30 and wild
Szenenbild aus "30 and Wild" (© Lost Tape)

Felix Maxim Eller [Interview]

© Steffi Franz

Felix Maxim Eller legte mit Young and Wild früh einen Film vor, der stark von persönlicher Erfahrung, Freundschaften und dem unmittelbaren Lebensgefühl nach der Schulzeit geprägt war. Seitdem hat er sich als Filmemacher kontinuierlich weiterentwickelt – zunächst über das Studium, dann durch Arbeiten im Werbe- und Musikvideobereich sowie den Aufbau seiner eigenen Produktionsfirma.

Eller gehört zu einer Generation von Filmschaffenden, die sich ihre Projekte oft selbst erschließen – jenseits klassischer Produktionsstrukturen, mit kleinen Teams und viel Eigeninitiative. Seine Arbeiten sind dabei nicht nur von technischen Ambitionen geprägt, sondern vor allem von dem Wunsch, persönliche Themen filmisch greifbar zu machen. Auch sein Engagement für den Nachwuchs, etwa als künstlerischer Leiter des Newcomer Film Festivals, zeigt, wie sehr ihm Austausch, Förderung und gemeinsames Arbeiten am Herzen liegen.

Mit 30 and Wild (Kinostart: 26. März 2026) knüpft er nun an seine eigenen Anfänge an – und blickt zugleich mit neuer Perspektive auf die Figuren und Themen zurück, die ihn schon lange begleiten. Im Gespräch erzählt Felix Maxim Eller, wie sich sein Blick auf das Filmemachen verändert hat, warum ihn unabhängige Produktionen weiterhin reizen – und weshalb dieser Film für ihn ein besonders persönliches Projekt geworden ist.

Felix, 30 and Wild ist die Fortsetzung von Young and Wild. Wie stark spielt Nostalgie eine Rolle, wenn man sich den Film anschaut?

Nostalgie spielt auf jeden Fall eine Rolle, aber nicht als Voraussetzung, um den Film zu genießen. Viele entdecken den ersten Teil tatsächlich erst jetzt über 30 and Wild – sie sehen den neuen Film im Kino und sagen danach: „Oh, wie cool, es gibt noch einen Teil davor, den schaue ich mir heute Abend auf dem Sofa an.“ Das freut mich total.

Wann kam dir denn überhaupt die Idee, einen zweiten Film mit diesen Figuren zu drehen?

Lustigerweise ist die Idee ursprünglich fast wieder eingeschlafen. Vor rund zehn Jahren hatte ich schon mal ein paar Notizen für eine mögliche Fortsetzung gemacht, aber das ist dann im Alltag einfach versandet. Während des Studiums habe ich einen zweiten, völlig anderen Film gedreht und wollte mich technisch weiterentwickeln – größeres Team, mehr Fokus auf Licht, Kamera, all das.

Kurz vor Corona habe ich dann an einem anderen Buch gearbeitet, einem Thriller, für den ich sogar Drehbuchförderung von der Filmstiftung bekommen habe. Aber dieses Projekt hat sich extrem gezogen – wir haben immer wieder von vorne angefangen, wussten lange nicht genau, wie wir es wirklich haben wollen. Parallel war klar: Das braucht ein richtiges Budget, das passiert nicht „mal eben nebenbei“.

2023 bin ich dann 30 geworden, kam gerade aus der Corona-Zeit, hatte meine Filmproduktionsfirma aufgebaut – und merkte: Dieses große Projekt wird in dem Jahr nicht gedreht werden, das braucht einfach noch Zeit. Gleichzeitig hatte ich seit etwa sechs Jahren zwar gedreht, aber nur Werbung und Musikvideos, keinen eigenen Spielfilm mehr. Die Sehnsucht, wieder szenisch zu arbeiten, wurde immer größer.

In der Zeit habe ich mit Michael Bruch, der in Young and Wild Tim spielt, für ein anderes Projekt gearbeitet. Neben dem Dreh haben wir rumgesponnen: „Was würden die Figuren heute machen?“ Das hat bei mir etwas ausgelöst. Innerhalb weniger Tage hatte ich plötzlich extrem viele Ideen, und alles, was mich gerade im Leben beschäftigt hat, ließ sich wunderbar durch die Augen dieser Charaktere erzählen.

