Yurugu – Invisible Lines
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Yurugu – Invisible Lines

„Yurugu – Invisible Lines“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Das Ende der Kongo-Konferenz im Jahre 1885, als Otto von Bismarck nach Berlin einlud, um die Handelsfreiheit am Kongo und am Niger zu regeln, besiegelte den Startschuss für den sogenannten Wettlauf um Afrika, in dessen Zuge der afrikanische Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten gewaltvoll aufgeteilt wurde. Dies ist für Petna Ndaliko Katondolo, für die kollektive Erfahrung in der Region der heutigen Demokratischen Republik Kongo, auch der Beginn der Wunden, die bis heute nicht geschlossen wurden. Um mit dem kolonialen Blick, mit den kolonialen Geschichten zumindest etwas zu brechen, erschafft der kongolesische Filmemacher zusammen mit seinem belgischen Kollegen Laurent Van Lancker den Essayfilm Yurugu – Invisible Lines, der verschiedene persönliche Erfahrungen bündeln und dazu eine vielschichtige, multitexturierte Ästhetik präsentieren möchte.

Wunden auf der Haut

Zusammen mit den ähnlich experimentellen Kurzfilmen Nursery Rhymes. (Holy) Water und The Recce, die alle (post-)kolonialen Bezug besitzen, fährt Yurugu – Invisible Lines im Rahmen des Programmes 7 des Berlinale Forum Expanded als schonungslose Tour de Force auf. Ein Metzger präpariert enthauptete Rinder, deutet auf deren leblose Augen, jeder Schritt wird von der Kamera eingefangen. Selbstironisch verweist er auf seine eigenen Narben am Arm, die er sich in jungen Jahren selbst zufügte: „I have cut myself like a white girl.“ Um diese destruktive Energie zu bündeln, setzt er Schnitte nun lieber an geschlachteten Tieren, deren Fleisch für die Gemeinde weiterverarbeitet wird. Allein solch rabiat anmutenden Szenen bilden die ersten Herausforderungen für das Publikum – doch die Drastik ist bewusst gewählt, um eine Brücke zum Ausbluten, zum Abschlachten, zum Ausbeuten der verschiedenen Völker in Afrika zu schlagen.

So zerstückelt wie das Fleisch wird, so zerstückelt sind kulturelle Identitäten weiterhin in den von Petna Ndaliko Katondolo und Laurent Van Lancker abgebildeten Beispielen. Die Bildsprache macht keinerlei Hehl daraus, dass es um die Kolonialisierung geht, wenn auf steinigen, düsteren Hintergründen die am europäischen Reißbrett entworfene Aufteilung Afrikas in Form einer Karte projiziert wird, wenn die Bestandteile des Bildes in übersättigte, an eine Wärmekamera erinnernde Farben zersetzt werden. Dies ist leider eine stilistisch nicht gänzlich ansprechende Wahl; bei dieser Art von Filter denkt man eher an Windows Movie Maker, während die Projektionen im Double Exposure Stil eine viel eindrucksvollere Augenweide sind. Während dieser fühlt man sich wahrlich wie unter einem Schleier, in einem Stream of Consciousness, der immer wieder von sehr reduzierten Intervieweinblendungen unterbrochen wird.

Wunden in der Seele

Diese Interviews – geführt mit bereits erwähntem Metzger, mit einem Mann, der ständig von einem Gorilla träumt, mit einer Frau, die von ihrer verworrenen Flucht innerhalb Ruandas spricht, mit einem Mann, der eine Kuh an ein Gewehr gewöhnen muss, um sie so leidfrei wie möglich zu erschießen und ihr Fleisch ans Dorf zu verteilen – stehen weniger für individuelle Geschehnisse als dafür, die rituelle Zusammenführung diverser Sichtweisen zu zelebrieren. Laut eigener Aussage seitens Petna Ndaliko Katondolo geht es nicht um Kohärenz oder um archivarische Vollständigkeit: Die dargestellten Menschen erinnern sich, um die Erinnerung an sich aufrecht zu erhalten. Im Sinne des Ejo-Lobi-Kinos gehen Vergangenheit und Zukunft ineinander über, was auch der Titel des Films aussagt. „Yurugu“ ist für das Dogon-Volk in Mali die Gottheit des Chaos und der Unvollständigkeit, die „Invisible Lines“ bahnen sich ihren Weg durch Seele und Landkarte, trennen eigentlich miteinander verwobene Völker.

Mitreißend und lehrreich als Konzept, zu unruhig und durcheinander in der Ausführung, auch wenn das die Idee des Filmes selbst ist. Die Allegorien im Umgang der menschlichen Spezies mit den Nicht-Menschen zeigen sich deutlich, die „poethischen“ (ein Schachtelwort von Laurent Van Lancker, Poetik und Ethik verbindend) Kreise, die innerhalb des gehaltvollen Inhaltes gezogen werden, sind verständlich und einfühlsam, gleichzeitig bedrückend bis schockierend. Narration und Ästhetik werden neu gedacht, experimentell umgesetzt, wirken manchmal orientierungslos. So hat man am Ende das Gefühl, unfassbar viel serviert bekommen zu haben, etwas zu viel für die kurze Laufzeit des mittellangen Filmes, und doch zeigen sich spürbare Längen, wonach Ermüdung eintritt.

Credits

OT: „Yurugu – Invisible Lines“
Land: Demokratische Republik Kongo, Belgien, USA, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Petna Ndaliko Katondolo, Laurent Van Lancker
Drehbuch: Petna Ndaliko Katondolo, Laurent Van Lancker
Musik: Petna Ndaliko Katondolo, Laurent Van Lancker, Yashaswini Raghunandan
Kamera: Petna Ndaliko Katondolo, Laurent Van Lancker

Bilder

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Yurugu – Invisible Lines
fazit
„Yurugu – Invisible Lines“ ist mehr als aktivistisches Kino zu verstehen, denn als angenehme Seherfahrung, und in dieser Nische findet das 43-minütige Werk auf jeden Fall seinen Platz. Der audiovisuelle Essay bricht mit kolonialen Perspektiven und Gewohnheiten, will aber nicht so recht in den Rhythmus kommen, den er für sich selbst beansprucht. Zwischen Kunst, Archivarbeit und (Alb-)Traum ist „Yurugu“ sehenswert, um eben jene Geschichten dieses Teils von Afrika und den tiefen Schmerz, den die europäische Fremdherrschaft hinterlassen hat, nachzuempfinden, lässt schließlich stilistische Stringenz vermissen.
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