
Brigitte (Johanna Wokalek) kommt finanziell kaum noch über die Runden. Ihre Wohnung muss sie untervermieten und als Schlafplatz dient ihr die Garderobe ihres Fitness-Studios. Das muss sie schon aus beruflichen Gründen aufsuchen, um die Zeichen des Älterwerdens aufzuhalten. Brigitte arbeitet als Messehostess unter lauter jüngeren Kolleginnen. Dennoch wollen ihr viele männliche Besucher an die Wäsche, so auch Heinz (Ben Münchow), der bei seiner reichen Mutter wohnt und gerne ein Alpha-Mann wäre. Brigitte wird von ihrer Mutter (Victoria Trauttmansdorff) auf die Internet-Auftritte ihrer jungen Nachbarin Paula (Hannah Schiller) aufmerksam gemacht. Brigitte verfolgt gebannt, wie die 17-Jährige danach strebt, berühmt zu werden und die Mutter und das Dorf zu verlassen. Dafür bietet Paula unter anderem ihr Badewasser und ihre Fußnägel an. Brigitte besucht ein Coaching, das Mut zur Selbstverwirklichung machen soll und beschließt, sich Heinz zu angeln.
Frauen die sich sexy geben
Der gesellschaftskritische Roman Die Liebhaberinnen der österreichischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stammt aus dem Jahr 1975. Er erzählt mit feministischer Schärfe, wie die Fabrikarbeiterin Brigitte und Paula, eine Jugendliche vom Lande, ehrgeizig versuchen, es im Leben zu etwas zu bringen. Geprägt vom Rollenbild der glücklichen Hausfrau und Mutter, setzen sie alles daran, einem Mann zu gefallen und ihn von sich zu überzeugen. 50 Jahre später definieren sich Frauen nicht mehr so stark über ihre Ehemänner und deren sozialem Status, sie haben mehr Möglichkeiten, sich beruflich zu verwirklichen. Aber auch die beiden Filmcharaktere Brigitte und Paula wissen, dass es sich auszahlt, sexy zu sein.
Nun ja, die für eine Messehostess im knappen, ärmellosen Kleidchen schon bald zu alte Brigitte hat es aus dem Job und dem Begrapschtwerden nicht heraus geschafft. Es wird für sie Zeit, der Liebe auf die Sprünge zu helfen. Die Teenagerin Paula posaunt ihre Sehnsüchte, berühmt zu werden, als Cam-Girl heraus. Ihre Mutter, die deprimiert auf dem Sofa liegt, legt ihr nahe, sich mehr anzustrengen: „Wenn dein Marktwert sinkt, bist du für die Marktwirtschaft uninteressant“. Paula entdeckt den Marktwert ihrer sexy Videoauftritte und fühlt sich ermutigt, einen Schritt weiterzugehen. In ihrem Spielfilmdebüt interpretiert die Regisseurin Koxi, die mit Co-Autor Antonio De Luca auch das Drehbuch verfasste, den Roman und seine Figuren neu. Hinter dem Künstlernamen Koxi verbirgt sich die vor allem als Komponistin von Film- und Theatermusik (Vergiss Meyn Nicht, Mutter) bekannte Luxemburgerin Caroline Kox. Sie bezeichnet ihren Film als „anti-romantische Tragikomödie“ und sogar als „heterosexuellen Horrorfilm“. Die modernisierte Handlung besitzt den schonungslos ironischen Biss der Vorlage ebenfalls. Aber sie kommt an die Wucht und Stringenz der Gesellschaftskritik Jelineks nicht ganz heran.
Johanna Wokaleks ironisches Spiel
Warum Brigitte, die ein taffen Eindruck macht, in der prekären Situation als quasi obdachlose Messehostess festhängt, wird nicht näher erläutert. Einmal erwähnt ihre Mutter, dass Brigitte Schulden habe. Die Figur ist eine Paraderolle für die großartige Johanna Wokalek. Brigitte strahlt auch im miesen Job eine stolze, innere Unabhängigkeit aus. Wenn sie Heinz im fortgeschrittenen Stadium der Umgarnung ihre Liebe weismachen will, schaut sie kälter und gleichgültiger denn je drein. Wokaleks Figur schwebt spöttisch-souverän über dem, was ihr das Umfeld zumutet und schreckt auch vor kriminellem Handeln nicht zurück. Heinz wiederum, der Sex mag, aber Brigitte nicht liebt, ist selbst ein armer Tropf, Opfer seiner Mutter und seiner Männlichkeitsvorstellungen. Das passt zur Romanvorlage, in der auch die Männer, die Frauen schlecht behandeln, im Hamsterrad familiären und kapitalistischen Erfolgsdrucks gefangen sind.
Die jugendliche Paula lacht zwar über ihren jähen geschäftlichen Erfolg, aber es wird nicht ganz klar, weshalb ihre Aktivitäten in Selbstausbeutung, gar in Selbstdemontage kippen. Die Mütter haben in diesem Film einen großen Einfluss auf die Töchter, sie sind ihnen schlechte Vorbilder und geben ihre verqueren Vorstellungen an sie weiter. Brigittes fidele, an äußeren Werten orientierte Mutter kennt die „die fünf Akte des Lebens“ und zeigt sie als Bildchen auf ihren gemachten Fingernägeln vor. Brigitte aber hätte vielleicht im Coachingseminar von Susi Sorglos (Stephanie Stremler) besser zuhören sollen, als es hieß, dass sich verwirklichte Träume auch als Albträume erweisen können. Dem Kapitalismus mit seinen trügerischen Erfolgsversprechen und dem Selbstoptimierungsdruck lässt sich eben nicht entkommen. Es bereitet Vergnügen, diesen Charakteren zuzuschauen, die einem vorspiegeln, wie zäh überkommen geglaubte geschlechtliche Rollenbilder sind.
OT: „Liebhaberinnen“
Land: Deutschland, Luxemburg
Jahr: 2026
Regie: Koxi
Drehbuch: Koxi, Antonio De Luca
Vorlage: Elfriede Jelinek
Musik: Kai Holzkämper
Kamera: Jakob Berger
Besetzung: Johanna Wokalek, Hannah Schiller, Ben Münchow, Victoria Trauttmansdorff, Susanne Bredehöft, Ulrike Willenbacher, Stephanie Stremler
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