Ich habe dann an einem freien Tag alle Ideen aufgeschrieben – ursprünglich mit dem Gedanken: Vielleicht wird daraus ein kleiner 30‑Minuten‑Film, den wir im Sommer irgendwie mit einem Mini‑Team drehen. In der Nacht habe ich durchgeschrieben, am nächsten Tag alles gelesen und gedacht: „Okay, shit – das ist ein Spielfilm. Der ist eigentlich komplett da.“

Dadurch, dass ich fünf Jahre an einem anderen Buch gekämpft hatte, wusste ich sehr klar, wann etwas trägt. Also habe ich ganz vorsichtig die Leute kontaktiert, allen voran die Schauspieler, die ich z. T. seit Jahren nicht gesehen hatte, weil sie zum Beispiel fest am Theater sind. Und die Reaktion war überall: „Voll geil, lass uns das machen.“

Von außen wirkt der Film sehr „rund“. War es von Anfang an als fast schon No‑Budget‑Produktion angelegt?

Mir war klar, dass ich nicht innerhalb von acht Wochen plötzlich ein großes Budget auftreiben würde. Ich wusste: Ich kann das Buch in der Zeit fertigstellen und wir können in einem sehr begrenzten Zeitraum drehen – oder gar nicht.

Wir haben uns parallel zur Vorbereitung auf eine Förderung beworben, wussten aber, dass der Bescheid erst nach den Dreharbeiten kommen würde. Also habe ich mit lokalen Partnern gesprochen, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten und die unsere Filme kennen. Die haben gesagt: „Wir sind dabei.“ So konnten wir ein Grundbudget von rund 50.000 Euro stemmen – hauptsächlich für Catering, Unterkunft und Mindestlöhne.

Technik hatten wir bei uns im Haus, bei unserer Firma Lost Tape, und das Team war bewusst klein gehalten. Die Locations – viele kleine Zimmer, enge Räume – hätten eine große Crew gar nicht verkraftet. Außerdem bin ich jemand, der gern selbst die Kamera führt. Ich sitze ungern weit weg hinter einem Monitor; ich wollte wie beim ersten Film wieder nah an den Figuren sein, viel Schulterkamera, dicht dran.

Wir haben am Ende 21 Drehtage aufgestellt und den Dreh in zwei Blöcke von jeweils knapp zehn Tagen in den Sommerferien gelegt, weil die Schauspieler da spielfrei vom Theater hatten. Es waren sehr lange, sehr intensive Tage. Aber wir mussten keine Szenen streichen, keine Shots weglassen. Die Motivation war unglaublich hoch – oft hieß es am Ende des Tages: „Komm, lass uns den Gag noch einmal ein bisschen weiter rauskitzeln, lass uns das noch mal ausprobieren.“

Deine Figuren sind jetzt Anfang 30 – also ziemlich nah an deinem eigenen Alter. Ist der Film für dich eine Art Generationenporträt? Hast du dich auf die drei Hauptfiguren verteilt?

Ein Stück weit auf jeden Fall. Der große Vorteil war, dass ich die Figuren und auch die Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem ersten Film sehr gut kannte. Jede Figur ist anders gepolt, hat einen anderen Background, unterschiedliche Interessen – und trotzdem sind sie Freunde.

Dadurch konnte ich sehr vieles, was ich aus meinem Umfeld kenne oder selbst erlebt habe, auf diese Figuren verteilen. Kurz vor dem Schreiben hatte ich mein zehnjähriges Klassentreffen – eine sehr merkwürdige Erfahrung. Man selbst bleibt als Filmemacher oft auf seinem Weg, während andere völlig andere Lebensziele verfolgen.

Solche Wiedersehen können schön sein, aber sie können auch schmerzhaft sein, weil man merkt, wie weit man sich auseinandergelebt hat. Das waren für mich wichtige Angriffspunkte, um diese Drei mit 30 zu erzählen.

Der Film beginnt ja fast wie ein klassischer Partyfilm: Die drei wollen noch einmal so feiern wie vor zehn Jahren. Aber direkt nach der Partynacht kippt der Ton, wird ernster, nachdenklicher. War das schon im Schreiben angelegt?

Absolut. Für mich fühlt sich 30 and Wild eher an wie ein Coming‑of‑Age‑Film – nur eben mit Leuten, die schon 30 sind. Die Suche nach dem Platz im Leben, die Frage, was „Erwachsensein“ eigentlich bedeutet, hört ja nicht einfach auf, nur weil man eine bestimmte Altersmarke überschreitet.

Ich wollte sehr bewusst, dass der Film nicht bei der reinen Partykomödie stehenbleibt. Humor und Tragik liegen für mich nah beieinander, und erst diese Mischung macht die Figuren wirklich fühlbar und authentisch.

Spannend wurde es für mich, als ich mir die Frage gestellt habe: Was passiert, wenn einer von den dreien diese Party eigentlich gar nicht feiern will – oder nicht so mitfeiern kann wie früher? Wenn jemand gerade an einem Punkt im Leben steht, an dem Alkohol, Exzess, dieses „Wir machen alles wie früher“ eigentlich gar nicht mehr funktionieren?

