(„Kid-Thing“ directed by David Zellner, 2012)

Kid-ThingMal zerstört sie eine Toilette mit ihrem Baseballschläger, dann klaut sie einem Mädchen im Rollstuhl deren Geschenke oder bewirft vorbeifahrende Autos vom Straßenrand aus mit Aufbackbrötchen – wenn die zehnjährige Annie (Sydney Aguirre) während eines Telefonstreiches behauptet, der schlimmste Alptraum des Gegenübers zu sein, ist man durchaus geneigt ihr zuzustimmen. Aber wozu auch gut sein in einer Welt, die das Gutsein nicht honoriert? Die nicht einmal weiß, dass es dich gibt?

Zu Schule geht Annie schon seit Tagen nicht mehr, seitdem diese aufgrund eines Gaslecks geschlossen wurde. Eine Mutter gibt es auch nicht in ihrem Leben. Der Vater? Ja, der ist da, aber viel zu sehr mit Rubbellosen beschäftigt, um sich um seine Tochter zu kümmern. So beschäftigt, dass er nicht einmal mitbekommt, dass die Schule zu ist oder Annie Teil der Fußballmannschaft war. Und auch Freunde fehlen völlig, die ihr Rückmeldung auf ihr sonderliches teils niederträchtiges Verhalten geben könnten. Die einzige Person, mit der sie tatsächlich eine Art Austausch führt, zu der es so was wie einen menschlichen Kontakt gibt, ist ausgerechnet jemand, von dem wir bis zuletzt nicht erfahren, ob er ein Mensch ist: Esther, eine vermutlich ältere Dame, die im Wald in ein Loch gefallen sein soll. Mit ihr unterhält sich Annie immer wieder, bringt ihr zu essen und zu trinken, weigert sich aber, ihr aus dem Loch zu helfen. Schließlich könnte Esther auch der Teufel sein.

Kid-Thing Szene 1

Aber vielleicht ist Esther auch nur eine Einbildung, das seltsame Konstrukt von Annies Fantasie, so wie auch vieles anderes in Kid-Thing äußerst seltsam ist. Anders als etwa bei Beasts of the Southern Wild, bei dem ebenfalls das Kind von Außenseitern sich in einer fremden Welt zurechtfinden muss, wird hier nie die Grenze zum Fantastischen überschritten. So eigenartig das Verhalten auch sein mag – wer kommt bitteschön auf die Idee, Hühner hypnotisieren zu wollen oder Kuhkadaver mit Farbe zu bespritzen? – wir halten uns immer am Rande dessen auf, was wir noch für real halten können. Unwahrscheinlich, ja, geradezu bizarr, aber eben auch immer möglich.

Dieser Eindruck des Bizarren wird durch die allgegenwärtige Apathie noch weiter verstärkt. Die Zerstörungswut des kleinen Mädchens geschieht nicht aus Lust an Gewalt oder aus Protest gegen die Welt, sondern – sofern man ihrem Gesichtsausdruck Glauben schenken darf – aus Langeweile. Vielleicht auch aus einer inneren Leere heraus. Dazu passt, dass hier nur selten gesprochen wird. Manchmal geschieht einige Sekunden sogar gar nichts, dazu Stille, kein Laut, nichts. Zusammen mit dem konsequenten Verzicht auf eine Handlung wird der sperrige Indie-Streifen nur wenig Chancen auf ein großes Publikum haben. Nicht ohne Grund ist der amerikanische Film hierzulande ausschließlich in ausgewählten Kinos zu sehen.

Kid-Thing Szene 2

Doch das sollte alle Filmliebhaber nicht abhalten, die offen sind für etwas andere Erlebnisse und den immer wiederkehrenden Einheitsbrei leid sind. Denn gerade durch das entschieden Seltsame wird die Gemeinschaftsarbeit der Zellner-Brüder – David schrieb das Drehbuch und führte Regie, Nathan spielte den Vater und bediente die Kamera – verstörend und ungemein faszinierend. Dass die beiden diesen Effekt mit so einfachen Mitteln erreichen konnten, macht dieses Provinzdrama aus dem texanischen Nirgendwo umso beeindruckender.

Kid-Thing läuft seit 22. August im Kino

Kid-Thing
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Kid-Thing
Ein kleines Mädchen läuft rum, stiehlt, schlägt teilnahmslos Sachen kaputt. Viel Handlung ist das nicht, aber im Fall von Kid-Thing braucht es auch nicht. Das Beeindruckende an dem Provinzdrama ist, wie es mit einfachen Mitteln eine entschieden seltsame, verstörende aber auch faszinierende Geschichte erzählt, ohne je die Realität zu verlassen.
7von 10

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