No Good Men
© Virginie Surdej
No Good Men
„No Good Men“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Naru (Shahrbanoo Sadat) befindet sich inmitten einer Trennung von ihrem aggressiven, untreuen Ehemann und versucht, sich und ihren 3-jährigen Sohn Liam als Kamerafrau bei Kabul News durchzubringen. Obwohl ihr von allen Männern um sie herum Steine in den Weg gelegt werden, schafft sie es zur Begleiterin des Reporters Qodrat (Anwar Hashimi). Gemeinsam begeben sie sich auf der Suche nach der nächsten Story auf die unsicheren Straßen Kabuls. Je länger Naru mit Qodrat zusammenarbeitet, desto mehr spürt sie, wie sehr er sich durch Respekt und Sensibilität von allen anderen Männern in ihrem Leben abhebt – und langsam beginnen Gefühle in ihr zu wachsen …

Konfliktherd im Schatten

Fast schon aus unserem Bewusstsein verschwunden, untergegangen zwischen Gaza, der Ukraine und den Verrücktheiten Trumps, ist die erneute Übernahme Afghanistans durch die Taliban seit viereinhalb Jahren. Der Eröffnungsfilm der 76. Berliner Filmfestspiele, No Good Men, will uns wieder in Erinnerung rufen, wie es einst um ihr Heimatland stand und das an einer Leitfrage abarbeiten, die sich (auch unzählige westliche) Frauen zurecht stellen: Gibt es sie noch, die guten Männer? Oder sind sie alle nur Opfer ihrer eigenen unterdrückten Gefühle und Dominanzfantasien – und damit dazu verdammt, selbst zu chronischen Tätern zu werden?

Sadat (Kabul Kinderheim), die selbst ihre Jugend in Afghanistan verbrachte, möchte uns eine Zeit in ihrem Heimatland näherbringen, kurz bevor die Bilder von verzweifelten Menschen um die Welt gingen, die sich beim hastigen Abzug US-amerikanischer Truppen auf den Rollfeldern am Kabuler Flughafen drängten. Auch Deutschland evakuierte damals seine Soldaten, ließ viele Ortskräfte – die die Bundeswehr, das Auswärtige Amt und NGOs vor Ort unterstützt hatten – zurück und präsentierte sich damit auf der internationalen Bühne in keinem gutem Licht. Noch ist die Taliban in No Good Men also nicht an der Macht, Frauen arbeiten Seite an Seite mit Männern und müssen sich nicht vollverschleiern … Gleichberechtigung herrscht deswegen noch lange nicht. Fatal sind überdies die Zustände der freien Berichterstattung: eine seriöse, unabhängige und kritische Presse ist kaum bis gar nicht vorhanden. Umso bewegender wirkt daher die Hommage einer Journalistengruppe, die Sadats drittes Langwerk im Abspann leistet – die Ehrung einer Journalistengruppe der afghanischen Fernsehsender Tolo, die 2016 bei einem Selbstmordattentat der Taliban ums Leben kam.

Verloren zwischen Genres

Um uns diese gesellschaftlichen Themen ins Hirn zu pflanzen, probieren sich Sadat und ihr Co-Autor (wie auch Co-Darsteller) Hashimi an einer satirischen Handlung, wie wir sie aktuell in einigen Filmen wie No Other Choice (2025) oder den ebenfalls auf der Berlinale 2026 laufenden Rosebush Pruning erleben. Die ist allerdings nie überspitzt genug beziehungsweise oft gar nicht als solche erkennbar. Viele der an sich grotesken Situationen entfalten durch die lasche Darbietung der Dialoge oder fehlenden Pointen keine Wirkung. Es fehlt zu oft der Wortwitz, zu selten gibt es disruptive Schnitte oder Matchcuts, die einem die absurde soziale Lage vor Augen führen könnten. Das deutsche Publikum dürfte es höchstens unfreiwillig komisch finden, wenn bei einer Hochzeit Modern Talking läuft, wobei auch hier die ironische Distanz zum Status der afghanischen Medienlandschaft kaum zu erkennen ist.

Ist No Good Men über die ersten zwei Drittel Laufzeit nicht konsequent genug mit seiner Gesellschaftskritik, so wirkt der dramatische Genrewechsel am Ende umso verwirrender, obwohl die Schlussszene für sich betrachtet herzzerreißend ist und man hierzulande verschämt die Augen abwenden möchte. Doch kauft man dem Film diesen Stimmungswechsel nicht wirklich ab und ist eher irritiert von der plötzlichen Tragik.

Keine guten Männer (?)

Viel tragischer ist außerdem, dass die so wichtige Kernfrage nur unzufriedenstellend beantwortet und eher beiläufig in Dialogen abgehandelt wird, die keine tiefere Ebene haben, als die perverse Umgangsart von Männern mit ihren Frauen beiläufig aufzuzählen oder über einen Satisfier als Männerersatz zu witzeln – als könne man keine komplexere, vielleicht zynischere, aber vielleicht auch für beide Geschlechter befriedigendere Antwort finden.

Credits

OT: „No Good Men“
Land: Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan
Jahr: 2026
Regie: Shahrbanoo Sadat
Drehbuch: Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi
Musik: Therese Aune
Kamera: Virginie Surdej
Besetzung: Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi

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No Good Men
Fazit
"No Good Men" will bissige Gesellschaftskritik sein, beißt aber nicht hart genug. Trotz des vielversprechenden Settings, des nach wie vor relevanten politischen Kontexts und der drängenden Geschlechterfragen verschenkt der Film zu viel von seinem Potenzial.
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