Die Party ist also eher der Auslöser, nicht das Ziel. Das war der Moment, in dem ich dachte: „Genau diesen Film möchte ich machen.“

Du hast Regie geführt, das Buch geschrieben, die Kamera gemacht, geschnitten und die Kostüme und einen Teil der Musik beigesteuert. Wird das nicht irgendwann zu viel – oder wolltest du das gar nicht abgeben?

Es war weniger „Kontrollzwang“ als eine Mischung aus Notwendigkeit und Neugier. Hätten wir ein deutlich größeres Budget gehabt, hätte ich sicher mehr Positionen abgeben können. Bei den großen Szenen hatte ich zum Glück Unterstützung von Kameraleuten und einem Steadicam‑Operator, sonst wäre das gar nicht zu stemmen gewesen.

Musik ist für mich ein großes Hobby, da wusste ich ziemlich genau, welchen Sound ich möchte. Gleichzeitig war klar: Für ein unklares Budget können wir niemanden anfragen und dann Kompromisse machen. Also habe ich verschiedene Musikerinnen und Musiker zusammengebracht und Teile selbst komponiert – das war fast schon Erholung im Vergleich zur restlichen Arbeit.

Den Schnitt habe ich bei meinen Projekten bisher immer selbst gemacht. Langfristig würde ich die erste Rohfassung aber tatsächlich gern mit einem Cutter gemeinsam erarbeiten – zum einen spart man Zeit, zum anderen ist eine zusätzliche Perspektive Gold wert. Schon jetzt war es so, dass zum Beispiel Karsten Jaskiewicz, der den Freddy spielt und als Co-Produzent fungierte, und Patrick vom Verleih in der Schlussphase noch einmal mit in den Schnittraum kamen, und wir gemeinsam an der endgültigen Fassung gefeilt haben.

Kostüm und Ausstattung habe ich zu großen Teilen ebenfalls selbst übernommen – schlicht, weil kein Geld da war. Einige Darsteller tragen meine Jacken, weil wir zufällig dieselbe Größe haben. Andere Outfits habe ich zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern entwickelt. Ein Beispiel ist Frederiks rote Weste: Karsten fand sie furchtbar, ich wusste aber, dass sie ein zentrales Element für seine Figur ist. Wir haben sie irgendwann nur noch „Rettungsweste“ genannt – ab da war er überzeugt.

Natürlich ist das alles heavy: 21 Drehtage mit voller Drehbelastung, danach anderthalb Jahre Postproduktion, in denen man viel allein im Schnittraum sitzt. Aber im Rückblick bin ich sehr froh darüber. Ich konnte extrem viel ausprobieren, wir haben im Schnitt noch einmal andere Wege gefunden, bestimmte Szenen zu erzählen, und ich habe wahnsinnig viel gelernt.

Und ja: Am Ende ist es dadurch natürlich ein sehr echter Autorenfilm geworden.

Wie viel hat es beim Dreh ausgemacht, dass du mit einem Cast und einer Crew gearbeitet hast, mit denen du befreundet bist? Hätte der Ton am Set sonst anders ausgesehen?

Das war entscheidend. 30 and Wild war für mich ein absolutes Herzensprojekt. Ich hatte das Gefühl: Ich muss diese Geschichte erzählen – und ich möchte sie unbedingt mit genau diesen Leuten erzählen.

Viele unserer Darstellerinnen und Darsteller waren beim ersten Film noch Laien oder kamen direkt aus der Schule, sind danach aber professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler geworden, haben Schauspielschulen durchlaufen und Erfahrungen in der Branche gesammelt – im Guten wie im Schlechten.

Ich war in den letzten Jahren an einigen Sets, an denen ich mich gefragt habe: „Warum macht das hier eigentlich so wenig Spaß?“ Auch die Filmschule war für mich nicht immer leicht. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich selbst und das ganze Team noch einmal daran zu erinnern, warum wir das überhaupt machen.

Ab Minute eins war klar: Das hier ist ein Klassentreffen. Vor der Kamera haben wir uns alle seit Jahren gekannt und aufeinander gefreut. Hinter der Kamera war es ein gutes Dutzend Leute – viele junge, sehr talentierte Menschen, die ihre ersten größeren Schritte gemacht und gleichzeitig wirklich abgeliefert haben.

Wir haben sehr stark auf Augenhöhe gearbeitet: „Wir sind ein Team, jeder von uns ist wichtig.“ Es hat sich eher angefühlt wie ein Sportverein oder eine eingeschworene Truppe als wie ein klassisches Filmset. Ich glaube – und die ersten Reaktionen bestätigen das – dass sich dieser Spirit auch auf die Leinwand überträgt.

