(„Midnight Express“ directed by Alan Parker, 1978)

“For a nation of pigs, it sures is funny you don’t eat’em! Jesus Christ forgave the bastards, but I can’t! I hate! I hate you! I hate your nation! And I hate your people! And I fuck your sons and daughters because they’re pigs! You’re a pig! You’re all pigs.“

Im Jahr 2004 entschuldigte sich Oliver Stone, von dem das Drehbuch zu Midnight Express stammt, für diesen Film. Grund war weniger späte Einsicht, sondern der Hass, der ihm seit Veröffentlichung dieses Werks aus der Türkei entgegenschwappte, die er 2004 besuchte und in der er öffentlich sein Bedauern kundtat, dass er dieses Land und seine Bewohner derart negativ dargestellt habe. Die Türken kommen in der Tat nicht sonderlich gut weg in dieser Fiktionalisierung eines realen Stoffes (sodass man quasi von einem rein fiktionalen Stoff ausgehen kann), doch sie waren nicht die einzigen, die sich über diesen Film beschwerten.

Die Geschichte basiert auf einer Begebenheit des Amerikaners Billy Hayes, der sich nach Aufführung von 12 Uhr nachts Stone zur Brust nahm und die Umsetzung seiner Geschichte anprangerte. In Wahrheit, so korrigierte Hayes, sei sein Aufenthalt weit weniger schlimm gewesen und türkische Freunde, die er gehabt habe, ergänzte er, kämen in dem Film letztlich gar nicht vor. Stattdessen sympathisiert er hier, dargestellt von Brad Davis, lediglich mit Amerikanern und einem Schweden. Hollywood ist berüchtigt für seinen freien Umgang mit wahren Begebenheiten, die man nach eigenen Bedürfnissen so lange zurechtbiegt, bis sie spannend genug sind, um verfilmt zu werden. Das kann dennoch ein guter Film werden. 12 Uhr nachts ist es auch – teilweise zumindest.

Alles beginnt für Billy Hayes am Flughafen von Istanbul in der Türkei oder sogar schon früher, als er sich in seinem Hotelzimmer vor der Abreise mehrere Packungen Haschisch an den Körper klebt, die er in sein Heimatland, den USA verkaufen will, um ein bisschen Geld zu machen. Das nennt man Schmuggel und wenn man den Stoff auch noch verkaufen will, anstatt es für den Eigenbedarf zu verwenden, kann man sich in der Türkei auf einige qualvolle Jahre in wenig ansprechenden Gefängnissen einstellen – lebenslänglich ist in dem Fall keine Seltenheit. Billy hat das Pech, dass er am Flughafen gefasst wird. Die Drogen werden gefunden und seine Freundin muss alleine in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten (und der Geschichtsverfälschung) zurückkehren. Für Billy beginnt eine harte Zeit des Leids und der Qualen. Er wird in Untersuchungshaft gesteckt, in eine schmutzige kleine Zelle, in welcher der Schimmel aus allen Ecken kriecht und in der man nicht einmal eine Decke für die kalten Nächte zur Verfügung gestellt bekommt.

Als sich Billy selber eine Decke organisiert, wird er dafür kopfüber aufgehängt und verprügelt. Das dient für ihn als Einstimmung für die Methoden, die dort herrschen – doch das wird er noch früh genug merken. Derweil kommt ihn sein Vater besuchen, der einen „guten“ Anwalt besorgt hat. Man verspricht, ihn so schnell wie möglich aus dieser unerbittlichen Hölle zu befreien, in der das Grauen keinen Namen kennt. Die Verurteilung für den Besitz von Drogen stimmt alle milde: lediglich vier Jahre werden Billy aufgebrummt, er selber wird in ein Gefängnis verfrachtet, das diesen Begriff längst nicht mehr verdient, sondern aufgebaut ist wie ein eigenes kleines Dorf, abgeschottet von der Außenwelt. Dort trifft er auf Jimmy (Randy Quaid), Tex (Bo Hopkins) und Max (John Hurt), von denen letzterer bereits sieben Jahre einsitzt und sich den Drogen verschrieben hat, da er diese Umgebung anders kaum noch ertragen kann. Gemeinsam versuchen sie sich gegenseitig vor den Türken zu schützen, doch das klingt einfacher, als es ist. Als sie die Demütigungen satt haben, fasst Jimmy einen Plan: er sieht einen Weg, dem Gefängnis zu entkommen. Als er es alleine versucht, wird er geschnappt und brutal zusammengeschlagen, sodass er mehrere Monate im Krankenhaus liegen muss. Doch er gibt nicht auf – nur Billy wehrt sich gegen den Plan des Ausbruchs. Bis er von seinem Schicksal eingeholt wird – ein schwerer Schlag steht ihm bevor, der es unumgänglich macht, die Flucht anzutreten…

