Night Stage
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Night Stage

Night Stage
„Night Stage“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Im brasilianischen Porto Alegre sind Matias (Gabriel Faryas) und Fabio (Henrique Barreira) die Hauptdarsteller im neuesten Stück des renommierten Theaterensembles „Tremor“. Beide spekulieren auch auf die Hauptrolle in einer neuen Fernsehserie, die in der Stadt gedreht wird. Parallel beginnt Matias eine leidenschaftliche Affäre mit Rafael (Cirillo Luna). Dieser entpuppt sich als aussichtsreicher Bürgermeisterkandidat, weshalb die Beziehung unter allen Umständen geheim bleiben muss. Die nötige Diskretion wird jedoch durch die Vorliebe der beiden für riskanten Sex an öffentlichen Orten massiv gefährdet. Als Rafael seine Kontakte nutzt, um Matias zu der Serienrolle zu verhelfen, auf die auch Fabio gehofft hatte, kann dieser seinen Neid nicht unterdrücken. Dann rückt auch die Wahl immer näher und der Druck auf Rafael wächst: Seine immer gewagteren Eskapaden mit Matias bereiten seinen Wahlkampfsponsoren und seinem Sicherheitschef Camilo (Ivo Müller) große Sorgen.

Raus aus dem digitalen Raum

In ihrem neuesten Werk lösen sich Filipe Matzembacher und Marcio Reolon aus der klaustrophobischen Enge des digitalen Raums. War ihr preisgekrönter Hard Paint noch eher ein Kammerspiel vor der Webcam, wird in Night Stage die gesamte Stadt zur Projektionsfläche für Begehren, Ehrgeiz und Verrat. Porto Alegre erscheint nicht bloß als Kulisse, sondern als tückisches Labyrinth, in dem sich private Begierde jederzeit in einen öffentlichen Skandal verkehren kann. Gefahr wird konsequent ästhetisiert. Die Beziehung zwischen Matias und Rafael ist nicht nur moralisch brisant, sondern existenziell riskant. Die Sexszenen fungieren dabei nicht als bloße Provokation, sondern als bewusste Akte der Sichtbarkeit in einer Gesellschaft, die queere Identität weiterhin sanktioniert. Wenn sich die Figuren an öffentlichen Orten vereinen, ist das weniger Exhibitionismus als ein kalkuliertes Spiel mit sozialer Vernichtung.

Die Kamera unterstreicht diese Spannung durch eine kühle, präzise Bildgestaltung. Körper werden fragmentiert, Blicke verlängert, Räume verdichtet. Der Zuschauer wird in die Position eines Mitwissers und zugleich eines potenziellen Denunzianten gedrängt. Dieses Changieren zwischen Intimität und Überwachung erinnert phasenweise an die stilisierte Suspense eines Brian De Palma, ohne dessen Manierismen zu kopieren. Die Inszenierung bleibt kontrolliert, beinahe klinisch – gerade darin liegt ihre beunruhigende Wirkung.

Systemische Zwänge

Stark ist Night Stage vor allem dort, wo er systemische Zwänge sichtbar macht. Rafael ist nicht nur Liebhaber, sondern Gefangener seines politischen Apparats. Wahlkampf, Sponsoren und Sicherheitschef formen ein Dispositiv permanenter Kontrolle. Sein Privatleben ist kein geschützter Raum, sondern ein politisches Risiko. In dieser Konstellation wird Sexualität zur strategischen Schwachstelle, zur möglichen Waffe gegen die eigene Karriere. Parallel dazu entfaltet sich im Theaterensemble eine zweite Ebene von Macht und Abhängigkeit. Fabio verkörpert den verletzten Rivalen, dessen Neid nicht allein persönlicher Natur ist, sondern aus struktureller Ungleichheit gespeist wird. Erfolg entsteht hier nicht ausschließlich aus Talent, sondern aus Netzwerken und Einfluss. Dass Matias die begehrte Fernsehrolle durch Rafaels Intervention erhält, verschärft die Dynamik und legt die fragile Moral des Kulturbetriebs offen.

Der Film verortet diese Konflikte deutlich im brasilianischen Kontext. Auch nach der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro wirken konservative und homofeindliche Diskurse nach. Die Notwendigkeit, einen Bürgermeisterkandidaten als makellosen Familienmenschen zu inszenieren, verweist auf eine politische Kultur, in der Abweichung noch immer als Makel gilt. Sichtbarkeit ist hier zugleich Aufstiegschance und Absturzgefahr.

Schwaches Finale

Allerdings verliert der Film auf der Zielgeraden an analytischer Schärfe. Der sorgfältige Aufbau aus Ambivalenzen und Machtverschiebungen weicht im Finale vertrauteren Genre-Mustern. Wo zuvor Unsicherheit und moralische Grauzonen dominierten, treten deutlichere Konstellationen und dramatische Zuspitzungen an ihre Stelle. Die Komplexität der Figuren wird dabei zugunsten einer effektvolleren, aber weniger differenzierten Auflösung reduziert.

Trotz dieser Schwäche bleibt Night Stage ein formal überzeugender, atmosphärisch dichter Film. Er zeigt eindringlich, wie eng Begehren, Ehrgeiz und politische Macht miteinander verwoben sind – und wie hoch der Preis für Sichtbarkeit in einem Umfeld sein kann, das Abweichung noch immer sanktioniert. Seine größte Stärke liegt in der Inszenierung von Öffentlichkeit als Bühne und Bedrohung zugleich.

Credits

OT: „Ato Noturno“
Land: Brasilien
Jahr: 2025
Regie: Marcio Reolon, Filipe Matzembacher
Buch: Marcio Reolon, Filipe Matzembacher
Musik: Thiago Pethit, Arthur Decloedt, Charles Tixier
Kamera: Luciana Baseggio
Besetzung: Gabriel Faryas, Cirillo Luna, Henrique Barreira, Ivo Müller, Kaya Rodrigues, Larissa Sanguiné

Bilder

Trailer

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Night Stage
fazit
Unterm Strich ist „Night Stage“ ein ästhetisch kontrollierter, politisch aufgeladener Erotik-Thriller, der Sichtbarkeit als existenzielles Risiko verhandelt. Trotz eines schwächeren Finales überzeugt der Film durch seine präzise Rauminszenierung und die kluge Verknüpfung von Begehren, Macht und öffentlicher Kontrolle.
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