
Ein Mann (Miguel Herrán) erscheint in einer indischen Polizeistation und identifiziert sich selbst als vermisste Person, während er zugleich ein Verbrechen meldet. Von hier aus entfaltet sich die Handlung in einer Rückblende. Im Jahr 1999 reisen Quique, seine Partnerin Clara (Susana Abaitua) und deren Sohn Lucas (Iván Renedo) als Rucksacktouristen durch die abgelegene Himalaya-Region im Norden Indiens. Während Clara nach einer überstandenen Krebserkrankung eigentlich Erholung sucht und sich nach dem Meer sehnt, drängen Quique und Lucas auf eine letzte Wanderung. Diese endet in einer Katastrophe: Nachts wird die Familie brutal überfallen, Clara und Lucas sterben, Quique überlebt schwer verletzt. Ein Einheimischer (Morup Namgyal) bringt ihn in ein abgelegenes Bergdorf, wo er aufgrund seines Zustands und der widrigen Wetterverhältnisse festgehalten ist. Dort verbringt er Monate, konfrontiert mit Misstrauen seitens der Dorfbewohner, seiner eigenen Schuld und der Unmöglichkeit, das Geschehene sofort zur Anzeige zu bringen.
Zwei Filme in einem
Valley of Shadows – Gefangen im Albtraum ist der nach 1898. Los últimos de Filipinas und Adù dritte Spielfilm von Regisseur Salvador Caldo, Haus des Geldes-Star Miguel Herrán spielt die Hauptrolle. Der Film beginnt mit einer Rahmenszene und erst im Anschluss an diese Exposition zeigt sich die eigentliche Struktur des Films – und mit ihr dessen grundlegendes Problem. Die Rückblende zerfällt in zwei deutlich voneinander getrennte Blöcke: Zunächst die spannungsgetriebene Vorgeschichte bis zum Überfall, dann die langwierige Phase der Rekonvaleszenz im Dorf. Was zunächst wie eine bewusst gesetzte Zäsur erscheint, entpuppt sich zunehmend als Bruch. Der erste Teil lebt von seiner klaren dramaturgischen Ausrichtung. Die eröffnende Polizeiszene fungiert als Vorwissen, das eine latente Bedrohung erzeugt. Die scheinbar harmlose Wanderung wird so von Beginn an unter Spannung gesetzt; jede Entscheidung der Figuren trägt ein Moment des Unheils in sich. Diese Form der Vorausdeutung verleiht dem Film zunächst eine beachtliche Sogwirkung.
Mit dem Überfall jedoch entlädt sich diese Spannung abrupt – und wird nicht neu aufgebaut. Stattdessen schlägt der Film eine andere Richtung ein: Aus dem Thriller wird ein introspektives Drama über Schuld, Verlust und Sinnsuche. Dieser Wechsel ist an sich nicht problematisch, doch gelingt es der Inszenierung nicht, die neue Tonlage organisch zu entwickeln. Vielmehr wirkt der zweite Teil wie ein eigenständiger Film, der mit dem ersten nur lose verbunden ist.
Funktionale Figuren, flache Weisheiten
Besonders deutlich wird dies in der Figurenzeichnung. Die im Dorf angesiedelten Begegnungen dienen offenkundig der inneren Transformation Quiques, bleiben jedoch häufig funktional. Die Figur der Prana, gespielt von Alexandra Masangkay, nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Als einzige Vermittlerin zwischen Quique und der Dorfgemeinschaft spricht sie seine Sprache – und fungiert zugleich als sprachliches Vehikel für die thematischen Anliegen des Films. Doch gerade darin liegt ihre Schwäche: Sie erscheint weniger als eigenständige Figur denn als Projektionsfläche, die dem Protagonisten und dem Publikum dessen „Weg“ erklärt. Ihre Dialoge geraten dabei nicht selten zu wohlfeilen Sinnsprüchen, deren Deutlichkeit jede Ambivalenz unterläuft.
Auch die Dorfgemeinschaft selbst bleibt in ihrer Motivation schemenhaft. Zwar deutet der Film an, dass westlicher Spiritualitätstourismus als störend empfunden wird – als oberflächliche Suche nach Sinn, die lokale Traditionen vereinnahmt und zugleich entwertet. Doch diese Perspektive wird nur angerissen, nicht ausgearbeitet. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden wirkt dadurch eher behauptet als dramatisch begründet. So verliert der Film im zweiten Teil nicht nur an Tempo, sondern auch an erzählerischer Präzision. Die angestrebte spirituelle Tiefe wird zu explizit formuliert, statt sich aus der Situation heraus zu entfalten. Wo Bilder sprechen könnten, sprechen Figuren – und sagen dabei oft zu viel.
Erhabene Bilder, schwache Dramaturgie
Umso bemerkenswerter ist, dass die visuelle Gestaltung eine ganz andere Qualität erreicht. Kameramann Álex Catalán nutzt die Landschaft des Himalaya für eindrucksvolle, teils überwältigende Panoramen. Weite Totalen und ruhige Drohnenfahrten verleihen der Natur eine erhabene Präsenz, die den Menschen klein und verletzlich erscheinen lässt. In diesen Momenten findet der Film zu einer Bildsprache, die das existenzielle Thema von Verlust und Orientierungslosigkeit weit überzeugender transportiert als die dialoglastigen Passagen.
Doch diese ästhetische Kraft kann die strukturellen Schwächen nicht vollständig auffangen. Die Längen des zweiten Teils, die mangelnde Entwicklung der Nebenfiguren und der abrupte Tonwechsel verhindern eine nachhaltige emotionale Bindung. So bleibt Valley of Shadows – Gefangen im Albtraum ein Film mit großem Anspruch und einzelnen eindrucksvollen Momenten, der jedoch an seiner eigenen Uneinheitlichkeit scheitert – und letztlich im soliden, aber unbefriedigenden Mittelfeld verharrt.
OT: „Valle de sombras“
Land: Spanien
Jahr: 2023
Regie: Salvador Calvo
Buch: Alejandro Hernández
Musik: Roque Bañoz
Kamera: Álex Catalán
Besetzung: Miguel Herrán, Susana Abaitua, Alexandra Masangkay, Stanzin Gonbo, Sonak Angchok, Morup Namgyal, Iván Renodo
Amazon (DVD „Valley of Shadows“)
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