
Schon als Kind liebte er die Musik. Und so beschließt Lionel Worthing (Paul Mescal) als junger Erwachsener, die familiäre Farm in Kentucky zu verlassen, um an dem New England Conservatory of Music zu studieren. Dort lernt er seinen Kommilitonen David White (Josh O’Connor) in einem Pub kennen, als dieser am Klavier sitzt. Die beiden kommen sich rasch näher, weil sie eine Leidenschaft für alte Volkslieder teilen – eine Leidenschaft, die sie kurze Zeit später im Bett fortsetzen. Immer wieder treffen sich die beiden in der Folgezeit. Als jedoch die USA in den Ersten Weltkrieg eintreten, wird David eingezogen, während Lionel auf die Farm zurückkehrt, um sich nach dem Tod seines Vaters um seine Mutter zu kümmern. Als der Krieg vorbei ist, kehrt David zurück und lädt Lionel ein, mit diesem im Rahmen einer Forschungsarbeit durchs Land zu ziehen und alte Volkslieder zu sammeln …
Zwischen Musik und Sprachlosigkeit
Was bleibt von uns Menschen, wenn wir nicht mehr da sind? Dieses Thema wird gleich mehrfach in The History of Sound aufgegriffen. Im Mittelpunkt steht dabei zunächst die Beschäftigung mit den Volksliedern. Noch bevor das Publikum weiß, worum es in dem Film geht, sehen wir die Familie von Lionel, die alte Lieder weitergibt, von Generation zu Generation, indem diese gemeinsam gesungen werden. Dieses gemeinschaftliche Erleben und Kultur als kollektive Erfahrung wird sich später in der Reise der beiden jungen Männer spiegeln. Immer wieder sehen wir dabei Menschen, oft sind es Familienmitglieder, die gemeinsam die Geschichten wiedergeben und damit einen Teil ihrer Identität pflegen und bewahren.
Autor Ben Shattuck, auf dessen Kurzgeschichten The History of Sound und Origin Stories der Film basiert und der auch das Drehbuch geschrieben hat, nimmt diese kollektive Erfahrung und verbindet sie mit einer sehr persönlichen und individuellen. Die Liebe zur Musik ist schließlich nicht das Einzige, was die die zwei Protagonisten verbindet. Sie lieben auch einander, was sie durchaus ausleben in den sicheren vier Wänden ihrer Wohnung. Doch in der Welt da draußen, da ist für diese Liebe kein Platz. Das provoziert natürlich Vergleiche zu Brokeback Mountain, Freier Fall und ähnlich gelagerten Filmen. Bemerkenswert ist dabei, wie schwierig es den zweien fällt, auch über das Thema zu sprechen. Während sie in ihrer Musik ihre Emotionalität ausleben, finden sie keine Worte für das, was zwischen ihnen ist.
Bewegend aber unschlüssig
Regisseur Oliver Hermanus (Living – Einmal wirklich leben) arbeitet mit diesen Kontrasten aus gelebter und verborgener Emotionalität. Das funktioniert teilweise sehr gut. Teilweise verzettelt sich sein Drama aber in den verschiedenen Themen dieser auf Jahrzehnte ausgelegten Geschichte. Nicht nur, dass man dabei irgendwann gar nicht mehr genau sagen kann, worum es eigentlich gehen soll, wenn beispielsweise die Musik mit der Zeit in den Hintergrund rückt. Einige Passagen sind auch redundant. So beschreibt The History of Sound Lionel als jemanden, der relativ kaltschnäuzig Menschen hinter sich lassen kann, selbst solche, die ihm eigentlich nahe sind. Das ist schlüssig erzählt, hätte aber nicht so viele Beispiele gebraucht, welche den Film unnötig in die Länge ziehen.
Aber auch wenn da narrativ sicher einiges noch prägnanter gegangen wäre, sehenswert ist das Drama, das 2025 im Wettbewerb von Cannes Weltpremiere hatte, allemal. Da ist einerseits der audiovisuelle Aspekt. Immer wieder verwöhnt The History of Sound mit wunderbaren Aufnahmen die Augen des Publikums. Und selbst wer nichts mit den Volksliedern anfangen kann, wird doch anerkennen müssen, wie schön diese Szenen umgesetzt sind. Gerade die Passagen, wenn die zwei Männer umherreisen und mit vorsintflutlichen Mitteln etwas unsterblich machen wollen, das zeitlos und flüchtig zugleich ist, sind zauberhaft geworden. Schauspielerisch ist das hier sowieso vom Feinsten, mit der Edel-Besetzung Paul Mescal und Josh O’Connor lassen sich selbst erzählerische Schwächen mühelos überspielen. Die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die kurz war und doch ein Leben lang andauert, darf nicht nur die Betroffenen überwältigen.
OT: „The History of Sound“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Oliver Hermanus
Drehbuch: Ben Shattuck
Vorlage: Ben Shattuck
Musik: Oliver Coates
Kamera: Alexander Dynan
Besetzung: Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, Molly Price
Cannes 2025
Filmfest Hamburg 2025
BFI London Film Festival 2025
International Film Festival Rotterdam 2026
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