
Die ZAD (Zone à défendre) von Notre-Dame-des-Landes nahe Nantes war lange ein Symbol: für den Widerstand gegen ein Flughafenprojekt, für eine erkämpfte autonome Zone und für die Möglichkeit, anders zu leben. Der Dokumentarfilm Direct Action von Guillaume Cailleau und Ben Russell setzt genau dort an – allerdings nicht im Moment der Eskalation, sondern danach. Über mehr als dreieinhalb Stunden beobachtet der Film den Alltag einer Gemeinschaft von Aktivistinnen und Aktivisten: Brot wird gebacken, Holz gesägt, Tiere versorgt, Plakate gedruckt. Erst gegen Ende brechen die Bilder der Proteste von Sainte-Soline in dieses Gefüge ein und verbinden das scheinbar Abgeschlossene mit neuen Frontlinien des Widerstands.
Arbeit in Echtzeit
Schon der Auftakt markiert das Programm: Nach einer kurzen Sequenz mit einem Desktop‑Bildschirm, auf dem Dateien zu früheren Protesten in der ZAD zu sehen sind, folgt eine lange, wortlose Einstellungssequenz von Händen, die Brotteig kneten Hände im Teig – eine radikale Setzung, die weniger einführt als aussetzt. Direct Action verfolgt eine Poetik der Dauer: Tätigkeiten werden nicht verdichtet, sondern in Echtzeit gezeigt. Ein Brot entsteht in voller Länge, ein Baumstamm wird vollständig zersägt. Das erinnert an das Direct Cinema eines Frederick Wiseman, verzichtet aber auf dessen strukturierende Montage. Was bleibt, ist Zeit – als Erfahrungsraum, der ein anderes Verhältnis zu Arbeit, Effizienz und Produktivität erfahrbar machen will und dabei zugleich die Geduld des Publikums aufs Äußerste beansprucht.
Auffällig ist die konsequente Verweigerung von Individualisierung. Gesichter bleiben häufig am Bildrand, im Zentrum stehen Hände, Werkzeuge, Prozesse. Das lässt sich als politisches Statement lesen: gegen Heroisierung, gegen die Logik von Leitfiguren und für das Kollektiv als funktionierende Einheit. Das schafft jedoch gleichzeitig eine Leerstelle. Die verschlungene Geschichte der ZAD, ihre inneren Konflikte, die Spannungen zwischen Legalisierung und Autonomie bleiben nur indirekt spürbar. Der Film setzt Vorkenntnisse voraus – oder akzeptiert, dass ein Teil seiner politischen Dimension im Diffusen verbleibt.
Zwischen Utopie und Erschöpfung
Interessant ist die Perspektivverschiebung vom Kampf zur Reproduktion. Direct Action interessiert sich weniger für Mobilisierung als für die tägliche Arbeit an einer bereits erkämpften Lebensform. Die ZAD erscheint als Raum permanenter Pflege – körperlich wie sozial. Diese kontemplative Beobachtung kippt im letzten Abschnitt, wenn die Bilder von Sainte-Soline mit viel Rauch und Tränengas in den Film einbrechen. Der Kontrast ist scharf gesetzt, macht ein Kontinuum von Alltag und Repression sichtbar, ohne es vollständig zu erklären.
Eine der prägnantesten Szenen zeigt eine Aktivistin, die die Anwesenheit der Kamera direkt in Frage stellt. Wer produziert hier Bilder – und für wen? Es ist ein kurzer Moment expliziter Selbstreflexion in einem Film, der ansonsten alle Kommentare verweigert. Cailleau und Russell verstehen sich nicht als Agitatoren, sondern als Beobachter; ihre politische Haltung artikuliert sich über die Form, nicht über Argumente. Diese Haltung kann als Einladung zum eigenen Denken funktionieren – oder dazu führen, dass der Film vor allem jene erreicht, die ohnehin wissen, wie sie das Gesehene einordnen.
OT: „Direct Action“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Ben Russel, Guillaume Cailleau
Kamera: Ben Russell
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