(„Smultronstället“ directed by Ingmar Bergman, 1957)

Bergman beschreibt in seinem Film Wilde Erdbeeren einen schicksalhaften Tag im Leben eines alten Medizinprofessors, der auf Grund der Ereignisse während einer Autofahrt von Stockholm nach Lund, wo ihm ein Ehrendoktortitel verliehen wird, den Beschluss fasst, sein Leben zu ändern. Im Verlauf jener Autofahrt besucht der Professor verschiedene Orte seiner Vergangenheit, was in ihm Erinnerungen und Reflexionen über sein eigenes Leben hervorruft; gleichzeitig treten verschiedene neue Personen in sein Leben, so drei Junge Leute, die auf der Durchreise nach Italien sind, und ein zerstrittenes Ehepaar – das Zusammenspiel aus Vergangenheit und Gegenwart und die Gewissheit des Bevorstehens des eigenen Todes, hervorgerufen durch einen Traum, bewegen den alten Mann dazu, den wenigen Menschen, die ihm in seinem Leben noch geblieben sind, offener und liebevoller gegenüberzutreten.

Bergman schuf einen faszinierenden Film, der trotz aller Emotionalität niemals kitschig wird. Bezeichnend sind die zahlreichen Rückblenden und surrealistisch angehauchten Traumsequenzen des Professors Isak Borg (Victor Sjöström), die den gealterten Mann mit Schlüsselszenen seiner Vergangenheit konfrontieren: Erinnerungen an jenen Sommer, als Isak seine Jugendliebe Sara (Bibi Andersson) an seinen Bruder Sigfrid verloren hat, an seine Frau Karin (Gertrud Fridh), die ihn mit einem anderen Mann betrogen hat und an seine Abschlussprüfung, durch die er in jenem Traum durchfällt und an deren Ende ihm von seinem Prüfer „Inkompetenz“ bescheinigt wird. So belanglos die dargestellten Ereignisse des Tages auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, besitzen sie für Borg eine enorme Bedeutung. Während der Tonfall im Gespräch mit seiner Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin), seiner Gefährtin auf der Reise, die wegen Eheproblemen einige Zeit bei Borg gewohnt hat, zu Beginn der Fahrt noch sehr schroff ist, entwickelt sich im Zuge der Reise ein freundschaftliches Verhältnis und man spricht sich über die Fehler der Vergangenheit aus. Am Ende des Films ist der schlafende, zufrieden lächelnde Professor zu sehen, der nun offenbar mit sich und der Welt im Reinen ist.

Im Gegensatz zu dem im selben Jahr entstandenen Das Siebente Siegel besitzt Wilde Erdbeeren zwar keine derartige philosophische Tiefe, weiß aber auf menschlicher Ebene umso mehr zu überzeugen, was den Film (für mich zumindest) deutlich ansprechender macht. Die Tragödie um den alten Mann, der auf wissenschaftlicher Ebene ein Genie, aber in privater Hinsicht stets ein Versager war, lässt Parallelen zur „Gelehrtentragödie“ aus Goethes „Faust“ erkennen, denn auch Faust muss erkennen, dass das Leben mehr zu bieten hat als reines Bücherwissen…

Hervorzuheben sind außerdem die grandiosen Schwarz-Weiß-Bilder des Kameramanns Gunnar Fischers, mit dem Bergman auch in anderen Filmen zusammen arbeitete. Herausragend ist vor allem die schauspielerische Leistung Victor Sjöströms, der der Rolle des Isak Borg ein ungeheures Charisma verleiht. Wilde Erdbeeren wurde bei der Berlinale 1958 mit dem goldenen Bären ausgezeichnet und ist aus heutiger Sicht immer noch ein Meisterwerk der Filmkunst.

Wilde Erdbeeren
3.92 (78.33%) 12 Artikel bewerten

Wilde Erdbeeren
10von 10

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2 Responses

  1. Marco Behringer

    Wie immer tolle Rezi 😉
    Auch wenn ich persöhlich ja ein glühender Verehrer von „Das siebente Siegel“ bin, der auf meiner All-Time-Top-10-Liste ganz weit oben rangiert, fand ich auch „Wilde Erdbeeren“ grandios.
    Bergmann schafft es auf magische Weise, aus dem Alltag heraus in die Welt der Erinnerungen einzutauchen. Ein absolutes Muss für jeden Cineasten.

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  2. F.Fröhner

    Mir persönlich hat „Wilde Erdbeeren“ sogar noch ein bisschen besser als der natürlich ebenfalls großartige „Das Siebente Siegel“ gefallen.1957 war für Bergman jedenfalls ein außerordentlich erfolgreiches Jahr. 🙂

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