(„Something Necessary“ directed by Judy Kibinge, 2013)

Something NecessaryDie Figuren sind erfunden, die Geschichte dahinter ist es nicht – so kommentiert ein knapper Vorspann die Geschehnisse in Something Necessary. Und diese Geschichte ist alles andere als schön. Bis kurz vor Schluss sah alles danach aus, als würde Oppositionsführer Raila Odinga den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in Kenia Ende 2007 davontragen. Doch dann, quasi auf den letzten Metern, wendete sich das Blatt und der bisherige Amtsinhaber Mwai Kibaki wurde zum Gewinner erklärt. Wahlbetrug schrien Odinga und seine Anhänger, auch die internationalen Beobachter hatten ihre Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Ergebnisse. Als Folge brachen im ganzen Land Unruhen aus, mehr als 1500 Menschen sollen bei den blutigen Auseinandersetzungen getötet worden sein.

Anne (Susan Wanjiru) hat überlebt, doch der Preis war hoch. Als sie im Krankenhaus aufwacht, erfährt sie dass ihr Mann beim nächtlichen Überfall auf ihre Farm getötet wurde, das Haus wurde niedergebrannt, ihr Sohn liegt im Koma. Doch Anne lässt sich nicht unterkriegen, besteht trotz aller Widerstände darauf, die Ruine wieder aufzubauen und dort zu leben. Während sie so um ihr altes Leben kämpft, will der junge Joseph (Walter Lagat) genau das hinter sich lassen. Er gehörte zu der Gang, die für den Überfall verantwortlich war und wird seither von seinem schlechten Gewissen geplagt. Also versucht er, Anne zu helfen, ohne dass sie etwas davon mitbekommt, und gleichzeitig in Nairobi etwas Neues aufzubauen. Doch die Anderen Mitglieder sind nicht bereit, ihn ohne Weiteres gehen zu lassen.Something Necessary Szene 1

Wir alle sind mit ihnen aufgewachsen, den Filmen aus Hollywood. Und natürlich denen unseres Mutterlandes, vermutlich auch denen unserer europäischen Nachbarn. Etwas älter geworden, dürften bei den meisten auch asiatische Begegnungen hinzugekommen sein, Partial Arts zum Beispiel, Anime, Bollywood. Spärlicher ist im Vergleich schon das Angebot aus Südamerika oder Australien, nur selten verwirren sich Filme von dort in unsere Kinos. Ganz finster wird es aber, wer als Otto-Normal-Schauer Werke in einer Quizshow aus Afrika nennen muss. Einige werden sich vielleicht noch an die botsuanische Komödie Die Götter müssen verrückt sein und deren Fortsetzungen erinnern. Aber sonst?

Hauptgrund für den mangelnden Output ist natürlich, dass in ärmlichen Ländern die Möglichkeiten äußerst gering sind, es einfach kaum Zugang zu der notwendigen technischen Ausrüstung gibt. Und so entschied sich der ewig umtriebige Tom Tykwer vor einigen Jahren, zusammen mit seiner Frau Marie Steinmann die Produktionsfirma „One Fine Day“ zu gründen, die jungen afrikanischen Filmemachern bei der Umsetzung ihrer Projekte helfen soll. Something Necessary ist eines dieser Projekte, doch „fine“ wäre so ziemlich das letzte Wort, das man für das harte Drama heranziehen würde.

Die Grundkonstellation – Opfer und Täter begegnen sich, das Opfer erkennt den früheren Angreifer jedoch nicht – erinnert an Schuld sind immer die Anderen. Während der deutsche Film aus dieser Situation ein kammerspielartiges Drama mit starken Thrilleranleihen bastelte, interessiert sich Regisseurin Judy Kibinge für diesen Aspekt aber kaum. Wenn Something Necessary in Erinnerung bleibt, dann auch nicht durch Spannung oder intensive zwischenmenschliche Szenen, sondern durch seine eindringlichen, teilweise verstörenden Bilder und die schonungslose Darstellung einer zerrissenen Gesellschaft.Something Necessary Szene 2

Zudem vermeidet es die kenianische Regisseurin, Anne auf einen bemitleidenswerten Gutmenschen reduzieren zu wollen. Willensstark ist die Krankenschwester, unnachgiebig und auf ihre Weise auch rücksichtslos: In ihrem Kampf um ihr altes Leben schreckt sie vor nichts zurück, ignoriert dabei auch, dass ihr Sohn nach den traumatischen Erfahrungen gar nicht mehr in das alte Haus zurück will. Was als einfaches Betroffenheitsdrama beginnt, wandelt sich so zu dem komplexen Porträt einer Frau, die sich gegen jede Form von Bevormundung und Fremdbestimmung auflehnt. Und da spielt es keine Rolle, ob dies durch gewalttätige Jugendliche, wohlmeinende Kolleginnen oder eine patriarchisch geprägte Gesellschaft geschieht. Nein, „fine“ ist das Ergebnis sicher nicht oder im eigentlichen Sinn unterhaltsam, dafür aber eindrucksvoll und wie der Titel schon sagt: „Something Necessary“.

Something Necessary ist seit 28. März auf DVD erhältlich

Something Necessary
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Something Necessary
Ein ehemaliges Opfer kämpft gegen Bevormundung und für das Recht, ihr altes Leben fortzusetzen. Das kenianische Drama ist sicher kein schöner Film, beeindruckt dafür aber mit seinen eindringlichen Bildern und der komplexen Hauptfigur.
7von 10

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