(„Aurora“ directed by Kristina Buozyte, 2012)

Vanishing WavesWas genau geht eigentlich in Komapatienten vor? Haben sie ein Bewusstsein? Viele Menschen haben sich darüber den Kopf zerbrochen, sei es aus medizinischen, philosophischen oder auch ganz persönlichen Gründen – Maschinen abschalten, ja oder nein. Doch keiner konnte das je wirklich beantworten. Klar, Gehirnströme lassen sich messen – aber was heißt das schon?

Ein neues Forschungsprojekt soll dieses Mysterium daher endlich klären: Mit Hilfe von Neurotransmittern und eingeschlossen in einem dunklen Salzwasserbecken, versucht der junge Doktor Lukas (Marius Jampolskis) Verbindung zu einer ihm fremden Person aufzubauen und hat damit mehr Erfolg als erwartet. In diesem gemeinsamen Bewusstsein trifft er auf eine Frau (Jurga Jutaite), immer wieder, und erlebt mit ihr auch erotische Abenteuer.

Diese Erfahrungen bleiben natürlich nicht ohne Folgen. Fasziniert von dieser Unbekannten, entwickelt Lukas bald Gefühle für sie, während die für seine Freundin Lina (Martina Jablonskytė) merklich abkühlen. Also beginnt er, eigene Nachforschungen zu stellen, will wissen, mit wessen Bewusstsein er sich da immer wieder verbindet, was die Geschichte der Frau ist. Bald schon hat Lukas ganz eigene, nicht unbedingt wissenschaftliche Gründe, die Versuche fortzusetzen und verschweigt den Wissenschaftlern auch, was wirklich während der Experimente geschieht.Vanishing Waves Szene 1

Wenn es nach Vanishing Waves geht, gleicht ein Koma einem Traum. Entsprechend wenig zusammenhängend und auch surreal sind die Erfahrungen, die Lukas während der Experimente erlebt. Diffuse Bilder, ein unvollständiges Haus am Strand, häufig wechselnde Szenen ohne jegliche Erklärung – gerade in der ersten Hälfte sehen die „Traumsequenzen“ absolut grandios aus. Regisseurin Kristina Buozyte versteht es, mit wenigen Kniffen, geschickten Kamerafahrten und ohne Computereffekte bizarre, geradezu verstörende Szenerien aufzubauen. Anders als andere Filme, die im Bewusstsein spielen – etwa Inception oder The Congress – lauert hier hinter den sonnendurchfluteten Aufnahmen oft das Dunkle, Zerstörte, Hässliche. Und das Verdrängte.

Leider hält die Faszination aber nicht über die gesamten zwei Stunden an. Erstes Problem ist, dass der litauische Film schlicht zu lang ist, manche Szenen – gerade die erotischen Begegnungen der beiden – zu sehr ausbreitet. Schlimmer noch ist aber, dass Buozyte, die auch am Drehbuch mitschrieb, nicht so recht wusste, was sie mit der Geschichte anfangen soll. Der Grundgedanke, in das Bewusstsein eines anderen Menschen einzutauchen, wurde schon in mehreren Filmen aufgegriffen, zum Beispiel nutzte vor fast 30 Jahren Dennis Quaid in Dreamscape – Höllische Träume telepathische Fähigkeiten, um in die Träume von anderen einzusteigen. Und die Kombination aus Komapatient und Liebesgeschichte kennt man aus dem Roman „Solange du da bist“ von Marc Levy bzw. dessen Verfilmung mit Reese Witherspoon.Vanishing Waves Szene 2

Umso wichtiger wäre es daher, über das Komamotiv hinaus noch eine interessante Handlung zu haben – und die bleibt hier aus. Über eine längere Strecke weckt Vanishing Waves den Eindruck, die Traumerfahrungen im Rahmen eines Thrillers abhandeln zu wollen, ähnlich wie es Der Hypnotiseur dieses Jahr gemacht hat. Was ist passiert? Wie konnte es zu ihrem Unfall kommen? Wer ist der Mann, der immer wieder auftaucht? Doch eine Auflösung für die krimiähnlichen Elemente gibt es nicht, der Film endet ohne Erklärung. Sonderlich befriedigend ist das nicht. Dank der tollen Szenen, gerade der besagte Bilderrausch in der ersten Hälfte, ist der Science-Fiction-Film dennoch einen Blick wert.

Vanishing Waves ist seit 27. September auf DVD und Blu-ray erhältlich

Vanishing Waves
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Vanishing Waves
Kopf ein, Kopf aus – in Vanishing Waves erleben zwei Menschen ungezügelte Eskapaden im Bewusstsein einer Komapatientin. Das bedeutet vor allem in der ersten Hälfte einen grandiosen Bilderrausch. Auf der Handlungsseite ist man hingegen weniger einfallsreich, eine wirkliche Auflösung zum Schluss gibt es nicht.
6von 10

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