(„Milano calibro 9“ directed by Fernando Di Leo, 1972)

Milano Kaliber 9In solchen Momenten sehnt man sich ganz besonders wieder nach den glorreichen Tagen des europäischen Kinos. In diesem Fall geht es um das italienische Poliziescho-Genre und einmal mehr heißt der Schauplatz Mailand.
In der norditalienischen Metropole tummeln sich haufenweise zwielichtige Gestalten. Die ursprüngliche und „originale“ Mafia scheint allerdings tot zu sein; ausgediente Dons wurden mit Großunternehmern ausgetauscht und Verrat hat die Omertà abgelöst. Es kommt daher nicht von ungefähr dass Ugo Piazza (Gastone Moschin) verdächtigt wird seinen Boss, der schlicht als „Der Amerikaner“ (Lionel Stander) bekannt ist, um 300.000 Dollar erleichtert zu haben. Das Ganze begann im Zuge eines Drogen-Kurierjobs der leider in die Hose ging. Das Geld war plötzlich verschwunden, die Transaktion aufgeflogen und Piazza befand sich somit auch schon hinter schwedischen Gardinen. Aus Mangel an Beweisen wurde das Urteil auf vier Jahre festgelegt, durch gute Führung erblickte er nach nur drei Jahren wieder die Freiheit. Genau auf diesen Augenblick hatte der Amerikaner geduldig gewartet: er ist immer noch der festen Überzeugung, dass Ugo Piazza sein Geld gestohlen hat und setzt deshalb sofort seine Schergen Rocco (Mario Adorf), Pasquale (Mario Novelli) und Nicola (Giuseppe Castellano) auf den Entlassenen an.
Nachdem sie ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt aber immer noch kein Geständnis erhalten haben, beginnt eine scheinbar endlose Tortur für Ugo. Tagtäglich sieht er sich nun mit Rocco und seinen Mannen konfrontiert und als er endlich in die Arme seiner hübschen Freundin Nelly Bordon (Barbara Bouchet) fällt und dessen Leben in Gefahr sieht, beschließt er zu handeln. Er sucht und findet seinen alten Bekannten Chino (Philippe Leroy), einen gefährlichen Gangster aus Mailands Unterwelt. Piazza möchte, dass dieser den Amerikaner für ihn umlegt um so endlich Ruhe zu finden, doch selbst Chino findet, dass dies eine Nummer zu groß sei.
Ugo bleibt also nichts anders übrig als sich in die Höhle des Löwen zu begebeben und die Sache selbst anzugehen. Seine Versuche seine Unschuld zu beweisen führen ihn nun aber so weit dass er wieder beginnt für den Amerikaner zu arbeiten und sich auf diese Weise Respekt wiedererlangt. Als nun aber ein neuer Kurierjob erneut schief läuft beginnt sich der Vorhang zu lüften, die Masken fallen und es wird klar welches Spiel hier gespielt wird…
Ähnlich wie im bereits rezensionierten „Der Berserker“ bekommt auch hier der Zuschauer durch Originalaufnahmen einiges von Mailand zu sehen. Auch hier wirkt die Stadt schmutzig und aus kaltem Beton, gibt also die Realität wieder. Die Großstadt erstickt regelrecht an der grassierenden Kleinkriminalität und den Bandenkriegen. Die Eingangssequenz gibt sehr deutlich wieder welcher Ton herrscht und dass die Mafia im klassischem Sinne ausgedient hat. Besonders interessant und erwähnenswert fand ich aber vor allem die Wortwechsel zwischen dem Polizeikommissar (Frank Wolff) und einem seiner Mitarbeiter, Mercuri (Luigi Pistilli). Letzterer ist der Meinung die Kriminalität sei eine logische Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass arme Italiener aus dem Süden, Migranten und grob gesagt die Unteschicht die niederträchtigsten Arbeiten verrichten müssten. Es sei für ihn kein Wunder dass sie sich durch das Gangster-Sein eine bessere Zukunft verhoffen. Schuld sind laut Mercuri die Industriebosse, Großgrundbesitzer, Politiker kurz gesagt: die Reichen. Er findet es bedenklich dass die Polizei keine andere Funktion ausübe als genau diese Herrschaften und dessen Kapital zu beschützen. Er kritisiert die Niederschlagung von Studentenprotesten und Arbeiterstreiks und wird dafür schlussendlich vom Kommissar in die Basilicata versetzt wo er von nun an Schafe zählen könne.
Der Film lebt nicht nur von seiner pikierten Kritik am italienisch Justizwesen und einem gut eingefangenen Mailand, sondern auch der Plot an und für sich ist unterhaltsam, die 100 Minuten Laufzeit langweilen also auf keinen Fall und werden durch einen durchaus erwähnenswerten Luis Bacalov Soundtrack untermalen. Die Performance von Gastone Moschin ist nebenbei erwähnt eine Augenweide. Er setzt gekonnt wenn auch minimalistisch sein Mimikspiel ein und raucht Zigaretten fast so cool wie James Dean. Auch Mario Adorf überzeugt auf voller Länge und ist mit seinen schmalzigen und durchgeknallten Charakter für ein paar Lacher gut.
Wer die Chance hat den Streifen zu sehen sollte sie nutzen, vor allem Cineasten werden sicherlich restlos begeistert sein. Empfehlen würde ich übrigens den O-Ton. Die deutsche Überetzung ist zwar nicht schlecht, aber der Charme geht teilweise dann doch verloren.

Milano Kaliber 9
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