
Das Arsenal in Tübingen zählt zu den ältesten Programmkinos Deutschlands. Nach 50 Jahren schließt sich der Vorhang im Februar 2024 für immer. Denn das Gebäude, in dem sich das Kino samt beliebter Bar befand, wurde verkauft. Der Regisseur Goggo Gensch hat die letzten Tage dieser Tübinger Kulturinstitution und den umtriebigen Mann dahinter mit der Kamera begleitet. Der 1946 geborene Stefan Paul hat im Verlauf seiner langen Karriere nicht nur in Tübingen, sondern in der gesamten deutschen Programmkino-Landschaft tiefe Spuren hinterlassen.
Quo vadis, deutsches Programmkino?
Der Abgesang auf das Kino ist im Grunde so alt wie das Medium selbst. Dessen unaufhaltsam herannahender Tod wurde in seiner 130-jährigen Geschichte schon so häufig ausgerufen, dass man schnell den Überblick verliert. Mal war es die Einführung des Tonfilms, die der angeblich einzig wahren Filmkunst des Stummfilms den Garaus machen würde, später die Konkurrenz durchs Fernsehen. Und allein zu Lebzeiten von Simon Erasmus kamen als potenzielle Kino-Killer Videotheken, das Privatfernsehen, Streamingdienste und überdimensionierte Fernsehgeräte zu erschwinglichen Preisen hinzu, wie Erasmus im Dokumentarfilm des Regisseurs Goggo Gensch anmerkt.
Videotheken gibt es heutzutage fast keine mehr, Kinos gibt es immer noch. Woran das liegen könnte, bringt der noch junge Stuttgarter Kinobetreiber auf den Punkt: „Kino hat seine eigene Magie“, sagt Erasmus, „und auch wenn man einen 50- oder 60-Zoll-Fernseher zu Hause hat – das wird jeder, der mal im Kino war, unterschreiben können –, entfaltet ein Film auf der Kinoleinwand und in einem Saal, in dem man mit Leuten, die man nicht kennt, Gefühle teilt, eine ganz andere Wirkung als wenn man den Film zu Hause guckt.“ Von dieser Kinomagie zaubert auch Genschs Dokumentarfilm einiges auf die große Leinwand. Vor allem aber zeigt der Film die Leidenschaft der Macher dahinter, allen voran die der lebenden Programmkino-Legende Stefan Paul.
(K)ein Abschied vom Kino
Stefan Paul, das von ihm in Tübingen betriebene Kino Arsenal und dessen Schließung im Februar 2024 stehen im Zentrum von Genschs Doku. Von diesem Zentrum ausgehend, beleuchtet Gensch die Lage der deutschen Programmkino-Szene im Allgemeinen. Kinobetreiber wie der bereits erwähnte Simon Erasmus und dessen Vater Peter Erasmus (Delphi Kino, Atelier am Bollwerk; Stuttgart), der einst einen Job von Stefan Paul erhielt, Verena Stackelberg (Wolf Kino; Berlin) und Elmar Bux (Kino im Waldhorn; Rottenburg) kommen ebenso zu Wort wie Branchenvertreter wie Michael Kölmel (Kinowelt, Zweitausendeins) und Lars Henrik Gass (Internationale Kurzfilmtage Oberhausen), Medienwissenschaftler und Journalisten wie Susanne Marschall, Bernhard Pörksen und Knut Elstermann oder Filmschaffende wie Ulrich Tukur und Wim Wenders, die einen Bezug zum Arsenal-Kino und dem gleichnamigen, von Paul gegründeten Verleih haben. Denn viele der Schwierigkeiten, vor denen das Arsenal stand, lassen sich auf andere Abspielstätten übertragen.
Nach 50 Jahren machten die Pforten der Tübinger Kulturinstitution endgültig dicht; nicht etwa, weil das Publikum ausblieb, sondern weil die Immobilie, in der sich das Kino befand, verkauft wurde. Letzten Endes war der Verkaufspreis so hoch, dass weder Paul und dessen Unterstützer noch die Stadt Tübingen die geforderte Summe aufbringen konnten, um das Kino zu retten, wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer im Film erklärt. Neben der Konkurrenz durch Fernsehen und Streaminganbieter sind es besonders steigende Miet- und Nebenkosten, die vielen Kinos zu schaffen machen. Mögliche Auswege aus der Kostenspirale könnten genossenschaftliche oder staatlich geförderte Modelle bieten. Deren Vor- und Nachteile werden im Film diskutiert.
(Zu) viele Filme in einem
Ein Film über das Leben und die Karriere des 1946 in Leipzig geborenen Stefan Paul war überfällig. Denn der Kinoenthusiast ist bis heute ausgesprochen umtriebig geblieben. Er ist Kinobetreiber, Filmverleiher, Filmregisseur und Stammgast auf zahlreichen Festivals. Wer sich in der deutschen Kinolandschaft auskennt oder regelmäßig die Berlinale oder die Hofer Filmtage besucht, der hat Pauls Namen garantiert gehört, wenn er ihm nicht sogar schon persönlich über den Weg gelaufen ist. Zu seinen vielen Leistungen zählt unter anderem, die Undergroundfilme John Waters‘ (Pink Flamingos, Polyester) nach Deutschland gebracht und einen bedeutenden Dokumentarfilm über Bob Marley gedreht zu haben.
All das kommt in Googo Genschs Film vor und noch so vieles mehr, dass es am Ende zu viel wird. Gensch kann sich nicht recht entscheiden, ob er einen Film über Stefan Paul oder einen über die Programmkinos dieser Republik drehen wollte. Natürlich hängt beides zusammen und lässt sich das eine schlecht ohne das andere erzählen, gerade weil Paul so gut vernetzt ist und so tiefe Spuren in der deutschen Kinolandschaft hinterlassen hat. Ein Mehrteiler fürs Fernsehen mit klarer strukturierten Blöcken wäre vielleicht das geeignetere Format für dieses umfangreiche Thema gewesen. Weil es ums Kino geht, muss es aber selbstverständlich ein Kinofilm sein. Und Lust auf dieses Medium macht Genschs Film definitiv, keine Frage! Dass er seinen Film „Kinoleben“ und nicht etwa „Kinosterben“ genannt hat, wird kein Zufall sein. Denn eins macht diese Doku eindeutig klar: Ein Kino wie das Tübinger Arsenal mag Geschichte sein, das Medium Kino aber, für das so viele Menschen brennen, ist noch lange nicht am Ende.
OT: „Kinoleben – Über das Arsenal in Tübingen und weitere Programmkinos“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Goggo Gensch
Buch: Goggo Gensch
Musik: Tim Löschmann
Kamera: Heiko Bokern, Eva Gensch, Christopher Krehahn, Dorian Ostermann, Dirk Schwarz
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