(„Deconstructing Harry“, directed by Woody Allen, 1997)

“I’m a guy who can’t function well in life but can in art.”

Harry außer sich ist Woody Allens ätzendster Film. Schmutzig, böse und voller Hass. Der amerikanische Originaltitel trifft es wie immer besser als der deutsche: Deconstructing Harry, wortgetreu übersetzt wird Harry dekonstruiert. Die wichtigsten Teile seines (Liebes)lebens  werden genau beleuchtet, Harry selbst wird von Freunden geröstet, die ihn auseinandernehmen, anpöbeln und umbringen wollen. Woody Allen selbst spielt Harry Block, einen ehemals erfolgreichen Schriftsteller, der mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat.

Eines Tages veröffentlicht er ein Buch, in dem er ungeschminkt mit den Personen, die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen, abrechnet und sie vor der gesamten Leserschaft entblößt. Davon ist freilich niemand begeistert, auch nicht seine drei Exfrauen, geschweige denn seine Geliebte und Schwester einer seiner Exfrauen (Judy Davis erneut in einer starken darstellerischen Leistung), die zuerst sich, dann ihn selber mit einem Revolver erschießen will. Harry geht durch eine schwierige Phase, die auch nicht abreißen will, als er erfährt, dass eine ehemalige Schule ihm einen Ehrendoktorat verleihen will, denn Harry findet niemanden, der mit ihm zu diesem Fest gehen will. Weder seine Freunde wollen mitgehen, noch erlaubt es seine Exfrau, dass er seinen Sohn mitnehmen darf, woraufhin er diesen kurzerhand kidnappt.

Als ein Resultat dieser Ablehnungen bezahlt Harry schließlich eine schwarze Prostituierte dafür, dass sie ihn begleitet, denn einen Großteil seines Einkommens gibt der Schriftsteller ohnehin für Alkohol oder Bordsteinschwalben  aus. Das Ehrendoktorat wird – in Anlehnung an Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren – für Harry eine Gelegenheit auf sein Leben zurückzublicken in Form von literarischen Figuren, die er einst erschuf und die nichts anderes darstellen als Harry und seine ehemaligen Freunde selbst, verpackt in skurrile Erzählungen mit surrealistischen Ansprüchen. In wilden Tagträumen sieht sich Harry schließlich mit dem Teufel persönlich konfrontiert.

Deconstructing Harry ist die komplexeste Woody Allen-Komödie seit Annie Hall, was es nicht einfach macht, diese entsprechend zu schildern. Dem Zuschauer werden zahlreiche Episoden präsentiert – literarische Schöpfungen, die Harry einst kreierte, ehe man nach und nach begreift, dass die männlichen Figuren niemand anderen darstellen als Harry selbst, unabhängig davon ob sie nun von Tobey Maguire oder Robin Williams gespielt werden. Hierbei geht es nicht nur um vergangene Ereignisse, sondern auch um zukünftige Visionen, wenn Robin Williams etwa plötzlich „out of focus“ ist und nur noch verschwommen erscheint, was seine Familie zutiefst beunruhigt. Das ist nicht etwa ein Problem der Kameralinse, wie sein Charakter bald herausfinden muss, sondern ein gesundheitliches Problem, von dem seiner Frau schwindlig wird, wenn sie ihren unscharfen Mann ansehen muss.

Tobey Maguire spielt den jungen Harry, der sich mit einer chinesischen Prostituierten im Bett eines sich im Koma befindenden Freundes vergnügt, ehe der Tod persönlich in schwarzer Kutte an die Tür klopft, da er Maguire für dessen in Lebensgefahr schwebenden Freund hält. Allens Film sprüht vor derartigen Einfällen, die größtenteils vor Bosheit und Sarkasmus nicht zu überbieten sind. Wie in vielen Werken des New Yorkers findet auch hier eine Verschmelzung von Fiktion und Realität statt, wenn die literarischen Figuren Harrys auf einmal in dessen realem Leben auftreten, um ihn zu belehren. Darüber hinaus kennt Woody Allen keine Grenzen, wenn er sich mit seinem kleinen Sohn im Kindergarten über ihre Penisse oder Sigmund Freud unterhält, seine zweite, als Therapeutin praktizierende Exfrau mit einer ihrer Patienten betrügt oder seine dritte Exfrau mit ihrer eigenen Schwester. Nicht einmal vor Witzen über das Judentum macht Allen halt und feuert eine Anzahl Schimpfwörter ab, die man nicht erhalten würde, würde man sämtliche Kraftausdrücke aus all seinen anderen Filmen zusammenzählen. Dabei bleibt Harry außer sich erstaunlich kreativ, auch abseits trickreicher Ideen wie des unscharf erscheinenden Robin Williams, denn unabhängig davon experimentierte der Regisseur mit ungewöhnlichen Schnitten, die ruckartig mehrmals in einer Szene auftreten.

Neben Robin Williams und Tobey Maguire verfügte Woody Allen noch über eine beachtliche Anzahl von bekannten Schauspielern, die oft nur sehr kurz in diesem Film auftreten: Demi Moore, Stanley Tucci, Billy Crystal, Judy Davis, Mariel Hemingway, Kirstie Alley, Elisabeth Shue, Amy Irving oder Jennifer Garner geben sich hier die Klinke in die Hand und versammeln sich um den sich in einer Lebenskrise befindenden Harry Block, der hier demaskiert wird. Viele Kritiker deuteten diese Demaskierung des Schriftstellers Block als eine Demaskierung von Woody Allen selbst, womit man es sich jedoch zu einfach machen würde und was den Kern keinesfalls trifft, beschäftigt man sich mit dem legendären Autoren, Komiker und Regisseur näher. Was man Allen jedoch attestieren kann ist hier in einigen Szenen die Fähigkeit zur klaren Selbstparodie, eine Beschäftigung mit dem Dilemma eines jeden Schriftstellers, der eigene Erfahrungen in seine Werke einbettet. Drogen, Prostituierte, Alkohol, Schimpfwörter und Sexszenen haben dafür gesorgt, dass die DVD in Großbritannien erst ab 18 Jahren freigegeben wurde, während sich die deutsche FSK unverständlicherweise darauf geeinigt hat, den Film ab 12 (!) freizugeben. Unabhängig von der Schärfe dieses Streifens ist Harry außer sich ein äußerst frischer, weil ungewöhnlicher Woody Allen, sehr amüsant, unterhaltsam und filmisch nicht nur routiniert, sondern äußerst gekonnt mit raffinierten Ideen in Szene gesetzt.

Harry außer sich
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Harry außer sich
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