Welche Rolle spielt die Stadt Unna für den Film? Könnte 30 and Wild auch in einer anderen Stadt spielen?

Formal hätte man die Geschichte sicher auch in einer anderen Stadt erzählen können. Aber wir haben Unna schon sehr bewusst als Schauplatz gewählt. Wir nennen die Stadt, glaube ich, im ganzen Film kein einziges Mal beim Namen, aber wer Unna kennt, erkennt die Orte natürlich wieder.

Unna ist – aus irgendeinem Grund – längst so etwas wie eine kleine Filmstadt. Viele Filme haben hier schon gespielt, viele Leute aus der Branche kommen von hier, die Kulturszene ist stark und sehr jung, mit freien Theatern, Kulturzentrum und vielem mehr. Alles liegt nah beieinander, ist gut vernetzt und unterstützt sich gegenseitig. Diese Haltung „Wir machen was“ ist unglaublich präsent.

Für eine Produktion wie unsere ist das unbezahlbar. In anderen Städten – etwa Köln – würden wir an vielen Orten nicht einmal ein Stativ auf den Bürgersteig stellen können, ohne dass jemand die Hand aufhält. In Unna war es eher so: Wir haben zwei Tage vor Drehbeginn gemerkt, dass eine geplante Location wegbricht und haben dann einen Aufruf beim lokalen Radiosender Antenne Unna gestartet. Da haben sich dann sofort Leute gemeldet und gesagt: „Kommt am Sonntag vorbei, wir machen euch alles frei.“

Bei der Premiere war die Familie, in deren Räumen wir gedreht haben, dann dabei. Das war schon sehr besonders.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Du hast das Projekt erwähnt, für das du bereits einen Drehbuchpreis bekommen hast. Wann können wir damit rechnen?

Das Drehbuch ist seit letztem Sommer fertig und liegt gerade noch einmal bei ein paar Dramaturgen, die mit frischem Blick draufschauen.  Es ist ein Genrefilm, und wir haben damit bereits sehr gutes Feedback bekommen – auch international, etwa auf dem European Film Market. Gleichzeitig möchte ich weiterhin diese Indie‑Herkunft nicht komplett verlieren. Wir versuchen gerade, ein Paket zu schnüren: mit der Förderung im Rücken, spannenden Produktionspartnern und einigen prominenteren Darstellerinnen und Darstellern, die bereits signalisiert haben, dass sie gern dabei wären.

Wir werden wohl auch im Kreis Unna und in der Region drehen, den Independent‑Spirit behalten, aber trotzdem ein Budget haben, das dem, was der Film werden soll, gerecht wird. Es wird immer noch wenig sein verglichen mit vielen anderen Produktionen, aber genug, um sehr gut damit arbeiten zu können – und um wieder ein bisschen zu experimentieren.

Du bist auch künstlerischer Leiter des Newcomer Film Festivals bist. Magst du zum Abschluss noch kurz etwas dazu erzählen?

Sehr gern. Das heutige Newcomer Film Festival geht auf den Christian‑Tasche‑Filmpreis zurück, der ganz am Anfang noch FATPIGtures hieß. Das war damals auch meine erste Bühne: Ich habe dort Kurzfilme eingereicht, zusammen mit einigen Leuten, die heute in 30 and Wild vor oder hinter der Kamera stehen.

Dieses Feedback, dieses Gefühl von: „Da sitzen nicht nur Familie und Freunde, sondern auch Leute, die Ahnung haben, die meine Sachen sehen“ – das war für mich extrem wichtig. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem man mir sagte: „Du hast jetzt oft genug gewonnen, mach doch etwas anderes.“ Daraus ist die Rolle als künstlerischer Leiter entstanden.

Nach einer Corona‑Pause haben wir das Festival neu aufgesetzt und an heutige Sehgewohnheiten angepasst – mit Kategorien für Shorts und vertikale Formate, um den allerersten Schritten Raum zu geben, lange bevor jemand an Filmhochschule oder Ausbildung denkt.

Wichtig ist uns, dass es nicht nur eine einmalige Finanzspritze für Kamera oder Equipment gibt, sondern auch Vernetzung und Mentoring: Ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Branchenleute oder wir selbst begleiten die jungen Talente weiter. Ein schönes Beispiel ist ein 13‑Jähriger, der jetzt einmal die Woche zu uns ins Studio kommt, beim Schnitt über die Schulter schaut und mitarbeitet – ein unglaubliches Talent. Genau dafür ist das Festival da.

Vielen Dank für das Gespräch – und viel Erfolg mit 30 and Wild.



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