
Im 17. Jahrhundert, während der großflächigen Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges, trifft ein vernarbter, humpelnder Soldat in einem protestantischen Dorf ein. Dieser gibt an, ein verfallenes Gut mit viel Land geerbt zu haben, und will dieses Erbe nun antreten, um sich endlich, nach zehn Jahren Dienst an der Waffe, niederzulassen. Ohne dies groß zu hinterfragen, erlaubt der örtliche Großgrundbesitzer (Godehard Giese), dem kleinen, blonden Soldaten, Haus und Hof zu beziehen – doch mit Besitz kommt auch Verantwortung. Verantwortung, die nach einiger Zeit über dem Kopf des Soldaten einbrechen könnte; schließlich ist der Soldat nicht der, der er vorgibt zu sein, sondern eine Frau namens Rose (Sandra Hüller).
Viel üble Schandtat
Inspiriert von etlichen Berichten aus dem Mittelalter, in denen Frauen vorgeben, Männer zu sein, bringt Markus Schleinzer mit Rose ein historisches Drama auf die Berlinale-Leinwand, das gleichzeitig individuell und universell zu verstehen ist. Die entstellte Rose packt sich in Hosenanzug und Hut, packt generell unfassbar viel an, um ihr Leben nach ihren eigenen Regeln zu leben. Aus dem seit Jahren leerstehenden Hof wird ein ertragreiches, schickes Gutshaus, aus der eigenbrötlerischen Rose ein Herr mit Mägden und Knechten. Sobald es darum geht, das Grundstück zu vergrößern, stellt der Großbauer jedoch eine Bedingung: Rose müsse seine Tochter Suzanna (Caro Braun) heiraten, denn das Wichtigste in der überschaubaren Dorfgemeinschaft sei die Reproduktion.
Obwohl es biologisch nicht möglich ist, diesem Wunsch nachzukommen, geht Rose die Ehe ein, um einerseits nicht aufzufliegen, andererseits um endgültig innerhalb des Dorfes angenommen zu werden. Obwohl Rose im Nachhinein „viel üble Schandtat“ zugesprochen wird, gibt sie ihr Bestes, um eine stattliche, sittliche Existenz innerhalb der Dorfregeln zu führen. Ein klassisches Motiv in der Film- und Literaturgeschichte, die Hochstaplerei, wird so reduziert wie möglich, so ausdrucksstark wie nötig, in kontrastreiches Schwarz-Weiß getaucht sowie mit einem feministischen Narrativ und einer weiblichen Erzählstimme (Marisa Growaldt) versehen.
Letztere ist ein aufgrund ihrer kompromisslos erklärenden Art ein schöner Throwback zu Zeiten, in denen Direct Cinema noch nicht der Status Quo war, und vermag es, trotz manchmal fehlender Prägnanz, lose Fäden miteinander zu verknüpfen. Der Look des Filmes selbst ist eine Augenweide: Ohne Retro-Kitsch, ohne zu starke Anbiederung an moderne Trends, erschafft das Bild seine eigene Sprache und Schönheit, die vor allem in den im Hintergrund wechselnden Jahreszeiten, der Darstellung der Natur, ihren Höhepunkt findet. So fühlt man sich hier gar an bulgarische oder tschechoslowakische Produktionen aus den 1960ern erinnert, allerdings in einem kaum gekörnten, kristallklaren Gewand. Vor allem am Anfang lassen auch Béla Tarr und Ingmar Bergmans Das siebente Siegel grüßen.
Freiheit in der Hose
Die Feinheiten von Rose verbergen sich im großartigen, auf dem Boden gebliebenen Schauspiel, das sämtliche Charaktere ausstrahlen. So brillant Sandra Hüller die toughe, innerlich sanft gebliebene Rose darstellt, die zwar vor keiner Lüge zurückschreckt, ihrem Umfeld gegenüber dabei aber immer fair bleibt und in Stresssituationen auf der Kugel, die ihr Gesicht zertrümmerte, herumkaut, so stiehlt ihr Caro Braun als Suzanna fast schon umso mehr die Show. Bereits am Anfang beim Gottesdienst visuell hervorstechend, mausert sich Suzanna von der schüchternen, willenlosen Tochter, die an Rose vermittelt wird, zur selbstbewussten Hausherrin und Mutter, die noch etliche schwierige Entscheidungen treffen soll.
Moment, Mutter? Wie soll das in einer Ehe zwischen zwei Frauen zur damaligen Zeit funktionieren? Genau in diesen Kuriositäten zeigt sich die Gewitztheit der Erzählstruktur, die Geheimnisse offenbart, hiernach aber wieder etliche Fragezeichen aufwerfen lässt. Innerhalb der Schwere der Thematik, der bedrückenden Konservativität des Dorfes, der Suche nach Identität und dem Wunsch, endlich mal anzukommen, lockern perfekt platzierte Wortwitze und Situationskomik die aufkommenden Spannungen auf. Dies macht das sorgfältig recherchierte Setting noch authentischer, mittelalterlicher, absurder.
Konzipiert nach einem klassisch-dramatischen Fünf-Akte-System zeigt Rose in 93 Minuten, was deutsches Kino so besonders erscheinen lassen kann: Wie bereits 2025 bei Kein Tier. So Wild. ist es eben das oftmals verschriene Theaterhafte, das so gut zu deutschem Schauspiel, zur deutschen Sprache, zur deutschen Historie passt. Bei Rose wird sich nicht in Reimen geäußert oder eine künstliche Kulisse aufgezogen, das gesprochene Wort mäandert zwischen altertümlich hochgestochen und kontemporär flapsig (dabei nie modern zeitgeistig). Und über allem schwebt die Frage nach geschlechtlicher Identität und dem Rattenschwanz, der daran hängt. Was trotz aller hart erkämpfter LGBTQIA*- und Frauenrechte aktuell bleibt, ist die Wahrheit, die Rose in jenem Satz ausspricht, die ihr gewähltes Dasein als Mann erklärt: „In der Hose war mehr Freiheit, also bin ich in die Hose gestiegen.“
OT: „Rose“
Land: Österreich, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Markus Schleinzer
Drehbuch: Markus Schleinzer, Alexander Brom
Musik: Tara Nome Doyle
Kamera: Gerald Kerkletz
Besetzung: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Augustino Renken
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