Der Tod wird kommen
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Der Tod wird kommen

Der Tod wird kommen

Inhalt / Kritik

Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) ist der König von Brüssels Unterwelt. Noch. Der Gangsterboss, der sein Geld mit dem Rotlichtviertel verdient, ist alt geworden. Und vor allem: sterbenskrank. Sein Rivale Patric de Boer (Marc Limpach) scheint das ausnutzen zu wollen, auch wenn Charles dafür vorerst keine Beweise hat. Doch die Zeichen der bröckelnden Macht sind unübersehbar. Erst stoppt die Polizei Charles‘ Kurier Yann (Pitcho Womba Konga), offenbar aufgrund eines anonymen Tipps, und nimmt ihm das in einem Gemälde versteckte Geld ab. Und dann wird Yann, kaum gegen Lösegeld auf freiem Fuß, auch noch ermordet. Charles engagiert die Auftragskillerin Tez (Sophie Verbeeck), um seinen Mitarbeiter zu rächen. Zunächst muss die junge Frau erst einmal herausfinden, wer der Täter gewesen sein könnte. Sie verwickelt sich dabei in ein Gewirr aus Machtkämpfen und Intrigen in Christoph Hochhäuslers elegant-düsteren Genrefilm.

Wo jeder jedem misstraut

Brüssel, ein nassgrauer Tag. Tez steigt ins Auto, und wir sehen sie aus der Perspektive des Wagens, der sie verfolgt. Später dreht sie den Spieß um und spioniert den Verfolger aus. Aber da ist noch ein anderer Mann, der sich an ihre Fersen heftet. Beobachten ist Macht in diesem Spiel des Abtastens, in dem jeder jedem misstraut. Und dann gibt es noch eine Figur, die gar nichts sieht, aber vieles zu wissen oder zumindest zu erahnen scheint. Es ist die Bordellbesitzerin Mela (Delphine Bibet), mit der Charles einmal zusammen war, bevor sie durch eine Krankheit erblindete. Wir Zuschauer wissen übrigens weit weniger als Mela, selbst wenn wir die Augen weit offen halten, um die entscheidenden Details der schnörkellos erzählten, gleichwohl verwickelten Geschichte nicht zu verpassen. Der Film folgt in Sachen Suspense keineswegs Alfred Hitchcock, der seinem Publikum einen Wissensvorsprung gönnt. Sondern dem Franzosen Jean-Pierre Melville (Der eiskalte Engel 1967), dem Urvater des stilistisch ausgefeilten, betont unterkühlten Gangsterfilms.

Schon die Bildsprache Christoph Hochhäuslers und seines Kameramanns Reinhold Vorschneider schmiegen sich dem französischen Vorbild an: kunstvoll komponierte Einstellungen, blaugraue Ansichten von Brüssels Schmuddelecken, Glaspalästen und Nicht-Orten, dunkel ausgeleuchtete Barhöhlen – alles zugleich glatt und auf Hochglanz poliert.

Das Thema der (Un)Sichtbarkeit, das die siebte Arbeit des zur „Berliner Schule“ gerechneten Christoph Hochhäusler beherrscht, bezieht sich auch auf das Kino als solches. Ein erster Impuls sei gewesen, einen Film in Brüssel zu drehen, erzählt der Regisseur in Interviews. Also in dieser „Hauptstadt“ Europas, von der man so viel liest, die man aber im Kino selten zu sehen bekommt. Aber weil er Brüssel kaum kenne, habe er sich nicht zugetraut, den Alltag der belgischen Metropole einzufangen, sondern quasi das Kino selbst, in Gestalt seiner vertrauten Muster und Verweise, in denen sich der Filmemacher zu Hause fühlt. So sollte sein erster französischsprachiger Film auch sein erster reiner Genrefilm werden, ohne Kompromisse oder doppelten Boden, ohne Ironie oder einen Mix unterschiedlicher Zutaten (wie etwa beim Vorgänger Bis ans Ende der Nacht, 2023). Bis zu einem gewissen Grad ist dem Film das gelungen. Der Tod wird kommen enthält alles, was Freunde des Gangstergenres erwarten: undurchsichtige Charaktere, einen gut gebauten Spannungsbogen mit etlichen Wendungen und knallharter Gewalt.

Biografischer Hintergrund

Aber der aus München stammende, seit langem in Berlin lebende Regisseur wäre nicht er selbst, würde er die reine Kriminalhandlung nicht mit anderen, existenzielleren Ebenen und Reflexionen unterlegen. Eine davon ist titelgebend. Wie gehen wir damit um, wenn wir mit unserer Endlichkeit konfrontiert sind? Lassen wir los? Oder versuchen wir verzweifelt, auch über das Unkontrollierbare noch Kontrolle zu behalten, wie der Machtmensch Charles Mahr? Christoph Hochhäusler hat am Rande des Filmfestivals Locarno, wo der Film 2024 Premiere hatte, erzählt, dass es hier auch einen biografischen Hintergrund gibt. Über längere Zeit war der Regisseur mit dem Verdacht einer lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert, der sich glücklicherweise dann nicht bestätigt hat.

Die zweite Reflexionsebene unterläuft das testosteron-geschwängerte Gangster-Genre noch nachhaltiger. Während sich die Männer in Gewaltspiralen verirren, halten im Hintergrund die Frauen die Fäden in der Hand – solidarisch und in wechselseitiger Fürsorge. Das gilt nicht nur für die furchtlos-abgeklärte Auftragskillerin Tez, sondern auch für Charles frühere Partnerinnen. Neben der erwähnten Mela blickt auch Louise (Laura Sépul) tief in die Seele des sich selbst abhanden gekommenen Gangsterbosses. Mit ihr war Charles sechs Jahre liiert, heute betet sie für ihn. Zu Louise geht der Todkranke als einziger, um sich zu verabschieden. Vielleicht deshalb, weil sie etwas weiß, was in seinem Leben viel zu kurz gekommen ist: „Es geht nicht nur ums Fressen und Gefressenwerden.“

Credits

OT: „La Mort Viendra“
Land: Deutschland, Belgien, Luxemburg
Jahr: 2024
Regie: Christoph Hochhäusler
Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer
Musik: Nigji Sanges
Kamera: Reinhold Vorschneider
Besetzung: Sophie Verbeeck, Louis-Do de Lencquesaing, Marc Limpach, Mourade Zeguendi, Nassim Rachi, Hilde van Mieghem, Delphine Bibet, Laura Sépul

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Der Tod wird kommen
fazit
„Der Tod wird kommen“ erzählt in klassischer Genre-Manier von einem sterbenskranken Gangsterboss und der Auftragskillerin, die er aus Rachegründen anheuert. In elegant-düsteren Bildern schaffen Regisseur Christoph Hochhäusler und sein Kameramann Reinhold Vorschneider eine spannungsgetränkte Atmosphäre, die auch Luft lässt für existenziellere Fragen als „Wer war der Täter?“.
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