
Gaza, im Jahr 2007: Inmitten einer Stadt am Rande einer historischen Zäsur balanciert der schüchterne Student Yahya (Nader Abd Alhay) zwischen seinem Job in einem Falafel-Imbiss und dem riskanten Nebengeschäft seines charismatischen Mentors Osama (Majd Eid). Gemeinsam schmuggeln sie nämlich Schmerzmittel unter die Kundschaft des Imbisses – dieses gefährliche Spiel rückt sie ins Visier des korrupten Polizeioffiziers Abou Sami (Ramzi Maqdisi). Das Ganze mündet in einer Tragödie, die Yahyas Leben erschüttert. Zwei Jahre später findet sich der traumatisierte junge Mann in einer surrealen neuen Realität wieder: Er wird von einem Filmregisseur (Is’haq Elias) entdeckt, um in einem staatlich geförderten Actionfilm einen gefallenen Widerstandskämpfer zu verkörpern, dem er zum Verwechseln ähnlich sieht. Infolgedessen trifft er auch Abou Sami wieder und sinnt auf Rache.
Große filmische Fußstapfen
Der Titel Once Upon a Time in Gaza weckt natürlich sofort Assoziationen. Zum einen ist es der klassische Märchenanfang, zum anderen erinnert er an zahlreiche bedeutende Filme mit dieser Phrase, von Sergio Leones Once Upon a Time in the West und Once Upon a Time in America über Robert Rodriguez’ Once Upon a Time in Mexico und Nuri Bilge Ceylans Once Upon a Time in Anatolia bis hin zu Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood. Große Fußstapfen also, in die die Zwillingsbrüder Tarzan und Arab Nasser mit dem Nachfolger ihres Festivalerfolgs Gaza mon Amour treten wollen.
Der Film wechselt dabei mehrfach seine Tonlage. Zunächst präsentiert er sich als eine Art Buddy-Movie: Osama fungiert als väterlicher Freund Yahyas, der ihn an die Hand nimmt und durch das nicht immer einfache Leben in Gaza führt. Dass er ihn dabei zugleich als Helfer für seine kleinen Deals einspannt, gehört für ihn selbstverständlich dazu. Gleichzeitig ist Osama aber auch der Erste, der Yahya heraushalten will, als die Lage brenzlig wird. Bereits in diesem ersten Teil wird eine deutliche Kritik an Korruption sichtbar. Polizist Abou Sami versucht entweder, an Osamas Geschäften beteiligt zu werden, oder droht damit, sie auffliegen zu lassen – doch dabei unterschätzt er die eigentümliche Aufrichtigkeit des Gauners.
Wilder Genremix
Nach der tragischen Zäsur in der Filmmitte schlägt die Geschichte zunächst überraschend komödiantische Töne an, wenn Yahya zum Hauptdarsteller des ersten in Gaza gedrehten Actionfilms wird. Diese Entwicklung ist zwar schon im Prolog angelegt, der mit einem O-Ton Donald Trumps beginnt, in dem er den Gazastreifen als zukünftige „Riviera des Nahen Ostens“ anpreist, führt aber zu absurd-komischen Situationen am Set. Gleichzeitig bleibt eine latente Gefahr bestehen, denn das Team arbeitet mit echten Waffen und scharfer Munition. Schließlich wandelt sich der Film zu einem Rachethriller und zeigt, dass die Nasser-Brüder auch vor plötzlichen Gewaltausbrüchen nicht zurückschrecken.
Unter der vielschichtigen Genrefassade verbirgt sich jedoch vor allem ein bemerkenswert realer Blick auf das Leben im Gazastreifen. Zwar spielt der Film in den Jahren 2007 und 2009 und wurde noch vor den Ereignissen des 7. Oktober 2023 sowie dem darauffolgenden Krieg konzipiert, doch die immer wieder eingestreuten Bilder von Explosionen verleihen ihm eine beklemmende politische Gegenwärtigkeit. Selbst wenn Once Upon a Time in Gaza vordergründig nicht explizit politisch sein will, wird er allein durch seinen Drehort zwangsläufig zu einem politischen Film. Und erstaunlicherweise funktioniert genau dieses Spannungsfeld. Man kann das Werk sowohl als palästinensischen Genrebeitrag zum Weltkino betrachten als auch als eindringliches Statement zur Lage in Gaza. Damit schließt sich der Kreis zum Titel: Geschichten, die ein Gaza zeigen, das nicht in Schutt und Asche liegt, müssen fast zwangsläufig mit einem „Es war einmal…“ beginnen. Denn weiter entfernt von der gegenwärtigen Realität könnten die Bilder intakter Straßenzüge und Gebäude derzeit kaum sein.
OT: „Once Upon a Time in Gaza“
Land: Frankreich, Palästina, Deutschland, Portugal, Katar, Jordanien
Jahr: 2025
Regie: Arab Nasser, Tarzan Nasser
Buch: Arab Nasser, Tarzan Nasser
Musik: Amine Bouhafa
Kamera: Christophe Graillot
Besetzung: Nader Abd Akhay, Majd Eid, Ramzi Maqdisi
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