(„Blind Side“ directed by John Lee Hancock, 2009)

Endlich im Heimkino nachgeholt und endlich kann auch ich meinen Beitrag zum oftmals doch sehr diskutierten Oscar-Gewinner leisten. Gleich vorwegnehmen möchte ich, dass ich Blind Side keineswegs für so schlecht halte, obwohl er durchaus meine Vorurteile in mancher Hinsicht bestätigte.

Wieder einmal holt sich Hollywood also eine wahre Geschichte und bannt diese im typisch gewohnten Gewandt auf Zelluloid. Es gilt diesmal die Geschichte von NFL-Star Michael Oher zu erzählen die den American Dream wohl kaum besser aufleben lassen könnte. Aufgewachsen im Armenviertel von Memphis durchlebt Oher (Quinton Aaron), der überall nur als Big Mike bekannt ist, eine tragische Kindheit auf die im Film allerdings kaum eingegangen sondern die meist nur durch sekundenlange Erinnerungsfetzen angedeutet wird. Bis auf die Tatsache, dass seine Mutter (Adriane Lenox) eine Cracksüchtige ist, erfährt man deshalb herzlich wenig über seine Herkunft. Durch den Vater eines Freundes, aber wohl eher durch seine außerordentlichen Fähigkeiten bei sämtlichen Ballspielen, erhält er die Chance auf einen Platz bei einer renommierte, christliche Schule. Er fällt dort nicht nur wegen seines unterdurchschnittlichen IQs von lediglich 80 und den gewaltigen Körperbau auf, sondern in erster Linie wohl weil er schwarzer Hautfarbe ist.

Ab hier gibt es dann auch meistens die größten Vorwürfe gegenüber Blind Side. Es mag zwar eine Tatsache sein, dass Oher einer der wenigen oder gar einzige Farbige der Schule war, doch was danach folgt gleicht – zumindest zu Beginn – eher einer Haustierhaltung als christlicher Nächstenliebe. Als der Obdachlose Oher eines Abends nämlich unter strömenden Regen über die Straßen umherstreift kommt ihm seine neulich gemachte Bekanntschaft mit S.J. Tuohy (Jae Head) zu Gute. Mamma Tuohy, Leigh Ann (Sandra Bullock), erbarmt sich seiner und bietet Big Mike eine vorübergehende Bleibe in ihrer Villa an.

Hatte er bisher so gut wie keinen Antrieb, lernt er bei der weißen, christlichen und republikanisch-konservativen Familie nun eine gänzlich andere Mentalität kennen. Die Tuohys sind wohl ein Paradebeispiel für die moderne Leistungsgesellschaft. Leigh Ann ist erfolgreiche Innenarchitektin und nebenher natürlich Supermam. Ihr Mann (Tim McGraw), der – Emanzipation in Ehren – hier eher wie ihr Schoßhündchen als Ehemann wirkt, ist hingegen Besitzer von unzähligen Schnellimbissbuden. Ihre beiden Kinder, natürlich Mädchen und Junge, sind mit ihren guten Leistungen in Schule und Sport logischerweise auch aussichtsreiche Kandidaten für die Zukunft.

Über die Zeit wächst Oher der Familie sichtlich ans Herz, wie Leigh Anne ihren versnobten Freundinnen später beim 18 Dollar-Salat erklärt ist es aber eigentlich so, dass Mike ihr Leben verändert und nicht umgekehrt. Die Bilder belegen allerdings, dass es zumindest nicht ganz so ist, denn anstatt Oher so zu nehmen wie er ist, pusht ihn Bullock ständig sein sportliches Potenzial bis zur Gänze auszunutzen. Sie ist der Meinung, dass aus dem bulligen Jungen ein ganz passabler Footballspieler werden könnte und wie wir wissen wird sie damit auch Recht behalten.

