Warum bist du bei „The Pitt“ dabei? Was hat dich an der Serie gereizt?
Ich hatte zum einen Lust, mich wieder in die Arena der medizinischen Betreuung zu wagen, wo ich seit „Emergency Room“ nicht mehr war. Außerdem wollte ich wieder mit John Wells und R. Scott Gemmill arbeiten, um zu sehen, ob wir wieder etwas erschaffen können wie 30 Jahre zuvor. Wir haben dieses Gefühl einer Kameradschaft vermisst. Als Ensemble zu arbeiten und etwas zu erzählen, das relevant ist.
Wenn du „The Pitt“ mit „Emergency Room” oder anderen Krankenhausserien vergleichst, was ist besonders daran?
Der größte Unterschied ist dieser Echtzeitfaktor, wenn jede Episode eine Stunde in der Schicht darstellt. Wir haben die Musik rausgenommen und auch viel von der filmischen Künstlichkeit, mit der das Publikum sonst geleitet wird. Die Zuschauer sollen weniger passiv sein, sollen stärker involviert sein. Außerdem zeigen wir, wie das Gesundheitssystem, das sich durch Covid so sehr verändert hat, heute aussieht. Das war so ein starker Einschnitt, wir haben jetzt ganz andere Geschichten, die wir erzählen können. Wir wollen aufzeigen, was es wirklich heißt, in diesem Bereich zu arbeiten.
Was ich mich immer wieder frage: Warum schauen sich die Menschen solche Serien hat? Niemand will krank sein oder sich mit Krankheit auseinandersetzen. Niemand geht gern ins Krankenhaus. Warum wollen die Leute etwas über Krankenhäuser und kranke Menschen sehen?
Zum einen ist da die Neugierde der Menschen, die sie dazu veranlasst, bei Unfällen langsamer zu fahren und zu schauen, wie schlimm es ist. Wir Menschen haben schon eine voyeuristische Ader und wollen hinter den Vorhang von Tragödien schauen, aus einer sicheren Distanz heraus. Wir wollen wissen, was passieren würde, wenn wir in einer solchen Situation sind. Und irgendwie ist es beruhigend zu sehen, dass du schlaue und mitfühlende Leute hast, die sich um dich kümmern, wenn du in einer solchen Situation bist, selbst wenn sie selbst gerade harte Zeiten durchmachen.
Lass uns über deine Figur sprechen. Wie würdest du Robby beschreiben?
Robby symbolisiert all die Ärzte in seinem Alter, die seit Jahrzehnten praktizieren und vermutlich schon vor einer Weile hätten aufhören sollen. Er hat viel gesehen, er hat viel getan. Er hat sein Haltbarkeitsdatum überschritten und sieht nicht, wie seine Karriere ihren Tribut forderte. Robby glaubt, dass alles in Ordnung ist. Die erste Staffel zeigt ihm aber: Es ist nicht in Ordnung. Wenn die These der ersten Staffel ist, dass der Arzt der Patient ist, dann zeigt die zweite Staffel, dass Ärzte keine guten Patienten sind. Hoffentlich zeigt dann eine dritte Staffel, dass Ärzte davon profitieren können, wenn sie Patienten sind. Diese mentale Entwicklung von Robby ist etwas, mit dem sich viele von uns identifizieren können, wenn wir zu dem zurückkehren, wie es war, bevor unsere Welt auf den Kopf gestellt wurde.
Wie genau sieht der Einfluss seiner Arbeit auf ihn aus? Was macht sie mit ihm?
Ich glaube, dass viele Menschen, die in dem Bereich arbeiten, das als Berufung tun. Sie fühlen sich angezogen von dem Tempo und dem Adrenalinrausch, von der Möglichkeit, ein weißer Ritter zu sein, Gottkomplex. Warum willst du die Probleme anderer lösen? Weil du deine eigenen nicht lösen willst. Du findest viel Pathologie in diesem Edelmut. Der Dienst an anderen dient letztendlich auch dir. Ich fand das sehr spannend, wie wir einen Helden dekonstruieren. In dem Moment, wo wir alle auf ihn warten, damit er die Leute rettet, sehen wir, wie er auf dem Flur zusammenbricht und Cartoon-Tiere an der Wand anschreit. Die Serie zeigt die Zerbrechlichkeit dieser Menschen, aber auch die Zerbrechlichkeit dieses Systems. Du kannst so viel Künstliche Intelligenz und Technologie einbauen, wie du willst, am Ende ist es doch eine Welt von Menschen.
Neben dieser gibt es viele andere emotionale Szenen in dem Film. Was macht das mit dir, wenn du solche Szenen spielst?
Darauf antworte ich halb im Scherz: Ich habe 2020 darüber nachgedacht, dass ich einen Nervenzusammenbruch haben sollte, hatte aber keinen guten Zeitpunkt dafür gefunden. Also habe ich eine Fernsehserie um einen solchen Nervenzusammenbruch geschrieben, in der Hoffnung, dass das Publikum etwas davon hat. Aber im Ernst, das ist ein Thema, mit dem ich mich tatsächlich beschäftigen wollte in meiner Arbeit, um es loszuwerden. Als ich die Szene gedreht habe, war sie für mich eher befreiend als anstrengend. Ich war aufgeregt, das mitzumachen, anstatt mich davor zu fürchten.
Da du schon erwähnt hast, dass du selbst an der Serie geschrieben hast: Wie schaffst du es, die Balance aus all den Figuren zu halten und ihnen gerecht zu werden? Bei euch gibt es schließlich sehr viele, sowohl beim Krankenhauspersonal wie auch den Patienten.
