Regisseur Éric Besnard © Happy Entertainment

Eric Besnard [Interview 2026]

Basierend auf Victor Hugos großem Romanklassiker Die Elenden erzählt Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean von Jean Valjean (Grégory Gadebois), der ein Stück Brot klaute, um seine Familie zu ernähren, und dafür insgesamt 19 Jahre im Gefängnis war. Als er wieder freikommt, tut er sich schwer, ein neues Leben zu beginnen, auch weil alle in ihm nur den Verbrecher sehen. Das ändert sich erst, als er dem Bischof Bienvenu (Bernard Campan) begegnet und dieser ihm die Chance gibt, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir haben uns zum Kinostart am 2. April 2026 mit Regisseur und Drehbuchautor Eric Besnard getroffen. Im Interview spricht er über die Besonderheit der Vorlage, wie wir durch äußere Umstände geprägt werden und die Wichtigkeit, anderen offen zu begegnen.

Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean verraten? Wie kam es zu dem Film?

Man hatte mir mehrere Male angeboten, etwas von Victor Hugo zu adaptieren, darunter auch Die Elenden. Ich bin auch selbst ein großer Fan von Hugo, habe aber immer nach einem Weg gesucht, wie ich seinem Denken näherkommen kann. Eine Weile habe ich sogar darüber nachgedacht, ein Biopic über ihn zu machen. Dann hat einer meiner Söhne in der Schule Vom Leben und Sterben des armen Mannes Gueux gelesen, eine Kurzgeschichte von Hugo, und sie mir gezeigt. Und plötzlich hatte ich den Schlüssel. Diese Figur taucht auch in meinem Film auf. Sie ist einer der Männer im Strafgefangenenlage und wird von Albert Dupontel gespielt. Und auch ihr wird Unrecht angetan. Man kann Jean Valjean nicht verstehen, wenn man dieses Unrecht nicht verstanden hat und diese Gewalt, die ihm widerfahren ist in den 20 Jahren. Ich wollte mit meinem Film an den Ursprung.

Was macht Die Elenden von Hugo so besonders, dass der Roman heute immer noch gelesen und eben auch verfilmt wird?

Es gibt da verschiedene Gründe. Einer ist, dass durch das Buch so viele Archetypen entstanden sind in der französischen Literatur, die heute noch eine Rolle spielen. Ganz wichtig ist auch die Grundidee, dass jemand eine zweite Chance erhält, dem übel mitgespielt worden ist. Der sehr verletzt wurde und trotzdem dafür kämpft, Gutes zu tun. Er ist jemand, der sich für andere opfert. Er opfert sich für ein kleines Mädchen, das nicht einmal seine Tochter ist, und ist bereits, alles für es zu tun. Das hat natürlich etwas Christliches, auch wenn das eine Dimension ist, mit der ich weniger etwas anfangen kann. Mit dem Stil kann ich auch nicht so viel anfangen, der ist mir zu barock und von allem zu viel.

Welchen Einfluss hatte Die Elenden dann auf Ihren Film? Eine direkte Adaption ist es ja nicht und der Stil liegt Ihnen auch nicht so.

Die Frage ist nicht ganz einfach, weil ich gleichzeitig zwei verschiedene Drehbücher geschrieben habe. Einmal das intimere, kammerspielartige Les Misérables. Zum anderen für eine große Produktion Quasimodo. Nun hat Hugo Der Glöckner von Notre-Dame 1830 geschrieben, Die Elenden dreißig Jahre später. Es spielt aber 1830. Es gibt da fantastische Figuren wie Javert oder Gavroche. Tatsächlich hätte ich wahnsinnig gern einen Film über Gavroche gemacht, habe aber nicht die Lebenszeit, um das auch noch zu machen. Grégory Gadebois wiederum hätte wahnsinnig gern Javert gespielt. Manche Figuren finde ich großartig, andere mag ich gar nicht. Also habe ich zum Teil mehrere Figuren miteinander verwoben. Insofern findest du überall Einflüsse, selbst wenn es keine direkte Adaption ist.

Wir lernen einen Mann kennen, der aufgrund seiner Erfahrungen zu einem schlechten Menschen geworden ist, später aber wieder gut werden will. Ist das überhaupt möglich?

