
In der globalisierten, digitalisierten Gesellschaft ist Identität zentral geworden. Dabei reden wir schon lange nicht mehr von nur einer Definition. Kulturelle, sexuelle, psychologische und künstlerische Identität sind nur vier Facetten einer immer komplexer werdenden Größe. Wir sind nunmehr tatsächlich bei Stuart Halls Definition von Identität angekommen, der diese als prozesshaft und diskursiv begreift. Identität gibt einer Person Sicherheit und Zuversicht, die das Ziel sein sollten, aber schwierig zu erreichen sind, wenn man die Definition konsequent weiterdenkt. Betrachtet man sexuelle Identität allein durch die biologische Lupe, schließt man gesellschaftliche Entwicklungen komplett aus. Auch wenn es bestimmte politische Lager geflissentlich ignorieren oder dementieren, kann man sexuelle Identität durchaus sozial interpretieren. Die Möglichkeiten, die sich bei dieser Herangehensweise ergeben, sind beträchtlich, machen die soeben erklärte Herausforderung für das Individuum jedoch nicht leichter – im Gegenteil.
Verlässt man Heimat und Familie, wird einem vielleicht zum ersten Mal bewusst, wie schwierig der Prozess der Identitätssuche eigentlich ist. Für die chinesische Regisseurin Vivian Li war das Hadern mit der eigenen Identität lange Zeit das Fundament einer persönlichen Krise und führte zu einer Suche, die sie zurück in ihre Heimat China und in die USA führte. In ihrem Debütfilm Two Mountains Weighing Down My Chest, der auf der Berlinale 2026 seine Weltpremiere feiert, zeigt sie die einzelnen Stationen ihrer langen Suche, die sich über fünf Jahre erstreckte. Schon seit vielen Jahren, so Li, haderte sie mit ihrer Identität – ihrer sexuellen wie auch ihrer kulturellen und künstlerischen. Two Mountains Weighing Down My Chest ist daher ein Dokument des Suchens, eine Mischung aus Dokumentarfilm und Filmessay, der sinnbildlich anhand der Biografie Lis zeigt, welche Konflikte eine solche Suche mit sich bringt, aber auch welche Chancen sie eröffnet. Von Familienessen über einen Ausbruch aus ihrem Hotelzimmer bis hin zu Lis Erfahrungen mit der queeren Kultur Berlins erzählt die Regisseurin authentisch, teils berührend und teils sehr humorvoll von einer existenziellen Suche, die für viele Menschen selbst im hohen Alter noch nicht abgeschlossen ist.
Der gelbe Fluss – aus den Augen verloren
Während eines Besuchs bei ihrer Familie in Beijing besichtigt Li viele kulturelle und historische Sehenswürdigkeiten. Umgeben von wunderschöner Natur beginnt sie Xia Xinghais Ballade vom Gelben Fluss anzustimmen, in der der Sprecher beschreibt, er habe jenen gelben Fluss aus den Augen verloren. Solche ruhigen Momente gibt es selten in Two Mountains Weighing Down My Chest, weil Li immer auf Achse zu sein scheint, was den etwas chaotischen, erratischen Schnitt erklärt. Dies ist jedoch mitnichten eine handwerkliche Schwäche des Films, sondern im Gegenteil Ausdruck der inneren Zerrissenheit Lis, deren Identitätssuche stets zwischen Extremen stattzufinden scheint. Da sind zum einen die sehr traditionalistischen Eltern, bei denen sie sich nach wie vor vorkommt wie ein Kind und weniger wie eine Erwachsene, und zum anderen die sehr progressiven Menschen der queeren Bewegung. Li findet in beiden Lagern Aspekte, die sie gut findet, während andere ihr nicht geheuer sind oder die sie aus Prinzip ablehnt. Am Ende dieser Begegnungen steht eine stille Erkenntnis, ein Augenblick der Klarheit, wenn man so will. Danach geht es im Eiltempo weiter. Der gelbe Fluss scheint aus den Augen verloren zu sein – oder vielleicht doch nicht.
Der Wechsel des Tempos und der Orte korrespondiert mit den Themen, die Li in den Mittelpunkt stellt. Entgegen der Meinung, Filme seien von Natur aus nicht politisch, greift Lis Film – ob bewusst oder unbewusst – die politischen wie gesellschaftlichen Grabenkriege rund um das Konzept Identität auf. Ein Gespräch mit dem Onkel beim Familienessen wird schnell zu einem solchen Grabenkrieg, als er sich im Ukraine-Konflikt auf die Seite Russlands stellt, während die Nichte die Seite der Ukraine einnimmt. Europa habe sie politisiert, heißt es auf einmal, und sie habe sich verändert. Der Unterton in der Stimme lässt vermuten, dass diese Veränderung nicht zum Guten sei. Am Ende ist der Zuschauer geneigt, Li zuzustimmen, die bemerkt, dass man sich eigentlich nie wie ein „Insider“ fühle, auch wenn man die Kultur und die Menschen schon sehr lange kenne. Man kann dies mit einem Lächeln quittieren, wie es die Regisseurin immer wieder macht, doch manchmal kann auch sie die Tränen nicht zurückhalten.
OT: „Two Mountains Weighing Down My Chest“
Land: Deutschland, Niederlande
Jahr: 2026
Regie: Viv Li
Drehbuch: Viv Li
Kamera: Viv Li, Janis Mazuch
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