Das ist eine großartige Frage. Glücklicherweise hat John Wells den Druck rausgenommen, indem er uns sagte, dass nicht alle Figuren in jeder Episode zu sehen sein müssen. Du hast bei einer solchen Serie natürlich schon den Anspruch, dass alle berücksichtig werden und ihre eigene Geschichte bekommen und einen eigenen Abschluss. Das sind alles konventionelle Regeln, an denen John kein Interesse hat. Er interessiert sich vor allem für Authentizität. Natürlich habe ich beim Schreiben schon darüber nachgedacht. Letzten Endes müssen aber nicht alle Figuren gleichberechtigt sein. Das war auf jeden Fall eine interessante Entscheidung. Manchmal war es so, dass ich eine Figur gar nicht drin haben wollte, bis ich ihre Stimme im Kopf hatte.
Und warst du je in Versuchung, deiner eigenen Figur mehr Raum zu geben, als du es sonst getan hättest, wenn du sie nicht spielen würdest?
Ja und nein. Es gibt ein paar Sachen, die ich in den 35 Jahren gelernt habe. Eine ist, dass Figuren wirkungsvoller sein können, wenn sie nicht ganz so oft zu sehen sind. Manchmal ist eine Figur präsenter, wenn sich andere über sie unterhalten. Du kannst ihr eine Bedeutung geben, ohne sie zeigen zu müssen. Ich habe vor Jahren gelesen, dass Ben Affleck bei seinem ersten Regiefilm, in dem er mitgespielt hat, so sehr darum bemüht war, sich nicht in den Vordergrund zu rücken, dass er ins andere Extrem gegangen ist. Denn als er im Schneideraum war, hat er bedauert, nicht häufiger die Kamera auf sich selbst gerichtet zu haben. Wenn ich Regie führe oder schreibe, muss ich daher auch aufpassen, dass ich meine Figur vernachlässige, nur weil ich sie spiele. Tatsächlich hat man mir eher den Vorwurf gemacht, mich zu sehr in den Hintergrund zu rücken als umgekehrt. In Episode neun will Robby eine Rede halten, um die Moral seines Teams zu steigern, nachdem das Kind gestorben ist. Und gerade als er über seine eigenen Erfahrungen mit einem solchen Verlust sprechen will, kommt jemand rein und sagt, dass da ein Kampf ausgebrochen ist, weshalb alle aus dem Zimmer gehen. Ein Freund hat mir gesagt, dass ich der einzige wäre, der seine eigene große Rede boykottiert. Für mich war das so lustiger.
Wenn du deine Erfahrungen von „The Pitt“ mit denen von „Emergency Room“ vergleichst, was hat sich geändert?
Als wir uns zusammengesetzt haben, um über die neue Serie zu sprechen, haben wir uns selbst die Frage gestellt: Worüber können sprechen, was wir nicht in „Emergency Room“ hatten? Einer schrieb daraufhin Opioid-Krise. Ein anderer schrieb Rechte von Transgeschlechtlichen. Oder Waffengewalt. Überfüllte Notaufnahmen. Personalmangel. Am Ende hatten wir 35 bis 40 Begriffe aufgeschrieben, die es vor 30 Jahren nicht einmal im Lexikon gab. Es hat sich also sehr viel verändert seit damals. Manches ist natürlich gleichgeblieben, manche Verletzungen sind einfach Alltag in einem Krankenhaus. Aber wir hatten so viel, worüber wir sprechen konnten, dass sich das alles frisch angefühlt hat.
Würdest du sagen, dass „The Pitt“ mehr von medizinischen oder gesellschaftlichen Themen handelt?
Du kannst diese beiden Punkte nicht wirklich voneinander trennen. Medizinisches Arbeiten geschieht immer im Rahmen einer Gesellschaft und den Möglichkeiten, die dir diese Gesellschaft gibt. Im Moment sind alle überlastet und bekommen zu wenig Unterstützung. Die medizinische Betreuung spiegelt das dann wider.
Gibt es denn bei euch medizinische Berater, die euch bei der Serie zur Seite stehen?
Ich wollte jetzt einen Witz darüber machen, wie wir uns das alles ausdenken. Aber tatsächlich hatten wir auf Schritt und Tritt jemanden, der aufpasste, dass das alles richtig ist. Ob es nun jemand ist, der selbst in einer Notaufnahme arbeitet, ein Physiotherapeut oder jemand, der sich auf Atemerkrankungen spezialisiert hat: Da war ständig jemand um uns herum, um sicherzustellen, dass das am Ende so akkurat wie möglich ist.
Seid ihr im Vorfeld dann auch in Krankenhäuser gegangen?
Wir sind in Krankenhäuser gegangen. Wir waren zum Beispiel in einem in Los Angeles, das dem ganz ähnlich ist, das wir in der Serie zeigen. Außerdem mussten wir alle in zweiwöchige medizinische Bootcamps, wo wir zwölf Stunden am Tag von Ärzten und Krankenpflegern gedrillt wurden, wie Standardeingriffe oder Beatmungen gemacht werden, wie man Reflexe testet. All die Dinge, denen sie im Laufe der Staffel begegnen würden. Wir haben uns Filme und abstoßende Bilder angeschaut, alles, damit wir auf dem theoretischen Stand sind, die ihre Figuren hätten.
Durch deine Arbeit an den Serien hast du natürlich viel über Krankheiten und Behandlungen gelernt. Bist du dadurch je in Situationen, wo du selbst medizinische Diagnosen abgibst?
Früher habe ich anderen immer gesagt, wenn sie mich um Rat gefragt haben, dass ich kein wirklicher Arzt bin und sie sich professionellen Rat suchen sollten. Inzwischen bin ich so weit, dass ich tatsächlich schaue, ob ich ihnen helfen kann, und muss mich da eher zurückhalten.
Vielen Dank für das Interview!
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