Zunächst einmal würde ich schon sagen, dass Jean Valjean eigentlich ein guter Mensch ist. Die harte Bestrafung für den Diebstahl hat er nicht verdient. Niemand, der Essen klaut, sollte jahrelang ins Gefängnis müssen – eine Überzeugung, die auch Hugo hatte. Nur wurde ihm während dieser Zeit immer wieder gesagt, dass er schlecht ist. Und wenn du das die ganze Zeit hörst, glaubst du irgendwann daran. Er ist ein Gefangener dieses Bildes, das andere von ihm haben. Das ist ein Problem, das alle Jugendlichen haben, bevor sie erwachsen werden. Du musst erst einmal herausfinden, wer du eigentlich bist. Manchmal braucht es dafür jemanden, der dir die Hand ausstreckt. Und du musst lernen, diese Hand auch zu nehmen. Es geht nicht nur um die Frage nach gut oder böse, sondern um das Recht einer eigenen Identität.

Ist dieses Schlechte, das man ihm einredet, etwas, das immer von außen kommt oder ist es bereits ein Teil von dir?

Jean Valjean ist ein Opfer dieses Strafsystems. Und das ist etwas, das von außen kommt. Aber natürlich tragen wir auch alle einen inneren Egoismus in uns. Jan kümmert sich zwar um seine Neffen. Aber würde er sich auch um die Kinder eines anderen kümmern? Es ist sicher nicht so, dass alle Menschen gut geboren werden. Wir interessieren uns erst einmal nur für uns selbst und einen kleinen Kreis, der uns umgibt. Wir haben vielleicht auch Angst vor den anderen. Es geht daher darum, diesen Kreis zu brechen und uns für andere zu öffnen.

Jean Valjean wird auf vielfache Weise beeinflusst, sowohl im Schlechten im Gefängnis, aber auch im Positiven, als er Bischof Bienvenu kennenlernt und der ihm wirklich die Hand reicht. Gab es jemanden in Ihrem Leben, der Sie so beeinflusst hat?

Es gab bei mir nicht diesen einen Menschen, sondern mehrere. Meine Filme sollen auch eine Hymne darauf sein, dass man andere trifft und sie annimmt. Beispielsweise hat mich kürzlich mein Sohn das erste Mal zum Essen eingeladen. Das bedeutete für uns eine Umkehr unserer bisherigen Rollen, dass er für mich sorgte. Und du musst diese Bereitschaft mitbringen, dich einzulassen. Wenn du das kannst, kannst du tolle Menschen kennenlernen. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, habe aber auch etwas dafür getan. Sie sind also nicht einfach erschienen. Das gilt übrigens auch für die Kunst. Wenn du offen bist, können Bücher oder Filme ein großer Einfluss auf dich sein.

Der Film handelt auch von einem Lernprozess, den der Protagonist mitmacht. Was haben Sie selbst gelernt, indem Sie diesen Film gemacht haben?

Eine ganze Menge! Das war mein zehnter Film als Regisseur und etwa mein siebzigster Film als Drehbuchautor. Bisher konnte ich immer sagen, dass die ganzen Figuren aus meiner Feder stammen. Bei Jean Valjean kann ich das nicht sagen, der stammt definitiv nicht von mir. Das führt zum einen zu einer gewissen Bescheidenheit. Aber es führt auch dazu, dass du einen eigenen Standpunkt haben musst. Du musst eine Subjektivität haben. Du musst etwas Eigenes machen. Wenn du Romeo und Julia verfilmst, kannst du es machen wie Franco Zeffirelli. Du kannst es machen wie Baz Luhrmann. Aber es braucht deine Perspektive. Wenn du einfach nur die Geschichte verfilmst, ist das nicht sinnvoll. Das ist auch wichtig, wenn ich meine eigenen Geschichten verfilme. Du musst als Regisseur den Autor ein Stück weit verraten. Wenn jemand anderes meine Drehbücher verfilmt hat, ist das auch oft gelungen. Als Regisseur muss ich das selbst noch lernen.

Vielen Dank für das Gespräch!



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