Lust 2026
© Aporia Filmworks, Screening Emotions

Lust (2026)

Lust 2026
„Lust“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Als Gefängnispsychologin ist Lilian (Snejanka Mihaylova) Ablehnung gewöhnt. Die meisten ihrer Patienten reagieren abwehrend oder gar aggressiv auf ihre Therapieangebote, was ihren Arbeitsalltag oft sehr frustrierend macht. Als sie jedoch vom Tod ihres Vaters erfährt, begegnet ihr in ihrer bulgarischen Heimat eine ganz andere Form der Zurückweisung. Da er nichts als Schulden hinterlassen hat, soll sie nach Ansicht der Bank nun für diese aufkommen.

Parallel dazu muss Lilian die Formalien zur Beerdigung ihres Vaters regeln, obwohl sie ihn kaum gekannt hat und nie ein inniges Verhältnis zu ihm bestand. Auch die Bekannten ihres Vaters, die scheinbar ihre Hilfe anbieten, verfolgen vor allem eigene Interessen und versuchen, Lilian auszunutzen – eine Erfahrung, die ihr Gefühl der Überforderung weiter verstärkt.

Schwerer noch als diese äußeren Konflikte wiegt jedoch eine innere Krise. Lilian bemerkt zunehmend, dass sie die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren droht. Das selbst auferlegte Zölibat kann sie nicht länger aufrechterhalten, doch echte Nähe oder Empfindung stellen sich dennoch nicht ein. Erst eine Entdeckung über das Privatleben ihres Vaters eröffnet ihr möglicherweise einen Ausweg aus dieser persönlichen Sackgasse.

Über abwesende Väter und ihre Töchter

In ihrem ersten Spielfilm Godless erzählte Regisseurin Ralitza Petrova von Kontrollverlust und einem empathie- und teilnahmslosen System, das von Korruption und Härte geprägt war. Für ihren zweiten Film Lust, der auf der Berlinale 2026 zu sehen ist, bleibt sie ihren Themen treu, wechselt jedoch ihre Herangehensweise ins „Mystische“, wie sie in ihren Statements zu Lust beschreibt. Die Geschichte zeigt zum einen die Kälte eines bürokratischen Systems und zum anderen eine Hauptfigur, die in der Schwebe zu sein scheint und den Bezug zu sich selbst verloren hat. Abwesenheit – beispielsweise die des Vaters – löst diesen Zustand aus, eröffnet aber zugleich neue Möglichkeiten. Lust ist daher ein Film über die menschlichen Konsequenzen eines Systems, das nicht länger kontrolliert oder reguliert und Faktoren wie Korruption und Ausbeutung gleichgültig hinnimmt.

Zweimal in Lust erhält der Zuschauer einen Einblick in die Arbeit Lilians. Per Webcam sieht sie, wie sich die Gefangenen in einem Raum versammeln, sich widerwillig auf die Stühle setzen und erwartungsvoll in Richtung Kamera schauen. Per Lautsprecher begrüßt Lilian sie, doch noch bevor sie den Ablauf der heutigen Sitzung erklären kann, wird sie von einem der Gefangenen unterbrochen. Er hält das Ganze für Zeitverschwendung, wird immer lauter und aggressiver, sodass schließlich zwei der Wärter einschreiten müssen und den Mann in seine Zelle zurückbringen. Die zweite Szene, die wir ungefähr in der Mitte des Films sehen, verläuft im Grunde ähnlich.

Die Hauptfigur von Lust definiert ein Widerspruch, dessen emotionale Folgen Lilian noch nicht vollends erfasst hat. Als Teil eines Systems führt sie Befehle aus, strebt nach Anerkennung für ihre Arbeit und beutet ebenfalls aus, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Sie sagt sich, sie wolle helfen, doch die Frustration darüber, dass dieses Angebot nicht angenommen wird oder zu Reaktionen wie den bereits beschriebenen führt, resultiert in einer Art Betäubung. Lilian führt aus, geht ein Skript durch und stellt die entsprechenden Fragen, ohne jedoch den ihr gegenübersitzenden Menschen wirklich zu sehen. Ironischerweise erfährt sie diese Distanz in ihrer bulgarischen Heimat, als die Beamten ihren Aufenthalt noch komplizierter gestalten und sie nun noch mehr zu regeln hat. Glücklicherweise, so heißt es an einer Stelle, sei sie gekommen, denn ansonsten hätte man ihren Vater in einem anonymen Grab beerdigen müssen. Die Welt, die uns Ralitza Petrova in Lust zeigt, führt Protokolle und Routinen aus, sodass der Bezug zum Menschen verloren geht. Das System nimmt die Folgen dieser inhärenten Teilnahmslosigkeit nicht nur hin – es scheint eher so, als würde es sie noch befördern.

Der fehlende Teil

Als Lilian den Leichnam ihres Vaters sieht, bemerken wir an einer Wand ein Schild mit der Aufschrift „Die Toten lehren die Lebenden“. Derlei Verweise gibt es viele in Lust, verweisen sie doch auf den emotionalen Zustand der Hauptfigur, für die der Anblick eines toten Körpers sinnbildlich für die Beschaffenheit ihrer Welt und ihre eigene Kälte ist. Wie um dies zu bestätigen, erklärt Lilian, dass sie ihren Körper kaum noch fühlen könne. Petrovas Inszenierung sowie Julian Atanassovs Kameraführung betonen diesen omnipräsenten Mangel in statischen Bildern, kalten, glatten Oberflächen und der Anonymität der Räume, die Lilians emotionalen Zustand ebenso reflektieren wie ihre Sehnsucht nach Halt in ihrem Leben. Bisweilen wirkt die Welt, in der sich Lilian bewegt, wie eine Art Friedhof, in dem die Lebenden emotional erkaltet zu sein scheinen.

Snejanka Mihaylova als Lilian betont die Widersprüchlichkeit und das daraus resultierende Dilemma der Hauptfigur. Sie ist gefangen in Abläufen und Routinen – sie leidet an der Distanz und Kälte, die sie sich selbst auferlegt hat oder die ihr aufgezwungen wurde. Mihaylova zeigt Lilian als eine Leidende auf der Suche nach einem Ausweg aus der emotionalen Starre, durch ihr subtiles, ambivalentes Spiel, das der Figur, ihren Gesten und Aussagen genug Raum gibt.

Credits

OT: „Lust“
Land: Bulgarien, Dänemark, Schweden
Jahr: 2026
Regie: Ralitza Petrova
Drehbuch: Ralitza Petrova
Kamera: Julian Atanassov
Besetzung: Snejanka Mihaylova, Nikola Mutafov, Mihail Milchev, Alexis Atmadjov

Bilder

Filmfeste

Berlinale 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Lust (2026)
fazit
„Lust“ ist ein subtiles, stilles Drama über emotionale Kälte, Abwesenheit und die Möglichkeit eines Auswegs. Ralitza Petrova gelingt ein Film, der über präzise, mehrdeutige Bilder den Widerspruch eines Menschen beschreibt sowie dessen Folgen für das eigene Leben. „Lust“ ist kein einfacher Film, weil er seine Figuren und deren Welt in einer Art Schockstarre zeigt und der Zuschauer Zeit braucht, um sich dem anzunähern.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10