Klar, dass Mike auch die Denkweise der Familie beeinflusst – schließlich engagieren sie sogar eine Demokratin als Mikes Nachhilfslehrerin – steht außer Frage, doch seien wir mal ehrlich: Blind Side wirkt über Strecken doch so als ob der spätere Footballprofi wie ein dressiertes Äffchen ganz nach Belieben der Tuohys gehandelt habe. Ob dies nun letztendlich nur zu Mikes Vorteil oder aber das Handeln von leistungsorientierten Geldgeiern war, steht mir nicht zu zu beurteilen. Zumindest was die Verfilmung angeht darf dies aber durchaus ein Kritikpunkt sein, schließlich schwingt hier diese ganz klare Message mit. Mancherorts musste sich der Streifen auch von Vorwürfen latenten Rassismus erwehren, ich persönlich würde jedoch nicht so weit gehen und John Lee Hancock dies unterstellen wollen. Mit Sicherheit hätte man manche Szenen geschickter inszenieren können, doch immer davon ausgehend, dass Oher und auch die Tuohys bei der Vergabe der Filmrechte auf eine authentische Wiedergabe ihrer Geschichte Wert gelegt haben, nehme ich einfach mal die besten Intentionen an.

Sieht man von der politischen Debatte ab, ist aus Blind Side ein streckenweise durchaus ergreifender Film geworden, der über die ca. 2 Stunden relativ gut unterhält. Sandra Bullock hatte für ihre Performance den Oscar als beste Schauspielerin einheimsen können. Es steht außer Frage, dass Bullock hier wohl die bis dato beste Leistung ihrer Karriere erbracht hat, die Auszeichnung war von daher wohl verdient, obwohl ich ehrlich gesagt keinen einzigen Film ihrer Mitbewerberinnen bisher gesichtet habe. Der Rest spielt entweder motivationslos (Grinsekater McGraw) oder durchschnittlich bis schlecht. Als störend empfand ich das übertriebene Rotzbengelgetue von Jae Head (Hancock).

Nachdem mich damals John Lee Hancock mit seiner Alamo-Neuauflage eher langweilte, gelingt es ihn mit seinem letzten Streich wenigstens meine Aufmerksamkeit zu erhalten. Trotzdem wird Blind Side spätestens nächstes Jahr als minimal überdurchschnittlicher Hollywoodstreifen vergessen sein. Übrigens für alle die sich Fragen was der Titel eigentlich bedeutet: es handelt sich um einen Begriff aus den American Football, der im Film dann auch erläutert wird.

Blind Side – Die große Chance
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3 Responses

  1. C.H.

    Na also. Das ist doch mal eine durchaus kritische Besprechung, die nicht gleich die Ideologiekeule schwingt, sondern in weiten Teilen in einem vernünftigen Tonfall argumentiert. Mit dem Sachverhalt des „dressierten Äffchens“ hast du natürlich nicht ganz unrecht, auch wenn ich das anders ausgedrückt hätte. Insbesondere hier verspielt „Blind Side“ auch eine kleine Chance. Schließlich hätte diese Konstellation es ja auch ermöglicht, sich von der Rassenfrage zu lösen, und stattdessen die prinzipielle Rolle von Eltern, die ihre Kinder zum Erfolg pushen wollen, zu thematisieren. Es ist ja nun beileibe kein Einzelfall das (begabte) Kinder von überehrgeizigen Eltern zum Erfolg getrieben werden, ohne das die Kinder gefragt werden, ob sie das überhaupt wollen. Ganz am Ende stellt sich Mutter Tuhoy ja genau diese Frage. Das ist aber natürlich zu wenig, um als ernstzunehmende Beschäftigung mit dem Thema wahrgenommen zu werden.

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  2. Candide

    in weiten Teilen in einem vernünftigen Tonfall argumentiert.

    Welche Teile sind denn nicht vernünftig? Nur so aus Neugierde… 😉

    “dressierten Äffchens”

    Ehrlich gesagt hatte ich darüber nachgedacht es anders auszudrücken. Fand dann aber es passt zum Grundtenor des Films.

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  3. C.H.

    Nun ja, wie du dir denken kannst, bin ich vom Äffchen nicht gerade begeistert gewesen. Zu meiner eigenen Überraschung war es das dann aber auch schon. Aber da sieht man mal, wie ein einzelner Ausdruck einen Gesamteindruck beeinflussen kann. 😉

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