(„The Tiger’s Tail“, directed by John Boorman, 2006)

The Tiger's TailWachstumsraten von sechs Prozent im Jahr, ein boomender Bausektor – bis 2007 gehörte Irland eindeutig zu den Wachstumslokomotiven Europas. Keltischer Tiger wurde die aufstrebende Wirtschaftsmacht seinerzeit auch genannt. Doch wo viel Licht, da auch Schatten. „Wenn ihr den Tiger nicht fest am Schwanz packt, wird er sich umdrehen und euch anfallen“, warnt Liam O’Leary (Brendan Gleeson) in seiner Dankesrede, als ihm ein wichtiger Wirtschaftspreis verliehen wird. Liam gehört definitiv zu den Gewinnern des Aufschwungs: Er leitet ein erfolgreiches Bauunternehmen, lebt in einem schönen Haus, ist mit der schönen Jane (Kim Cattrall) verheiratet. Das ist fast schon zu viel des Guten.

Insofern ist es nur konsequent, als eines Tages ein Doppelgänger auftaucht, um Liam seines Überflusses zu erleichtern. Oder ist sein zweites, etwas ärmlich aussehendes Ich eine Art schlechtes Gewissen? Die Erinnerung daran, wie viele Menschen während Liams Aufstieg auf der Strecke blieben? Eine wirkliche Erklärung für die mysteriöse Erscheinung fällt dem Geschäftsmann nicht ein, zumal diese auch sonst keiner zu bemerken scheint. Und doch sind die Auswirkungen mehr als real. Und äußerst ungünstig. Liam 2.0 gibt sich nämlich überall als das Original aus, nimmt sich von diesem so alles, was er bekommen kann: Geld, Auto, Anzug. Also muss der Betrogene alles daran setzen, den Übeltäter zu überführen und hinter dessen Geheimnis zu kommen, was Liam schließlich weit in die Vergangenheit führt.The Tiger's Tail Szene 1

Der irische Film The Tiger’s Tail fängt durchaus vielversprechend an, schließlich sind Doppelgänger ein zwar recht alter aber nach wie vor dankbarer Anlass für ein Spiel mit der Wahrnehmung. Leider macht Regisseur und Koautor John Boorman (Der Schneider von Panama) recht wenig aus dieser Grundidee. Das liegt zum einen an der mangelnden Glaubwürdigkeit. Natürlich müssen Thriller nicht realistisch sein, um unterhalten zu können. Wenn aber weder die Hintergrundgeschichte noch die Motivationen der Figuren ansatzweise nachvollziehbar oder plausibel sind, fällt es doch ein wenig schwer, bei dem Ganzen mitzufiebern. Und das ist das viel größere Manko des Thrillers: Er ist nicht wirklich spannend.

Auch der zweite große Aspekt des Films – die Kritik am Turbokapitalismus – wirkt zu gewollt, um überzeugen zu können. Deutlich wird das an Liams Sohn Connor, gespielt von Brian Gleeson, der auch im realen Leben der Sohn des Hauptdarstellers ist. Connor ist leidenschaftlicher Anhänger des Kommunismus und damit das Gegenstück zu seinem Vater. Allerdings beschränkt sich die Rebellion des Filius darauf, ständig auf dem Sofa zu liegen, Bücher zu lesen, Musik zu hören und dann und wann die Hand aufzuhalten, wenn es um sein Taschengeld geht. Interessanter wird es beim Geistlichen, der sich um die Obdachlosen kümmert und immerhin eine Alternative aufzeigt. Aber auch hier beschränkt sich Boorman auf das Plakative, leise Zwischentöne sind leider Mangelware.The Tiger's Tail Szene 2

Hinzu kommt, dass nach dem stimmigen und rätselhaften Beginn der weitere Verlauf sehr vorhersagbar wird: Natürlich wird Liam während seiner Konfrontation mit der Armut eine Wandlung durchmachen und erkennen, worauf es wirklich ankommt. Die gute Absicht des Filmes ist also klar: Den Zuschauer unterhalten und zum Nachdenken über wahre Werte anregen. Gut gemeint war das sicherlich, gut gemacht eher weniger.

The Tiger’s Tail ist seit 29. März auf DVD und Blu-ray erhältlich



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The Tiger’s Tail
4 (80%) 2 Artikel bewerten

The Tiger's Tail
Die Idee, einen sozialkritischen Mysterythriller auf die Beine zu stellen, hat schon was. Leider geht das Konzept nicht wirklich auf, dafür sind die beiden Elemente nicht überzeugend genug ausgearbeitet und wirken zu konstruiert.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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