(„Happiness“ directed by Todd Solondz, 1998)

“I wake up happy, feeling good… but then I get very depressed, because I’m living in reality.”

Happiness ist eine schmutzige, bösartige, schockierende Groteske, die 1998 viel Gesprächsstoff bot und sich auch heute noch hervorragend dazu eignet, Diskussionsrunden anzufeuern. Von vielen Kritikern gefeiert als der beste Film des Jahres, beschäftigt sich Regisseur und Drehbuchautor Todd Solondz mit den sexuellen Trieben und Abgründen verschiedener Menschen, die er alle miteinander verknüpft. Von welchem Blickwinkel man diesen Film betrachtet, hängt dabei von jedem Individuum selber ab – schaut man den Menschen durch den Blickwinkel der Frauen beim Sturz in den Abgrund zu oder anders herum? Letztendlich spielt das jedoch keine allzu große Rolle, denn jeder der Protagonisten, dem ein trauriges Leben von Solondz zugeteilt wird, ist zum Unglück verurteilt, weil er unfähig ist, sich mit seiner Sexualität auseinanderzusetzen , weil entweder er selber oder ein anderer Mitmensch ihm Hoffnung auf Glück vorgaukelt, lediglich, um wenig später enttäuscht zu werden und sein Leben im schlimmsten Fall in Frage zu stellen. Während sich all das wie eine deprimierende Tragödie lesen mag, präsentiert sich gleichzeitig hiermit auch der vielleicht interessanteste Aspekt dieses ungewöhnlichen Werkes, das sich nicht als reine Komödie oder Tragödie kennzeichnen lässt. So bleibt auch das letztlich dem Zuschauer überlassen, wie er auf die einzelnen Szenen reagieren mag – ist man gerührt, lacht man oder ist man schockiert? Ist man über die Vorgänge in diesem Film nicht schockiert, sollte man sich vielleicht über seinen psychischen Zustand Sorgen machen.

Am Anfang begegnen wir Joy (Jane Adams), die gerade mit ihrem Freund (Jon Lovitz in einer wunderbar rührigen 5-Minuten Performance) Schluss macht. Joy wird bald 30 und ist deprimiert, da sie denkt, in ihrem Leben noch nichts auf die Reihe bekommen zu haben. Sie hat einen Job, der sie nicht glücklich macht und lebt noch immer bei ihren Eltern, obwohl sie sich selber einredet, bald ausziehen zu wollen. Joy ist eine der Figuren, um die sich dieses episodenhafte Werk dreht, das immer wieder von Figur zu Figur springt und ständig die Orte und Protagonisten wechselt. Andere Menschen, die porträtiert werden, sind ihre Schwestern, von denen eine – Trish (Cynthia Stevenson) – eine scheinbar glückliche Hausfrau und Mutter ist, während die andere – Helen (Lara Flynn Boyle) – ihr Geld erfolgreich mit dem Schreiben und Veröffentlichen von Büchern verdient. Doch Helen ist unglücklich – vor allem sexuell, auch wenn sie vor ihren Schwestern gerne mit ständig wechselnden, gut aussehenden Männern prahlt, die sie zu befriedigen wissen. Aufgrund dieser Depression, was ihr Sexualleben anbelangt, entschließt sie sich eines Tages dazu, den Mann zu sich einzuladen, der sie ständig anruft und onaniert, während er sie sprechen hört, Helen drohend, dass er sie „ficken werde, bis ihr der Samen aus den Ohren schießt“ – oder so ähnlich.

