Paradise 2026
© Entract Studios, Constellation Productions

Paradise (2026)

„Paradise“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Angenommen, die eigene, seit vielen Jahren alleinstehende Mutter (Evelyne de la Chenelière) findet endlich ihr Liebesglück über das Internet, und der Auserwählte ist US-amerikanischer Kapitän, mit umfangreicher Facebook-Seite und allem Drum und Dran. Kommuniziert wird bislang allerdings nur per Telefon, und plötzlich ruft der virtuelle Boyfriend von (s)einem Schiff vor der ghanaischen Küste an: Er hätte Schiffbruch erlitten und bräuchte dringend mehrere tausend Dollar, um die Operation zu bezahlen. Klingt faul? Das denkt sich der skateboardfahrende Jugendliche Tony (Joey Boivin Desmeules) aus Montreal auch. Denn nachdem herauskommt, dass seine Mutter auf einen Scammer namens Kojo (Daniel Atsu Hukporti) hereingefallen ist, macht er sich auf eigene Faust in die ghanaische Hauptstadt Accra auf, um Kojo zur Rede zu stellen und Gerechtigkeit walten zu lassen.

Zwei Kontinente, eine Verbindung

Die Verbindung zwischen Mutter und Sohn ist eine innige, denn sie haben nur einander. Gut, Tony hat sein Skateboard, Mutti Chantal ihre Yoga-Klasse, aber abseits davon gibt es weder finanzielle Mittel noch allzu aufregende Veränderungen im Leben. Das alles ändert sich, als Chantal das sämtliche Ersparte von Tony, das er eigentlich für eine Reise aufbringen wollte, ihrem „Traummann“ schickt – und dann keine Rückmeldung mehr bekommt. Die Bank sagt, das Geld sei nicht wieder rückholbar, sie sei wohl an Scammer geraten, was gar nicht so unüblich sei heutzutage. Tony will das nicht hinnehmen: Er guckt sich etliche Videos zur Thematik an und schöpft dann Hoffnung, mit der ghanaischen Polizei zusammenzuarbeiten, um die Scammer dingfest zu machen und irgendwie wieder an die Moneten zu kommen. Das Problem: So richtig Interesse daran, ihm zu helfen, hat niemand. Auch wenn ein ghanaischer Polizist es versucht, nachdem Tony in Accra angekommen ist, sind die Verzahnungen der mafiösen Strukturen und der exekutiven Gewalt zu sehr miteinander verbunden, als dass wirklich etwas Handfestes dabei herumkommen könnte.

So tragisch und unfair die Erlebnisse von Tony und seiner Mom sind, so viel Mitgefühl hat man schließlich mit dem Scammer: Kojo ist als braver „Church Boy“ bekannt, lässt sich bereits in jungen Jahren von einem Big Shot beeinflussen, der, untermalt mit lauter Trap-Mucke, im Jeep durch die Straßen der ärmeren Vierteln Accras fährt und Geldscheine seinem Publikum entgegenschmeißt – sein Vater ist nämlich nur ein armer, konservativer Fischer, der alles in seiner Macht stehende dafür tut, dass Kojo nicht auf die schiefe Bahn gerät. Sobald der Vater allerdings auf hoher See verschwindet, hält Kojo nichts mehr an seinem vernünftigen Leben: Er wendet sich mit Kumpanen dem Gras zu, sucht Rat bei einem Schwarzen Magier und steigt schließlich in das lukrative Scamming-Business des philanthropischen Gangsters ein, der ihn vor einigen Jahren bereits auf der Straße begeisterte. Darf ein junger Mann kein Geld mehr verdienen? Kojo versucht es zumindest, doch dem geschulten (und aufgrund von so viel KI paranoiden) Gehör fällt früh im Film auf, dass die Stimme des US-amerikanischen Kapitäns, die Kojo am Telefon benutzt, etwas zu perfekt amerikanisch klingt.

Scam nach Scam

In den seltensten Fällen geht jemand einem Betrüger so hartnäckig an die Kronjuwelen wie in Tonys Fall; seine Überzeugung, die Schmach seiner Mutter irgendwie wettzumachen, ist wahrlich beeindruckend. Gleichzeitig kann man nicht anders, als Verständnis für Kojo aufzubringen, der eine verlorene, eigentlich sanftmütige Seele ist sowie eine emotionale Bindung zur eigentlich Gescammten aufbaut, der er alles offenbart und betont, dass er sich bei ihr sicher fühlt. Da ist der Zug jedoch längst abgefahren, bzw. das Schiff längst weggeschwommen. Das Schiff, das Kojo ständig in seinen Träumen heimsucht, brennt hingegen. Immer wieder berichtet der junge Mann von einem Dampfer, der Feuer fängt, wonach er einen angeschwemmten Mann rettet. Angereicht mit einer Prise magischem Realismus, dessen rote Fäden die beiden jeweiligen Absenzen der Vaterfigur und eines drohenden Unfalls bilden, beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Tony und Kojo, die sich irgendwo verstehen, irgendwo gegenseitig bedrohen, im Endeffekt aber beide nach einem Paradise suchen.

Eingefangen werden die verschiedenen Lebensrealitäten mit einer wundervollen Kameraarbeit und Farbgebung, wenn auch die Schwelle zum Poverty Porn und zu White-Saviour-Anleihen öfter droht, überschritten zu werden. Regisseur Jérémy Comte schafft diese schmale Gradwanderung allerdings in den allermeisten Fällen, was vor allem damit zu tun hat, dass er eigene Erfahrungen in diesem Film verarbeitet: Er selbst wurde mal Opfer eines Scams und recherchierte folglich vor Ort, um hinter die Strukturen dieses Business‘ zu kommen und dies so authentisch wie möglich filmisch zu verarbeiten. Klar sind ein paar Szenen überzeichnet, gerade die Figur des Gangsterbosses, auch bedient sich Comte immer wieder an gängigen Coming-of-Age Tropen, die er jedoch gelungen verbindet, was für ein rundes, gut getaktetes Seherlebnis sorgt. Die atemberaubende Optik, der unterschwellig alles passend untermalende Soundtrack, die spannenden metaphysischen Elemente sowie das Schauspiel der vornehmlichen Laien (Joey Boivin Desmeules wurde von einer lokalen québécoisen Skater-Truppe abgeworben) hieven das Werk auf ein äußerst empfehlenswertes Level.

Credits

OT: „Paradise“
Land: Kanada, Frankreich, Ghana
Jahr: 2026
Regie: Jérémy Comte
Drehbuch: Will Niava, Jérémy Comte
Musik: Valentin Hadjadj
Kamera: Olivier Gossot
Besetzung: Daniel Atsu Hukporti, Joey Boivin Desmeules, Evelyne de la Chenelière

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fazit
Jérémy Comtes Langfilmdebut ist streng gesehen fernab von kompletter Ausgereiftheit, brilliert aber mit einer Melange aus vielen sympathischen Komponenten: Look, Charakteraufbau und -entwicklung, Relatability zu den Figuren und ein frisches, kaum filmisch behandeltes Thema. Glücklicherweise überschreitet „Paradise“ nie den Schritt zu Stereotypisierung oder gar Rassismen, möchte gar kein moralisches Bild einer richtigen und einer falschen Seite zeigen, sondern legt Motivationen und Hintergründe verständlich dar, so dass es weder Sieger noch Verlierer in diesem interkontinentalen Konflikt gibt. Geld, Liebe und Identität sind mit die stärksten vorherrschenden Bestandteile eines Lebensentwurfes – hier wird all das innovativ durcheinandergewirbelt.
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