Billy Hayes beteuert, er sei ein Anfänger, er habe zum ersten Male Drogen geschmuggelt bzw. es versucht. Wir glauben ihm das, er ist nervös, verschwitzt, er hat Angst. Er ist ein Anfänger, keine Frage. Leider begeht er den Fehler, fliehen zu wollen, als er am Anfang von der Polizei die Chance erhält, seinen Auftraggeber ausfindig zu machen. Würde ein derart ängstliches Wesen, ein zartes Pflänzchen, so eingeschüchtert und verzweifelt, den Mut aufbringen und die Flucht antreten? Vielleicht, vielleicht auch nicht, man weiß es nicht. Im Film begeht Billy zumindest diesen Fehler und zeigt damit bereits zu Beginn auf, dass nicht nur die Türken bzw. deren Justizsystem für das Leiden der Charaktere verantwortlich sind, sondern vielmehr die Personen selbst. Denn sie sind es, die bald erkennen müssen, dass die Gefängnisse sie nicht von ihren menschlichen Bedürfnissen und ihrer Determination freisprechen, dass dies kein Ort ist, an dem man frei von Sorgen leben kann, die einem in Freiheit das Leben schwermachen. Bald beginnt der Kampf gegeneinander und gegen sich selbst, weil die Bedürfnisse zu stark sind, um sich ihnen zu widersetzen. Da wären die Rachegelüste, die sie dazu treiben, einem Aufseher das Geld zu stehlen und es zu verbrennen.

Eine Tat, die ihnen heimgezahlt wird und die sie mit Schmerzen bezahlen. Dass diese Schmerzen am Anfang des Films ohne deutliches Aufzeigen der Wunden hervorgerufen werden kann, ist eine der großen Leistungen von Regisseur Alan Pakula, der die Kamera nicht auf das spritzende Blut halten lässt, sondern in der Lage ist, Unbehagen durch die psychologische Kraft auszudrücken, durch den inneren Kampf der Figuren mit sich selber. Leider hält dieses Konzept bis zum Schluss nicht stand, in dem der Film in der Mitte Formen eines plakativen Actionfilms annimmt, in dem die Kampfgegner klischeehafter Weise nicht totzukriegen sind und einem die Zunge in Zeitlupe abgebissen wird.

Es ist ein unangenehmer Film, vor allem wohl deshalb, weil man tatenlos mit ansehen muss, wie die Charaktere – mal mehr, mal weniger durch eigene Schuld – schwere Rückschläge erleben, die sie weit zurückwerfen. Dabei verfängt sich „Midnight Express“ nicht in den üblichen Gefängnisfilm-Klischees wie der Massenmasturbation im Schlafsaal oder Vergewaltigungen und ergeht sich lediglich am Ende mit dem Besuch von Billys Freundin (die anscheinend erstaunlicherweise in all den fünf Jahren, in denen sie ihn nicht gesehen hat, zu ihm gehalten hat) in anbiederndem Kitsch. 12 Uhr nachts mag sich nicht nah an die Vorlage gehalten haben und die Türken kommen zweifellos nicht besonders gut weg, dafür kann sich Alan Parkers Weg damit rühmen, zwei Oscars eingeheimst zu haben (ironischerweise eines für das „rassistische“ Drehbuch und eines für eine unsäglich banale Musik von Giorgio Moroder, bei welcher der Oscar lediglich als Scherz ausgelegt werden kann).

Die Schwächen des Buchs können dabei teilweise erstaunlich gut von den hervorragenden Leistungen aller Darsteller kaschiert werden – vor allem Brad Davis und John Hurt brillieren in ihren Darstellungen. Der rassistische Aspekt macht es schwer, den Film zu bewerten, einige Zuschauer gingen sogar so weit, Midnight Express mit dem Nazi-Propagandawerk „Jud Süss“ zu vergleichen. Soweit würde ich zwar nicht gehen, doch es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

12 Uhr nachts
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