mehr als undurchsichtige Furien, werden mittels Flashbacks nach und nach die Ursachen ihres Geisteszustandes offengelegt, mit erschütterndem Ergebnis und Szenen, die durch Mark und Bein gehen. Davon hätte man gerne noch mehr gesehen, in der zweiten Hälfte spielen die drei Passagiere keine große Rolle mehr. Überhaupt ist es grotesk, wie sehr manches großes Schauspieltalent hier an den Rand gedrängt wird. Meryl Streep, James Spader, William Fichtner, Tim Blake Nelson – sie alle haben so kurze Auftritte, dass man sie leicht verpasst, wenn man sich im falschen Moment entschließt, die Toilette aufzusuchen.The Homesman Szene 2

Während die Miniauftritte aber eher ein Fall von nicht genutztem Potenzial sind anstatt richtiger Schwächen, gibt es durchaus Punkte, die man bei The Homesman kritisieren kann – und diese betreffen in erster Linie das letzte Drittel. Schwierig ist zum einen, dass die Figuren plötzlich Verhaltensweisen an den Tag legen, die nur schwer mit dem zu vereinen sind, die wir vorher rund anderthalb Stunden sehen durften. Zusätzlich hat der Film zum Schluss auch noch mit einer gewissen Beliebigkeit zu kämpfen. Das Ende der Geschichte ist irgendwann erreicht, The Homesman läuft aber weiter – ohne jedoch wirklich etwas zu erzählen zu haben. Zusammen mit dem Glaubwürdigkeitsproblem hinterlässt der seltsam ziellose Ausklang einen unschönen Nachgeschmack, der die vielen positiven Aspekte vorher zwar nicht zunichte macht, sie aber unnötig beeinträchtigt.

The Homesman läuft seit 18. Dezember im Kino



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The Homesman
3.85 (76.92%) 13 Artikel bewerten

The Homesman
Der feministisch angehauchte Western hinterlässt über weite Strecken dank der herausragenden Schauspieler, des gelegentlichen Humors und der traumhaften Bilder einen sehr guten Eindruck. Zum Schluss verliert The Homesman jedoch etwas die Orientierung und auch die Glaubwürdigkeit.
7von 10

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Der Mann, der die Frauen wieder nach Hause begleitet; so die Titelfigur. Und die hat Raubein Tommy Lee Jones gleich selber übernommen. T.L.J. spielt das großartig. Zum Teil knallhart, aber auch sehr gefühlvoll. Die drei Frauen (Grace Gummer, Sonja Richter und Miranda Otto) sind ebenso ganz große Klasse. Sie verdeutlichen wie das erlittene Leid im Wahnsinn enden kann. Man kann das förmlich spüren. Das sind ausdrucksstarke Psycho-Rollen, zu denen Hilary Swank als Mary Bee Cuddy, eine sehr fromme Methodistin, hervorragend passt. Der von ihr erzwungene Beischlaf und ihr Ende sind zwei des sonst an Höhepunkten keineswegs armen Films. Diese vier Frauen tragen den Film und geben T.L.J. (alias George Briggs) Gelegenheit sein ganzes schauspielerisches Potential voll auszuspielen. Da wäre noch seine Racheaktion am Hotel ‘Lonsome‘ zu nennen. Hier kommt der Gerechtigkeitssinn voll auf seine Kosten. George Briggs verabschiedet sich von seiner anfänglichen Geldgier und übernimmt Verantwortung, er durchläuft eine Entwicklung vom Gauner zum Helden. Deshalb ist das Entscheidende an diesem Film, dass man sich von der Zuschauerperspektive, die wir kennen und die uns bisher so an den Western gefesselt hat, verabschieden müssen, denn eigentlich ist hier alles anders. Dazu gehört vor allem die Schilderung der zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Briggs und Cuddy. Wäre noch die hervorragende Kameraarbeit von Rodrigo Prieto zu nennen, dem es gelingt, die Weite der Landschaft mit ihrer feindseligen Trostlosigkeit, zum sechsten Hauptdarsteller zu machen. Eine Weiterentwicklung des Westerns, ein wahrer Gewinn.

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