(„Saving Mr. Banks“ directed by John Lee Hancock, 2013)

50925_SMrBanks_HP_A3_rz.indd„A Spoonful of Sugar“, „Supercalifragilisticexpialidocious“, „Let’s Go Fly a Kite“ – wann immer wir den Namen Mary Poppins hören, dann trippeln diese Lieder fast unweigerlich über unsere Lippen. Dabei vergisst man leicht, dass die Geburtsstunde des Kindermädchens mit den magischen Kräften gar nicht das Disney-Musical von 1964 war, sondern eine Romanreihe von P. L. Travers, die dreißig Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte. Und wenn es nach der australischen Schriftstellerin gegangen wäre, hätte es auch dabei bleiben können.

20 Jahre ist Walt Disney (Tom Hanks) schon hinter der störrischen Autorin her, damit diese ihm doch endlich die Filmrechte an ihrem Kinderbuch überlässt. 20 Jahre fragen, bitten, fast betteln. Doch Travers (Emma Thompson) gibt sich unerbittlich. So oft Disney auch Anlauf nahm, so oft ließ sie ihn in die Leere laufen. Niemals, niemals, niemals! Aber nicht einmal eine weltberühmte Autorin kann sich den Zwängen der Welt völlig entziehen: Als ihr Geld knapp wird und sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, stimmt sie zu, nach Hollywood zu fahren und persönlich über eine mögliche Umsetzung zu wachen. Und dass die ganz anders aussehen sollte als vom Mäuseimperium gedacht, lässt sie jeden spüren: Disney selbst natürlich, aber auch den Drehbuchautor Don DaGradi (Bradley Whitford) sowie die Komponisten Richard (Jason Schwartzman) und Robert Sherman (B.J. Novak). Nur mit Chauffeur Ralph (Paul Giamatti) schließt sie nach einigem Zögern Freundschaft, der einzige Mensch, dem die Wahllondonerin so etwas wie Respekt entgegenbringt.SAVING MR. BANKS

Was wurde im Vorfeld Saving Mr. Banks zum Oscar-Kandidaten hochstilisiert, wohl auch beeinflusst von den 13 Nominierungen, die Mary Poppins seinerzeit erhielt. Am Ende reichte es hier aber nur für eine Nennung bei der besten Filmmusik. Hanks wurde ebenso wenig berücksichtigt wie Thompson, obwohl sie vorher als eine der Favoritinnen für die begehrte Trophäe galt. Und wer sie gesehen hat, versteht auch warum: Als kratzbürstige Travers ist sie der unumstrittene Mittelpunkt des Films; es macht einfach wahnsinnig viel Spaß, wie sie ein ums andere Mal der heilen Disney-Welt gegens Schienbein tritt und die aufgesetzte Freundlichkeit an sich abprallen lässt. Im Vergleich dazu ist Disney, der bei Hanks zum Gute-Laune-Bär mit lang gehegten Kinderträumen wird, keine sonderlich spannende Figur.

Die große Überraschung ist aber ein weiterer Handlungsstrang, der keine große Beachtung bei Buchmachern und Pressetexten fand: Parallel zu den Überzeugungsversuchen Disneys wird erzählt, wie Travers eigentlich zu ihrer Geschichte kam. Und das führt uns in ihre Kindheit in Australien, zu ihrem Vater Travers Goff (Colin Farrell) und ihrer Mutter Margaret (Ruth Wilson). Vor allem die Verbindung zum Vater ist sehr eng, der ihren Hang zur Fantasie teilt und hinter jedem Moment, hinter jedem Steine eine Geschichte sieht. Doch für die harsche Arbeitswelt ist der Bankangestellte weniger gemacht und erliegt so mehr und mehr seiner Alkoholsucht.

Dass die Rolle ausgerechnet mit Farrell besetzt wurde – der Hollywood-Star litt selbst jahrelang an dieser Sucht – kann man geschmacklos finden oder auch brillant, für den Film ist der Ire auf jeden Fall ein absoluter Glücksgriff. Wenn er seiner jungen Tochter die Tore zu einer anderen Welt öffnet, will man auch weit jenseits des Kindheitsalters wieder an Magie im Alltag glauben, an die Macht der Träume. Und umso härter trifft es einen, wenn er in seinem alkoholdurchtränkten Amoklauf sich selbst, aber auch das Leben seiner Familie zerstört.Saving Mr. Banks Szene 2

Die Verbindungen von der Vergangenheit zur Gegenwart werden ein bisschen mit der Brechstange ins Bewusstsein der Zuschauer geprügelt. Und auch was deren intendiertes Gefühlsleben angeht, lässt Regisseur John Lee Hancock keine Grautöne zu. Hier wird emotionell manipuliert, als ginge es um Leben und Tod. Aber selbst wenn man die Mechanismen schnell durchschaut, sich der wenig subtilen Methoden bewusst ist, effektiv ist Saving Mr. Banks auch dann noch. Irgendwann bröckelt beim größten Zyniker, analog zu Travers, die Mauer. Und bevor man sich versieht, freut man sich, wenn ihr erfrorenes Herz sich wieder öffnet und weint mit ihr um ihren Vater.

Viel wurde darüber geschrieben, wie geschönt Saving Mr. Banks doch ist. Sicher stimmt das, die diversen dunklen Seiten, die Walt Disney nachgesagt werden, existieren hier nicht. Und doch geht dieser Vorwurf am Ziel vorbei. Nicht nur dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Firmengründer sicher nicht von dessen Erben zu erwarten war, hier geht es überhaupt nicht um Disney selbst. Selbst die konkreten Hintergründe von Mary Poppins sind hier zweitrangig, ein bloßer Mittel zum Zweck. Was die Tragikomödie eigentlich will, ist uns an die Magie von Filmen erinnern, daran wie Geschichten das Leben lebenswerter machen können, traurige Ereignisse verwandeln, uns Halt geben, uns zum Lachen bringen, zum Weinen. Und so wurde Saving Mr. Banks am Ende selbst zu einem Märchen, so wie viele Filme von Walt Disney. Und so, wie es Mary Poppins vor bald genau 50 Jahren war.

Saving Mr. Banks
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Saving Mr. Banks
Weniger Dokumentation, vielmehr Märchen erzählt Saving Mr. Banks die Entstehungsgeschichte von Mary Poppins. Geschönt ist das natürlich ohne Ende, aber so effektiv inszeniert und so gut gespielt, dass man nur zu gerne mit den Figuren lacht und weint.
8von 10

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