Dieser Mann ist Allan (Philip Seymour-Hoffman) und nicht weniger glücklich mit seinem Sexualleben als Helen. Er hat das (Un)glück, dass eine seiner Nachbarinnen – Kristina (Camryn Manheim) – in ihn verliebt ist, da sie zu ihm Vertrauen fassen kann, was darin mündet, dass sie ihm eines Nachts von einem Verbrechen erzählt, welches sie begangen hat und was natürlich ebenfalls etwas mit ihrem Sexualleben zu tun hat. Der Therapeut von Allan wiederum ist der Ehemann von Trish, einer der Schwestern von Joy, die ihren Job gekündigt hat und nun als Lehrerin für Einwanderer arbeitet. Trishs Mann Bill (Dylan Baker) hat damit zu kämpfen – und seine Familie weiß davon nichts – dass er pädophil ist und davon träumt, mit kleinen Jungs zu schlafen. Eines Nachts kann er seinen Trieben nicht länger widerstehen und mischt dem 11jährigen Schulfreund seines Sohnes Schlafmittel in ein Sandwich, um ihn schließlich im Schlaf vergewaltigen zu können. Während all das in dem nobel dekorierten Haus der gut verdienenden Bourgeoisie vor sich geht, haben Bills Schwiegereltern (Ben Gazzara und Louise Lasser) mit Eheproblemen zu kämpfen, die in dem Wunsch nach einer Scheidung münden. Auf diese Weise werden zahlreiche Menschen und ihre Probleme mit sich selbst und ihren Mitmenschen in einem zweistündigen, überaus sozialkritischen Film verknüpft.

Die Frage, die hierbei nur schwer bis unmöglich zu beantworten ist, ist jene nach der Botschaft, die uns der Regisseur und Drehbuchautor Todd Solondz vermitteln will. Ist unsere moderne Gesellschaft etwa derart pervertiert, dass ein derartiger Film zu rechtfertigen ist? Muss man diesen Film überhaupt rechtfertigen, indem kleine Kinder vergewaltigt werden, sodass sie am nächsten Morgen Blut im Stuhlgang haben? Dem mit der Moralkeule schwingenden Zuschauer macht es Solondz nicht schwer, in dem er es vermeidet, auch nur einen seiner Charaktere zu verurteilen. Stattdessen scheint er sich fortwährend über sie lustig zu machen, denn da wäre mehr als nur der Blick hinter die Fassade der Bourgeoisie, einer Welt, in der Päderasten zu Hause sind. Im Allgemeinen ist es immer wieder das Motiv, sich nicht mit seinen Gefühlen auseinandersetzen zu können, was letztlich in sexueller Frustration endet, die wiederum in einer Kettenreaktion für Katastrophen sorgt, die vielleicht hätten verhindert werden können – vielleicht aber auch nicht.

Die Gehässigkeit, die für eine durchgehend makabre, absurde Stimmung sorgt, weiß der Regisseur dabei geschickt auszudrücken, in dem er durch Verzerrung parodiert, wie etwa den Umgang von Vater mit dem Sohn, was die sexuelle Aufklärung anbelangt. Zu Hause sitzend ist der kleine Junge beunruhigt, dass sein Körper noch kein Sperma produziert, was den alles andere als verklemmten Vater dazu bringt, ihm anzubieten, ihm zu zeigen, wie man onaniert. Als wäre dies eine Familientragödie ungeheuren Ausmaßes erklingt die schmalzige Musik, sich im Hintergrund aufbäumend, und der Zuschauer, der gar nicht glauben kann, was er da sieht, bäumt sich – im besten oder im schlimmsten Fall – auf vor Lachen.

Ja, Happiness ist geschmacklos und schockierend, allerdings auch eine brillante, bitterböse Satire, weil Todd Solondz weiß, wie er seine Ziele erreichen kann – die exzellenten schauspielerischen Leistungen der Darsteller helfen ihm dabei, wenn es ihm in den besten Momenten gelingt, eine warme Sensibilität, die zu berühren vermag, auf die Leinwand zu zaubern, die für einen Moment all die Bösartigkeit vergessen lässt. All das ist hervorragend gefilmt mit absurden Dialogen und einem perfekten Gefühl für das rechte Timing, das diesen Film niemals langweilig werden lässt. Wenn Sie abschalten, dann dürfte es zumindest nicht daran liegen, dass Sie sich nicht unterhalten fühlen! Unorthodox, ungewöhnlich und kraftvoll bis zum Schluss ist Happiness ein Erlebnis, dass Sie nicht so schnell vergessen werden.

Happiness (1998)
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