
Synopsis: Der Sommer 2024 ist vorbei und damit auch der “Brat Summer”. Die britische Sängerin Charli XCX hat mit ihrem Elektro-Pop-Album Brat weltweit ein popkulturelles Massenphänomen ausgelöst und nun steht ihre Welttournee an. Charli probt vor dem ersten Konzert in London, wo das Stresslevel aller Beteiligten extrem stark ansteigt. Zusätzlich zu der Show soll ein Konzertfilm entstehen. Dabei kommen sich vor allem die Showmasterin Celeste Moreau Collins (Hailey Benton Gates) und der Filmregisseur Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) in die Haare. Außerdem gibt es parallel zu den nervenaufreibenden Proben etliche Interviews, Werbekampagnen und Social-Media-Content zu erledigen. Zwischenzeitlich flieht der Popstar in ein luxuriöses Retreat nach Ibiza, doch die erhoffte Ruhe findet sie dort nicht. Im Gegenteil eskalieren diverse Konflikte rund um die Show trotz oder gerade wegen ihrer Abwesenheit.
Fiktionale Dokumentation
Das alles ist im quasi-dokumentarischen Stil gefilmt, aber die Handlung ist größtenteils fiktional. Charli XCX hat tatsächlich im Vorfeld ihrer Tournee das Angebot bekommen, einen Dokumentarfilm begleitend zu drehen, was sie damals aber ablehnte. Das Genre ist bei Fans beliebt, wie man zuletzt an der Dokuserie The End of an Era über den anderen weiblichen Megastar Taylor Swift sehen konnte. Charli XCX entschied sich stattdessen für das Genre einer Mockumentary, also ein Spielfilm, der sich als Dokumentarfilm ausgibt. Zuletzt hat auch der Indie-Regisseur Alex Ross Perry mit Pavements einen ähnlich doku-fiktionalen Konzertfilm gewagt. Im Vergleich dazu ist The Moment viel aufregender.
Exzess und Chaos
Das beginnt schon bei der Ästhetik. Der Kameramann Sean Price Williams, der unter anderem auch mit Alex Ross Perry und den Safdie Brüdern zusammengearbeitet hat, folgt dem stressigen Alltag mit einer hektischen Handkamera. Er adaptiert kongenial den trashigen Look vom Album Brat für die Kinoleinwand: schnelle Zoom-ins und Zoom-outs, schlechte Beleuchtung, unvorteilhafte Perspektiven. Auch das grelle Limettengrün des Covers schimmert immer wieder über den Filmbildern – dazu die stroboskopartigen Zwischentitel. Die filmischen Mittel erinnern an die Filme von dem Regisseur Gaspar Noé, in denen Drogen-, Gewalt- und Sexexzesse bis zum äußersten Limit ausgereizt werden. So wild wird The Moment nicht, aber der Film versetzt einen in einen ähnlich rauschhaften und gleichzeitig nervösen Zustand.
Genauso fühlt sich die semi-fiktive Version von Charli XCX in Vorbereitung auf die Tournee. Das Management drückt ihr den Regisseur Johannes Godwin auf, den Alexander Skarsgård sehr unangenehm mit ganz viel Mansplaining spielt. Ständig unterbricht er, wenn Charli und die Showmasterin die Lichteffekte für die Bühne besprechen. Außerdem tummeln sich zahlreiche Assistent*innen um die Sängerin, die sie entweder nur beweihräuchern oder sich selbst für besonders wichtig halten. Oft überlagern sich die Dialoge, was das Gefühl von Chaos noch verstärkt. Alle sind an dem maximalen Ausschlachten des Brat-Phänomens interessiert. Die Kreativität bleibt dabei auf der Strecke. Einmal wird Charli angeboten für eine grüne Kreditkarte zu werben, um neue queere Kund*innen zu erreichen. Ihr Social-Media-Post dazu geht nach hinten los. Tatsächlich hat der Verleih A24 zum Kinostart eine solche Kreditkarte als Teil der Werbekampagne veröffentlicht. Mehr Meta geht nicht.
Reality Killed the Radio Star
Der Film unter der Regie von Aidan Zamiri zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Druck auf Popstars im 21. Jahrhundert gewachsen ist. Dass Starkult gefährlich und zerstörerisch für den Menschen hinter dem Image sein kann, kennt man aus den zahlreichen Biopics der letzten Jahre. The Moment ist aber deswegen so besonders, weil im Social-Media-Zeitalter jede kreative und strategische Entscheidung in Echtzeit kommentiert, geliked oder gehatet wird. Der Post über die grüne Kreditkarte, welchen Charli in einem Panikanfall unüberlegt online stellt, enttäuscht viele Fans. Sofort rücken die Anwälte an. Die ganze Entourage um die Sängerin wird noch hysterischer als ohnehin schon. Charli wirkt in solchen Momenten planlos und gestresst und gibt sogar dem Drängen des Regisseurs nach, ihre Show so zu ändern, wie Brat nie war.
The Moment zeigt damit genau das Gegenteil von Charli XCX, die sich sonst öffentlich eher cool und selbstbewusst präsentiert und ihre eigenen unkonventionellen Ideen ohne zu Zögern durchsetzt. Diese Diskrepanz zwischen der Film-Charli und der “echten” Charli wäre ein spannender Ansatz gewesen, um das Genre des Konzertfilms lustvoll auseinander zu nehmen und um das Verlangen der Fans nach einem “authentischen” Porträt zu unterlaufen. Leider ist Aidan Zamiri zu wenig an dem Auseinanderdriften von Sein und Schein interessiert, weswegen der Film auf ein unbefriedigendes Ende hinausläuft.
Das Ende des Moments
Zudem könnte der Film die Fans enttäuschen, da kaum Musik- und Tanznummern vorkommen. Charlis Songs werden meist nur im Hintergrund kurz angespielt. Einmal singt sie eine längere Passage von I might say something stupid und die Szene ist vermutlich der emotionale Kern des Films. Darin schwebt sie in einem Gurt über die Bühne. Sie fühlt sich sichtlich unwohl in dem Outfit und in der ganzen glitzernden Inszenierung. Trotzdem zieht sie den Song vor dem Regisseur und ihrem Team durch. Im Grunde geht es in The Moment darum, wie eine Künstlerin im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit ihr kreatives Gespür verliert und nicht mehr weiter weiß. Am Ende kann sie nur aufatmen, dass der “Brat Summer” mit diesem Film nun vorbei ist.
OT: „The Moment“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Aidan Zamiri
Drehbuch: Aidan Zamiri, Bertie Brandes
Musik: Alexander Guy Cook
Kamera: Sean Price Williams
Besetzung: Charli XCX, Rosanna Arquette, Kate Berlant, Jamie Demetriou, Hailey Benton Gates, Alexander Skarsgård
Sundance 2026
Berlinale 2026
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