(„William Vincent“ directed by Jay Anania, 2010)

Schatten und LügenErst ein farbenfrohes Familienspektakel (Die fantastische Welt von Oz), dann ein düsterer Thriller (The Iceman), die bizarre Genremischung Spring Breakers und zuletzt die derbe Weltuntergangskomödie Das ist das Ende – es gibt derzeit wohl keinen Schauspieler, der wilder, man könnte auch sagen wahlloser, zwischen den Genres, zwischen Blockbuster und Low-Budget hin und her springt als James Franco. Das gilt vor allem dann, wenn man seine sehr ambitionierten Independentsachen hinzunimmt, bei denen künstlerische Selbstverwirklichung so deutlich im Vordergrund steht, dass sie hierzulande kaum einer erst dem breiten Publikum zeigen mag.

Schatten & Lügen ist einer dieser Filme. Entstanden ist dieser schon 2010, doch erst jetzt fasst sich ein Verleih in Deutschland ein Herz und bringt das Krimidrama in die hiesigen Läden. Und es verwundert nicht wirklich, warum es Zweifel an der kommerziellen Verwertbarkeit gab. Dabei erinnert Schatten & Lügen zunächst an den recht gelobten aber herkömmlichen The Iceman. In beiden Fällen wird ein bislang unbescholtener Bürger aufgrund seiner kaltblütigen Art quasi von der Straße weg von einem Gangsterboss engagiert wird. In diesem Fall gilt das zweifelhafte Lob William Vincent (Franco), der durch einen Taschendiebstahl die Aufmerksamkeit des Profigauner (Josh Lucas) erregt. Als Tags drauf Mittelsmann Victor (Martin Donovan) bei William auftaucht, willigt Letzter ein, seine Fähigkeiten dem organisierten Verbrechen zur Verfügung zu stellen.Schatten und Lügen Szene 1

Der Film beginnt jedoch nicht an der Stelle, sondern vier Jahre später, als William nach New York zurückkehrt. Vier Jahre hatte er im Exil verbracht, nachdem er sich unpassenderweise in Ann (Julianne Nicholson) verliebt hatte. Unpassend deshalb, weil die Prostituierte Eigentum seines Bosses ist. Und der schätzt es nicht, wenn sich jemand an seinem Besitz zu schaffen macht. Schatten & Lügen wechselt danach mehrfach die Zeitebene, erzählt mal, wie William in die Dienste seines Bosses geriet und springt dann wieder zur Gegenwart. Wobei „erzählen“ vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist, denn eine Geschichte gibt es hier praktisch nicht. Geredet wird kaum, geschossen noch weniger.

Dafür dominieren Bilder das Geschehen. Dunkle Bilder von New York bei Nacht, Seitenstraßen, Restaurants. Vor allem aller Bilder der Protagonisten, Nahaufnahmen von vorne, von hinten, der Seite. Besonders Franco steht so oft und lange im Fokus. Das hört sich nicht aufregend an und wird es für die meisten auch nicht sein. Schatten & Lügen aus inhaltlichen Gründen anschauen zu wollen, wird unweigerlich zu Frustration und Langeweile führen. Und doch geht von dem Film eine gewisse Faszination aus, die eben auf diese Bilder zurückzuführen sind, düster und stimmungsvoll. Zusammen mit der Musik, den sparsamen Dialogen und immer wieder eingeworfenen wissenschaftlichen Beiträgen, die keinen Bezug zu der Geschichte haben, entsteht so eine ganz eigene, melancholische Atmosphäre.

Schatten und Lügen Szene 2

Reicht das aus, um einen ganzen Film zu tragen? Das eher nicht, dafür ist Schatten & Lügen mit seinen 100 Minuten schlicht zu lang. Als Kurzfilm hätte er wirklich großartig werden können. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Jay Anania, übrigens eine der Dozentinnen von Franco an dessen Universität, hatte sich offensichtlich Größeres vorgenommen und setzt ohne Kompromisse auf einen Film, der mehr Kunst als Handlung sein will. Als solcher hat er auch durchaus seinen Reiz, erfordert aber durch seine extrem ruhige Erzählweise eine Geduld, die wohl nur die wenigsten werden aufbringen können.

Schatten & Lügen ist seit 24. September auf DVD und Blu-ray erhältlich

Schatten und Lügen
4 (80%) 9 Artikel bewerten

Schatten und Lügen
Schatten gibt es in dem Krimidrama tatsächlich mehr als genug, sowohl in Form düsterer, sehr stimmungsvoller Bilder aber auch in qualitativer Hinsicht: Schatten & Lügen enthält kaum Dialoge und noch weniger Handlung. Die meisten Zuschauer werden deshalb trotz der gelungenen Atmosphäre nicht die Geduld aufbringen können, sich den gesamten Film anzuschauen.
5von 10

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