
Früher einmal, da wurden auf dem weitläufigen Gelände Träume wahr gemacht. Zahlreiche Filme der unterschiedlichsten Genres wurden dort gedreht. Doch das ist lange her, die Gebäude und Kulissen verfallen nach und nach. Die einst stolze Institution steht vor dem Bankrott. Zwar versucht der Hausmeister Zha, der gemeinsam mit einer Katze auf dem Gelände lebt, die Anlage irgendwie in Schuss zu halten, aber auch er kann den Verfall nicht länger aufhalten. Um der traurigen Situation zu entkommen, begibt er sich immer wieder in virtuelle Welten, dank eines VR-Headsets, das man ihm geschenkt hat. Dort kann er Leute treffen und von einem anderen Leben träumen. Dabei wird das Studio noch ein letztes Mal gebraucht, als ein Film über eine Alien-Invasion gedreht werden soll …
Das Menschliche in den Trümmern
In den letzten Jahren haben Animationsfilme aus China gewaltige Sprünge gemacht, sowohl im Hinblick auf die Optik wie auch kommerzielle Resonanz. So wurde Ne Zha 2 vergangenes Jahr zu einer Sensation, als es sämtliche Rekorde in dem Segment brach und der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten wurde – obwohl er international in nur wenigen Kinos lief. Werke wie Into the Mortal World oder Deep Sea wurden auf renommierten Festivals gezeigt und überzeugten dort mit aufwendig erstellten Bildern. Das ist einerseits erfreulich. Allerdings ist das Angebot oft etwas einseitig, da liegt schon ein sehr großer Fokus auf Fantasyabenteuern, die sich zudem oft an ein etwas jüngeres Zielpublikum richten. Dass das auch ganz anders geht und das Reich der Mitte erwachsenere Geschichten erzählen kann, beweist der neue Geheimtipp Light Pillar.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht dabei ein Filmstudio, das früher einmal Glanz und Glamour versprühte und Unmögliches wahr machte, jetzt aber unter einer dicken Schneeschicht vergraben und in Vergessenheit geraten ist. Manche werden dabei eventuell an Millennium Actress denken. Dort ist der geplante Abriss eines altehrwürdigen Studios in Japan der Anlass für ein Interview mit einem früheren Schauspielstar. Doch während der Anime davon ausgehend eine Reise in die Vergangenheit und durch die unterschiedlichsten Genres unternahm, da blickt Light Pillar schon eher in die Zukunft und setzt andere Schwerpunkte. Mit Filmen an sich beschäftigt sich Regisseur und Drehbuchautor Zao Xu in seinem Langfilmdebüt gar nicht so sehr. Er sucht das Menschliche in dem Verfall, indem er den Hausmeister zur Identifikationsfigur macht, der einsam in den Trümmern lebt.
Melancholisch, heiter und ganz besonders
Das klingt sehr traurig. Teilweise ist es das auch, der Film, der in der Nachwuchssektion Perspectives der Berlinale 2025 Weltpremiere hatte, arbeitet schon mit einer melancholischen Grundstimmung, wenn alles verschwindet, was durch das winterliche Setting noch weiter verstärkt wird. Doch Light Pillar sucht nicht das große Drama, wenn wir die letzten Tage des Studios miterleben. Vielmehr wählt Zao Xu eine sehr leise Erzählweise, die schon mal längere Zeit ohne Sprache auskommt und dabei überraschend lustig sein kann. Da ist nicht nur die drollig gezeichnete Katze. Auch bei den Zweibeinern tummeln sich einige kuriose Gestalten herum. Selbst das Studio und der abschließende Filmdreh sind immer wieder für ein Schmunzeln gut, wenn ohne Geld gearbeitet wird und die Alien-Invasion ein klein wenig billig aussieht.
Verpackt wird das in eine Optik, die in der Tradition klassischer Zeichentrickfilme steht. Wer chinesische Animationsfilme mit aufwendigen Effektfeuerwerken in Verbindung bringt, wie es eben bei den obigen Kollegen der Fall war, sieht hier eine völlig andere Herangehensweise. Stimmungsvolle Hintergründe, eine Liebe zum Detail, Figurendesigns, die zwischen Realismus und Überzeichnung schwanken – Light Pillar weckt auch visuell nostalgische Gefühle, wenn der Film an die Animationskunst früherer Tage erinnert. Originell ist dabei der Einfall, in den Virtual-Reality-Szenen zu Live-Action-Aufnahmen zu wechseln. Kombinationen aus Realfilm und Animation gibt es zwar einige. Während in The Congress reale Schauspieler und Schauspielerinnen jedoch in gezeichnete Varianten verwandelt werden, ist hier der Weg umgekehrt. Ob es das gebraucht hätte, darüber lässt sich zwar streiten. Aber es ist ein Beispiel dafür, wie besonders dieses kleine Werk ist, dem man ein Publikum wünschen würde und dass neugierig macht, was der Filmemacher wohl als nächstes angehen wird.
OT: „Han ye deng zhu“
Land: China
Jahr: 2026
Regie: Zao Xu
Drehbuch: Zao Xu
Musik: Xiaoshu Chen
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)





