
Die Beziehung von Alice (Patricia Ree Gilbert) und Freddie (Don Fellows) steckt in einer tiefen Krise. Sie wirft ihm vor, er wolle eigentlich keine Kinder haben und suche immer nach neuen Ausreden, weshalb sie schon mehrere Male abtreiben musste. Zudem meint Alice, dass Freddie eigentlich homosexuell sei und an ihr im Grunde gar kein Interesse habe. Er wiederum widerspricht ihr vehement und versucht, sie im Central Park, in den Alice aufgebracht vor ihm flieht, zur Rede zu stellen. Bevor sich Regisseur und Drehbuchautor William Greaves 1968 mit seinen Schauspielern und seiner Crew auf den Weg zu den Dreharbeiten im New Yorker Central Park machte, entwarf er so etwas wie eine Versuchsanordnung. Seine Produktionsnotizen, die sich wie ein Dogma-Manifest lesen, vergleichen das Symbiopsychotaxiplasm-Experiment mit einem „freien Fall“, „einem Mikrokosmos der Welt, in der wir leben“, und mit den Prinzipien des Jazz. Es ist nicht so, dass eine fiktionale Geschichte erzählt wird, denn während eine Kamera die Schauspieler filmt, sollen die beiden anderen die Crew und ihn während der Dreharbeiten zeigen sowie beide Ebenen zugleich erfassen. Greaves’ weitere Anweisungen an Crew und Schauspieler bleiben vage, was immer wieder zu Konflikten führt, die entweder direkt mit dem Filmemacher ausgetragen werden oder innerhalb eines kleinen Kreises – was beides natürlich auch durch die Kamera festgehalten wird. Der eigentliche Film – die Geschichte zwischen Alice und Freddie – bleibt dabei Nebensache, nicht zuletzt, weil sie immer wieder neu aufgenommen wird, teils mit unterschiedlichen Darstellern und dann sogar einmal als eine Art Musical. Film ist Rebellion 1968 war ein schwieriges Jahr in der US-amerikanischen Geschichte. Während der Vietnamkrieg weiter tobte und mit dem Massaker von My Lai einen traurigen Höhepunkt erreichte, formierte sich in den USA, besonders unter jungen Menschen, eine Gegenkultur. In einem Jahr, geprägt von politischen Attentaten, suchte man nach neuen Formen des Ausdrucks, die mit jenen der vorherigen Generationen brechen sollten. Die Hippie-Bewegung oder die Bürgerrechtsbewegung setzten bedeutsame Grundsteine für diese Ideen, die sich in der Kultur dieser Zeit widerspiegelten. Wenn man einen Film wie Symbiopsychotaxiplasm: Take One verstehen will, ist es unerlässlich, ihn als Produkt jener Zeit zu sehen – der Politik, der Geschichte und der Kultur. Regisseur William Greaves war Teil dieser Gegenbewegung und glaubte fest daran, dass es an der Zeit war, nach neuen Formen des Ausdrucks zu suchen. Als Mitglied des Actor’s Studio auf der einen und als Vertreter der Rechte Afroamerikaner auf der anderen Seite war Greaves sehr nah am Puls der Zeit – er verstand die Politik dieser Institutionen, schuf sich jedoch zugleich eine eigene Identität als Kulturschaffender. Symbiopsychotaxiplasm: Take One sollte der Beginn einer Suche nach diesen neuen Ausdrucksformen sein, die nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera ihren Ausdruck fanden und den Film nicht länger als Ausdruck der Sichtweise einer Einzelperson (des Regisseurs oder der Regisseurin) verstanden. Greaves begreift seinen Film als Kollektivprojekt und als Kollektiverfahrung – ein Spiegel der Zeit, aber eben auch eine Form, den verschiedenen kulturellen und politischen Strömungen der 1960er Jahre zu begegnen. In vielerlei Hinsicht geht Greaves’ Film sogar darüber hinaus, beispielsweise wenn er auf LGBTQ-Themen verweist oder die gesellschaftliche Stellung von Frauen thematisiert, was 1968 noch sehr progressiv war. „Hör auf zu schauspielern.“ Eine der ersten Anweisungen, die Greaves seinen Schauspielern gibt, ist, dass sie einfach nicht schauspielern sollen. Diese wie auch andere Ratschläge des Filmemachers werden später noch heftige Diskussionen innerhalb der Crew auslösen und manche sogar zu der Äußerung bringen, Greaves sei ratlos und wisse gar nicht, wie man mit Schauspielern umgeht. Die Tatsache, dass Greaves (der auch Editor bei Symbiopsychotaxiplasm: Take One ist) diese Diskussionen in den Film integriert und sie in Teilen sogar aus mehreren Perspektiven zeigt, deutet darauf hin, dass man als Zuschauer auf der Hut sein muss. Greaves verwischt wiederholt die Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Schauspiel und Wirklichkeit, sodass man sich fragen muss, ob seine vagen Anweisungen nicht Teil einer Rolle sind, die er selbst spielt. Selbst die klischeehaften und wenig subtilen Dialoge, die seine beiden Schauspieler für die Szene auswendig lernen mussten, erscheinen mehr und mehr als Teil dieser Versuchsanordnung, in der die Grenze zwischen Dialog und authentischem Austausch nicht mehr relevant ist. Es wundert nicht, dass Symbiopsychotaxiplasm: Take One viele Jahre lang lediglich in Museen oder als Teil von Installationen aufgeführt wurde. Greaves’ filmisches Experiment ist sperrig und wirkt auf den ersten Blick sehr hermetisch, auch wenn der Regisseur sein Projekt offen angelegt hat, sodass der Zuschauer beim Finden einer Bedeutung mitwirken kann. Man kann Symbiopsychotaxiplasm: Take One zugleich als eine Illustration von Machtverhältnissen sehen, durch die uns bewusst gemacht wird, wie Bedeutung und Realität erzeugt werden. Wenn Greaves seinen Kameramann anweist, eine junge Frau mit großen Brüsten zu zeigen, die auf einem Pferd durch den Park reitet, werden diese Aspekte sichtbar. Als ein Crewmitglied Greaves dann als „dirty old man“ bezeichnet, fragt man sich nicht zum ersten Mal, ob dies nicht doch wieder eine bewusste Provokation war. OT: „Symbiopschotaxiplasm: Take One“ Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. 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Land: USA
Jahr: 1968
Regie: William Greaves
Drehbuch: William Greaves
Musik: Miles Davis
Kamera: Stevan Larner, Terence Macartney-Filgate
Besetzung: Patricia Ree Gilbert, Don Fellows, Bob Rosen, William Greaves
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