
So richtig viel los ist in Sokcho, einem kleinen Küstenstädtchen in Südkorea, ja nicht. Vor allem im Winter ist der Ort wie ausgestorben, der Tourismus schläft. Als der französische Illustrator Yan Kerrand (Roschdy Zem) eines Tages auftaucht, ist die Verwunderung daher groß. Aber auch die Freude darüber, schließlich kann die kleine Pension dann wenigstens ein Zimmer vermieten. Die dort arbeitende Soo-Ha (Bella Kim) nimmt sich des Fremden an, zeigt ihm die Gegend und führt lange Gespräche mit ihm. Denn sie spricht Französisch und hat nun endlich einmal die Gelegenheit, ihre Kenntnisse auszuprobieren. Doch das bedeutet für sie auch, sich mit ihrem Leben und ihrer Herkunft auseinanderzusetzen, was bis heute schwierig ist …
Vielstimmig und vielschichtig
In Zeiten nationaler Alleingänge und eines von Egoismus geprägten Isolationismus ist es immer wieder schön, einen weltoffenen, internationalen Film wie Winter in Sokcho zu sehen. So handelt es sich hierbei um das Spielfilmdebüt des Regisseurs Koya Kamura, der in Paris geboren wurde und dabei japanischer Herkunft ist. Die Geschichte spielt in Südkorea, weshalb die Besetzung – bis auf den französischen Protagonisten – auch südkoreanisch ist. Die Sprache wechselt zwischen diesen beiden Ländern kontinuierlich hin und her. Die Vorlage wiederum stammt aus der Schweiz, genauer von der Autorin Elisa Shua Dusapin, die selbst frank-koreanischer Abstammung ist und deren gleichnamiger Roman 2016 erschienen ist. Das sind schon ziemlich viele Nationalitäten und kulturelle Einflüsse, die zusammenkommen.
Bei Winter in Sokcho ist das aber nicht bloße interessante Hintergrundinfo. Vielmehr ist diese Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit fester Bestandteil des Dramas. Wer den Roman nicht kennt, könnte dabei anfangs auf falsche Gedanken kommen. So geht es hier nicht darum, einen Menschen zu zeigen, der in einer fremden Kultur ganz eigenartige Erfahrungen macht. Hier gibt es keine Culture-Clash-Komik. Der Film ist auch kein zweites Lost In Translation – Zwischen den Welten, welches die Fremdheit des Schauplatzes nutzt, um die Verlorenheit des Protagonisten zu verdeutlichen. Und doch ist der Vergleich nicht verkehrt, da es auch hier verlorene Menschen gibt. Nur sind es eben mehrere, und jeder von ihnen hat eine ganz eigene Geschichte, von dem er angetrieben wird.
Auf der Suche nach Antworten
Erst nach und nach enthüllt Kamura diese. So leidet Soo-Ha darunter, nie einen Vater gehabt zu haben. Der Fremde ruft diese Sehnsucht in ihr wieder wach, die Begegnung mit dem Franzosen bedeutet für sie wieder die Suche nach etwas, das immer und gleichzeitig nie da war. Die Protagonistin steht so immer zwischen zwei Welten, aber auch zwei Zeiten. Winter in Sokcho stellt dabei, zumindest implizit, Fragen nach der Identität und woraus sich diese zusammensetzt. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, etwa der Wettstreit zwischen Tradition und Moderne. Während Soo-Has Mutter (Mi-Hyeon Park) eine Fischverkäuferin ist und darauf drängt, dass die Tochter endlich gemäß dem alten Geschlechterbild heiratet, will deren Freund Joon-oh (Doyu Gong) eine Modelkarriere und dafür auch eine Schönheitsoperation machen lassen. Dieser Widerspruch spiegelt sich auch in Soo-Ha selbst, die ihre Wurzeln sucht und gleichzeitig ausbrechen, alles hinter sich lassen möchte.
Eindeutige Antworten gibt der Film, der 2024 beim Toronto International Film Festival Weltpremiere hatte, dabei nicht, weder auf ihre Fragen noch auf die des Publikums. Für manche könnte das Ergebnis daher auch etwas unbefriedigend sein, Winter in Sokcho hat keine Wohlfühlambitionen. Man ist auch weit von den Manipulationen entfernt, die man bei solchen Werken zuweilen findet. Bewegend ist das ruhig erzählte, von gelegentlichen Animationen abgesehen naturalistische Drama dennoch. Man fühlt gerade mit der Protagonistin, die sich danach sehnt, endlich einen Platz für sich zu finden. Aber auch der etwas enigmatische Franzose, der mit seinen Tuschezeichnungen ebenfalls aus einer anderen Zeit kommt, hat seine rührenden Momente. Für ein Publikum, das leise personenbezogene Geschichten mag, sollte auf jeden Fall mal diese Reise antreten. Selbst wenn am Ende Fragen offen bleiben, ist man doch um eine Reihe von Eindrücken reicher.
OT: „Hiver à Sokcho“
Land: Frankreich
Jahr: 2024
Regie: Koya Kamura
Drehbuch: Koya Kamura, Stéphane Ly-Cuong
Vorlage: Elisa Shua Dusapin
Musik: Delphine Malausséna
Kamera: Élodie Tahtane
Besetzung: Bella Kim, Roschdy Zem, Mi-Hyeon Park, Tae-Ho Ryu, Doyu Gong, Kyung-Soon Jung
Toronto International Film Festival 2024
San Sebastian 2024
Filmfest München 2025
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