
Armuts- und familienbedingt ist Mabry Landor, heute 45 Jahre alt, schon früh auf die schiefe Bahn geraten. Nachdem er 2008 auf der Flucht einen Polizisten erschoss, wurde er in Texas ins Gefängnis geschickt – auf ihn wartet seit 2010 die Todesstrafe, bzw. er wartet auf sie. Aus seiner Zelle in Livingston darf er nur selten heraus, so wie hier, als er über das Besuchstelefon mit dem Filmteam über seine Fehler und Reue, aber auch über seine Reflexion und über seine Träume spricht, und dabei das Leben entlang der Road 190 skizziert – einem 60 Kilometer langen Weg quer durch eine Ortschaft, geprägt von Libertarismus, einer gehörigen Portion „America, fuck yeah!“ und dem allumfassenden Gefängnissystem, welches gar mit sieben (oder acht?) Institutionen präsent ist. Diese Straße muss er mal entlangfahren, sobald ihm seine Stunde schlägt, da sich am Ende dieser die ausgewiesene Hinrichtungsstätte befindet.
„Fourth Reich culture, Americana“
Die Thematik, die in Road 190 von Emilie Cornu und Charlotte Nastasi aufgegriffen wird, ist bei Weitem keine neue: Seit Jahrzehnten wird das mordende, rassistische, auf Profit ausgerichtete, machtgeile Gefängnissystem der USA in der Popkultur gefilmt, besungen, kritisiert, prosaisch und poetisch verarbeitet. Die „Americana“, die Bestandteile, die die weiße, US-amerikanische Mehrheits„kultur“ ausmachen, wird oftmals auf Fast Food, Revolver, Soda Pop und Rassismus beschränkt – doch wenn man sich die aktuellen USA ansieht, wäre dies solch eine falsche Annahme? Die USA unter Trumps zweiter Amtszeit benehmen sich nunmehr auch endgültig außenpolitisch wie der republikanische Elefant im Porzellanladen (nicht, als hätten sie schon die letzten knapp 80 Jahre Weltpolizei gespielt und etliche Regierungen mindestens destabilisieret), und Road 190 zeigt dies im texanischen Mikrokosmos nur allzu pointiert.
Früher zumindest durch Versprechungen von Freiheit und Gerechtigkeit kaschiert, heutzutage mehr schlecht als recht durch Reddit-Memes und grobschlächtige Pseudo-Maskulinität an den gefräßigen, lernresistenten Teil des Volkes weitergegeben, ist die „Murrica“-Fraktion ein wahrgewordenes Klischee, das nie wirklich weg war. Im Yeehaw-Staat Texas, der seit 1977 die mit Abstand meisten Hinrichtungen der USA bewilligt (593 an der Zahl, Stand 2025, dahinter kommt erst Oklahoma mit 130 getöteten Menschen), ist vor allem in Livingston der industrielle Komplex, den das gewinnerbringende Gefängnissystem der USA darstellt, allgegenwärtig. Alle Bewohnenden dort haben mindestens davon gehört, die meisten dort in irgendeiner Funktion gearbeitet, manche sind mittlerweile im Ruhestand bzw. betreiben einen BBQ-Imbiss oder einen Fischladen, andere sind weiterhin im Justizsystem zugegen und befürworten die Todesstrafe, obwohl sie meinen, zu Jesus gefunden zu haben. Dass evangelikale US-Amerikaner*innen die Bibel auf eine konservative, menschenfeindliche Weise interpretieren, ist leider ein aktuelles Phänomen, das selbst vor TikTok-Jugendlichen keinen Halt findet.
Waffen, Barbecue, Todesstrafe
Die Charaktere, die man entlang der Road 190 antrifft, könnten klischeebehafteter nicht sein, sind jedoch traurige Realität. Dieselbe Frau, die täglich dutzende Pfunde an Fischen köpft, meint, sie könnte niemals „Tiere“ umbringen. Ein minderjähriger Junge mit Irokesenschnitt wird an ein gewaltiges Sniper-Gewehr gelassen, um Wild zu schießen. Der Rentner, der nach Jahren als Gefängniswärter einen BBQ-Laden aufmacht, da er möchte, dass Menschen sich friedlich connecten, wählt Trump. Und überall dazwischen meldet sich immer wieder Mabry Landor übers Telefon, der, obwohl er verurteilter Mörder ist, als die bei weitestem reflektierteste Person in all dieser Melange erscheint. Kein Wunder: So hat er wirklich (noch) alle Zeit der Welt, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Seit Jahren ist bekannt, wie das rechtslibertäre-möchtegernchristliche Hinterland der USA tickt, seit Jahren ändert sich kaum etwas an den Strukturen, die die Menschen dort beschäftigen und eben so ticken lassen.
Auch diese Dokumentation reproduziert dasselbe Bild, das in mindestens sieben Arte-Dokumentationen auf YouTube zu finden ist. Dass Texas ein Staat ist, der Waffen feiert, der Weiße feiert, der eine perverse Version des christlichen Glaubens feiert, ist nichts Neues, und allzu neue Erkenntnisse gibt es in Road 190 diesbezüglich nicht. Die Rahmenhandlung um Mabry, die Präsenz der Gefängnisse in allen Lebenslagen, ist eine vielversprechende Prämisse, die vom alltäglichen, bekannten US-amerikanischen Leben überlagert wird und nicht so viel Raum bekommt, die sie eigentlich verdient hätte, selbst wenn Organisationen, die gegen die Todesstrafe demonstrieren, ihre paar Minütchen bekommen. Auch optisch geht der Film keine neuen Pfade, so dass selbst nach nur knapp über einer Stunde die Geschichte nicht nur auserzählt wirkt, sondern durchgekaut.
OT: „Road 190“
Land: Schweiz, Belgien
Jahr: 2025
Regie: Emilie Cornu, Charlotte Nastasi
Musik: Renaud Musy, Emmanuel de Boissieu
Drehbuch: Emilie Cornu, Charlotte Nastasi
Kamera: Charlotte Müller
Mitwirkende: Mabry Landor
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