
Die norwegische Folkehøgskule lässt sich zwar wörtlich mit „Volkshochschule“ übersetzen, doch als Institution hat sie mit ihren deutschen Namensvettern kaum etwas gemein. Sie richtet sich vor allem an junge Erwachsene und funktioniert als eine Art Orientierungsjahr nach der Schulpflicht – neun Monate, in denen man sich intensiv mit Themen wie Zirkuskunst, Design oder Wikingerleben beschäftigen kann. Eine dieser Schulen liegt im abgelegenen Pasvik in der Finnmark, rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, direkt an der norwegisch-russischen Grenze. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler, Hundeschlitten zu fahren und in der Arktis zu überleben.
Coming-of-Age-Dokumentarfilm
Dieser Ort ist der Schauplatz von Folktales, dem neuen Dokumentarfilm der renommierten amerikanischen Filmemacherinnen Heidi Ewing und Rachel Grady, die 2007 mit Jesus Camp eine Oscar-Nominierung erhielten. Über mehrere Monate hinweg begleiteten sie eine junge Frau und zwei junge Männer während ihres Aufenthalts in Pasvik. Entstanden ist ein Coming-of-Age-Film – rau, still, zutiefst menschlich. Und voller Hunde. „Wir fragten uns: Was passiert, wenn man einen Teenager von 2024 an einen Ort bringt, an dem TikTok keinen Nutzen hat?“, erklärt Heidi Ewing auf die Frage, wie sie auf das Setting gekommen sind. An einem Ort, so ergänzt sie, an dem Fähigkeiten wie Stricken, das Aushalten von Kälte oder das Trainieren eines schwierigen Hundes plötzlich hohen Stellenwert haben. Genau diese Frage durchzieht den Film.
Zu Beginn sieht man feiernde Jugendliche, unter ihnen Hege, kurz vor ihrer Abreise nach Pasvik. Sie erzählt, dass ihr Vater vor zwei Jahren ermordet wurde und sie derzeit nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Im hohen Norden trifft man auf die beiden anderen Protagonisten: Bjørn Tore, nach eigener Aussage „nett, aber manchmal nervig“, und den Niederländer Romain, der sich ebenfalls verloren fühlt. Alle drei gehören zur Generation Z – aufgewachsen mit dem Smartphone, sozialisiert über Bildschirme. Nördlich des Polarkreises jedoch verlieren diese Werkzeuge rasch an Bedeutung.
Bedeutungslose Smartphones
Es ist eine der schönsten Beobachtungen des Films, wie sich die jungen Menschen im Laufe der Monate von ihren Handys entfremden. Wie sie lieber Zeit mit den Hunden verbringen, weil ihre Freundinnen und Freunde zu Hause ihre Posts – etwa von getöteten Tieren – nicht mehr verstehen. Sowieso spielen Tiere, besonders die Schlittenhunde, eine zentrale Rolle in Folktales. Im Film ebenso wie in der Schule selbst. Lehrer Thor-Atle bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Hunde lehren uns, menschlicher zu sein.“ Und so gelingt es, was Lehrerin Iselin den Kindern zu Beginn ihrer Zeit in Pasvik prophezeit: „In diesem Jahr werden wir euer Steinzeit-Gehirn freisetzen.“ Denn das menschliche Gehirn sei 10.000 Jahre alt und von den Anforderungen der modernen Welt überfordert. Der Film gibt ihr recht.
Man sieht, wie aus Jugendlichen junge Erwachsene werden. Wie sie Verantwortung übernehmen – für die Schlittenhunde, aber auch für sich selbst. Wenn sie allein, ausgestattet mit Messer, Stirnlampe und Säge, zwei Nächte in der arktischen Wildnis verbringen, lernen sie vermutlich mehr über sich als in einem ganzen Schuljahr. Natürlich stoßen sie dabei auch an ihre Grenzen. Besonders Romain hadert immer wieder mit seiner Anwesenheit, zeigt sich verletzlich, unsicher, zweifelnd. Und doch kehrt er jedes Mal zurück – und findet in Bjørn Tore schließlich einen Freund.
Zurückhaltende Regie
Ewing und Grady arbeiteten bewusst mit einem norwegischen Team zusammen, das die extremen Bedingungen jenseits des Polarkreises kannte. Die filmische Haltung ist zurückhaltend: Abgesehen von wenigen Interviews beobachten die Filmemacherinnen lediglich. Gerade bei den Soloübernachtungen wird das spürbar – sie wurden mit Teleobjektiv gedreht, um den Jugendlichen das Gefühl zu geben, tatsächlich allein zu sein.
Inhaltlich bettet Folktales diese Beobachtungen in die nordische Mythologie ein. Zu Beginn wird die Geschichte der Nornen erzählt, jener Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden aller Wesen spinnen. Diese Metapher zieht sich visuell durch den gesamten Film. In Pasvik lernen die Jugendlichen, ihre eigenen Fäden aufzunehmen. Besonders bei Hege ist zu sehen, wie sie aufblüht – aber auch Bjørn Tore und Romain gewinnen sichtbar an Selbstvertrauen. Die Frage am Ende bleibt jedoch, was ihnen das in der modernen Welt, in die sie zurückkehren müssen, nutzen wird.
Natürlich ist Folktales keine universelle Bestandsaufnahme einer Generation. Der Film erzählt von drei Individuen, die das Privileg haben, sich in einer sehr speziellen Umgebung entwickeln zu dürfen. Und doch versprüht er einen Optimismus, den man im zeitgenössischen Kino nur selten erlebt. Dieser Optimismus speist sich aus der Natur, aus der körperlichen Erfahrung, aus dem stillen, respektvollen Umgang mit der Welt. Vielleicht bringt der Film nicht nur junge Zuschauerinnen und Zuschauer dazu, das Handy einmal aus der Hand zu legen. Vielleicht erinnert er uns alle daran, wie wertvoll es sein kann, ganz im Hier und Jetzt zu sein – ohne jeden Moment sofort mit der Welt teilen zu müssen.
OT: „Folktales“
Land: USA, Norwegen
Jahr: 2025
Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady
Musik: T. Griffin
Kamera: Lars Erlend Tubaas Øymo
Sundance Film Festival 2025
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