
Es ist eine jener biografischen Zäsuren, die jede zweite Person auf diesem Planeten betrifft – und über die doch über Jahrhunderte beharrlich geschwiegen wurde. Die Menopause, medizinisch erforscht, kulturell verdrängt, gesellschaftlich bagatellisiert. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das Schweigen gelockert. Bücher von Journalistinnen wie Miriam Stein, Ärztinnen wie Louise Newson oder Sheila de Liz, ja selbst prominente Stimmen wie Naomi Watts haben dazu beigetragen, das Thema aus der Schmuddelecke des vermeintlich Peinlichen zu holen. In diese Bewegung reiht sich nun auch der Dokumentarfilm Mein neues altes Ich – Eine Reise in das Mysterium der Menopause der dänischen Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen ein – als sehr persönlicher, zugleich dezidiert politischer Beitrag.
Leeräume
Kjeldsen beginnt bei sich selbst. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, nicht mehr ganz Herrin im eigenen Kopf zu sein – Symptome, die sie zunächst verunsichern, dann beunruhigen. Ihre erste Internetrecherche fördert vor allem Leerräume zutage. Zwar existieren medizinische Definitionen und Ratgeber, doch was fehlt, ist ein gesellschaftlicher Resonanzraum. Aus dieser Erfahrung entwickelt sich der Film: aus dem Staunen darüber, wie wenig selbst gebildete, gut informierte Frauen über eine Lebensphase wissen, die so einschneidend ist.
Was Mein neues altes Ich von vielen Fernseh-Features unterscheidet, ist der beharrliche Perspektivwechsel zwischen dem Subjektiven und dem Systemischen. Kjeldsen lässt Frauen aus verschiedenen westlichen Ländern zu Wort kommen, die von Hitzewallungen, Gedächtnisproblemen oder sogar Suizidgedanken berichten. Ihre Stimmen bilden ein vielstimmiges Protokoll einer kollektiven Irritation. Die Menopause erscheint hier nicht als bloß hormonelles Ereignis, sondern als existenzielle Verschiebung – körperlich, psychisch, sozial.
Wissenschaftliche Expertise
Zugleich sucht die Regisseurin das Gespräch mit führenden Wissenschaftlerinnen. Die norwegische Soziologin Silje Mæland untersucht in Bergen die Auswirkungen der Menopause auf die Arbeitswelt; die Medizinerinnen Pauline M. Maki in Chicago, Anette Tønnes Pedersen in Kopenhagen und Jayashri Kulkarni in Melbourne forschen zu neurologischen, hormonellen und psychiatrischen Dimensionen des Themas. Ihre Befunde sind differenziert, ihre Botschaften klar: Die Datenlage ist besser als ihr Ruf, doch strukturelle Vorurteile halten sich hartnäckig. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Hormonersatztherapie, die seit Studien der frühen 2000er Jahre vielerorts in Verruf geraten ist – obwohl neuere Auswertungen das Risiko relativieren.
Formal bleibt Kjeldsen dabei eher klassisch. Interviews, Archivmaterial, Reisebilder. Wenn persönliche Erinnerungen der Forscherinnen visualisiert werden, greifen animierte Sequenzen ein – behutsam eingesetzt, nie effekthascherisch. Der Film vertraut auf das gesprochene Wort, auf die Kraft der Erfahrung. Das mag konventionell wirken, ist aber in seiner Klarheit konsequent: Hier geht es nicht um formale Innovation, sondern um Sichtbarkeit.
Dass die Regisseurin sich bereits zuvor Tabuthemen gewidmet hat – etwa mit Fat Front (2019) über Body Positivity oder State of Women (2016) über Aktivistinnen weltweit –, fügt sich schlüssig in dieses Werk ein. Auch Mein neues altes Ich versteht sich als Intervention: gegen das Schweigen, gegen medizinische Fehlinformationen, gegen die kulturelle Abwertung alternder weiblicher Körper.
Ein Aufklärungsfilm
Zum Ende hin erlaubt sich der Film einen vorsichtigen Optimismus. Die öffentliche Debatte ist in Bewegung geraten, Unternehmen beginnen, über menopausenfreundliche Arbeitsbedingungen nachzudenken, soziale Medien schaffen neue Räume des Austauschs. Die Tabuzone wird kleiner. Ob der Film allerdings jene erreicht, die sich bislang nicht betroffen fühlten – Männer, jüngere Frauen, Entscheidungsträger –, bleibt offen.
Doch selbst wenn er vor allem ein bereits sensibilisiertes Publikum anspricht, erfüllt er eine wichtige Funktion. Mein neues altes Ich ist im besten Sinne ein Aufklärungsfilm: unaufgeregt, präzise, solidarisch. Er entlässt sein Publikum klüger aus dem Kinosaal, als es ihn betreten hat. Und vielleicht ist das in Zeiten der Überreizung die radikalste Form des Kinos: das beharrliche, informierte Sprechen über das, worüber zu lange geschwiegen wurde.
OT: „Mysteriet om menopausen“
Land: Dänemark, Deutschland, Norwegen
Jahr: 2026
Regie: Louise Unmack Kjeldsen
Buch: Louise Unmack Kjeldsen
Musik: Astrid Fabrin
Kamera: Anders Löfstedt
Mitwirkende: Pauline M. Maki, Jayashri Kulkarni, Silje Mæland, Alexandra Paget-Blanc, Anette Tønnes Pedersen, Maren Kroymann
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