Die Blutgraefin
© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion / P. Domenigg

Die Blutgräfin

Die Blutgraefin
„Die Blutgräfin“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Im echten Leben war die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory eine verurteilte Mörderin, starb 1614 in Haft. Ob ihrer Grausamkeit wurden etliche Legenden überliefert, von der Serienkillerin, die junge Dienerinnen bis hin zu Kleinadligen zu sich lockte und umbrachte, bis hin zur „Blutgräfin“, die im roten Lebenssaft ihrer Opfer badete, um sich zu verjüngen. Das Vampirgenre nimmt solch eine Geschichte natürlich mit Kusshand – bis heute, zum Berlinale Special Film Die Blutgräfin von der Grande Dame des deutschsprachigen Kinos, Ulrike Ottinger. Auch hier hat Báthory, gespielt von der ewig eleganten Isabelle Huppert, eine großartige Lust auf Blut. Mehr als zarte Frauennacken erregt jedoch ein Buch ihre Aufmerksamkeit, das ihre renommierte, vampirische Familienlinie ausradieren könnte. Das kann Báthory auf keinen Fall geschehen lassen; so begibt sie sich ins kontemporäre Wien, sucht ihre vertraute Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) auf und muss ein antikes Rätsel lösen, um dieses vermaledeite Buch aufzutreiben und zu vernichten.

Sie kam, aß und saugte

Weniger Horror, mehr fabulöse Satire mit einer Prise Tourismuswerbung. Bereits in den ersten Minuten wird klar, dass Ulrike Ottinger dem Publikum eine Agglomeration feinster Absurditäten, eingepackt in knalligen Designerkleidern, präsentieren möchte. Elisabeth Báthory steigt, ganz in Rot, mit flammenden Haaren, glitzerndem Lidschatten und Gelnägeln auf ihren Handschuhen aus ihrer Gruft in Moskau, um in Wiens Katakomben wiederzuerwachen – ihr sei nach der ganzen Zeit im Mausoleum schlicht langweilig geworden. Sie kehrt im vertrauen Hotel ein, wird mit ihrer treu untergebenen Zofe wiedervereinigt, und trifft gleich auf die erste kleine Hürde: Am selben Abend befinden sich die zwei Vampirforscher Theobastus Bombastus (André Jung) und Nepomuk Nachbiss (Marco Lorenzini) im Foyer, die sogleich hinter das Geheimnis der pompösen Gräfin kommen wollen, unterstützt von Inspektor Unglaube (Karl Markovics).

Báthory hat nicht so lange überlebt, nicht so viele Hälse ausgesogen, nur um sich die Suppe von zwei Wissenschaftlern des Paranormalen madig zu machen. Ihr höheres Ziel, das ominöse, gefährliche Buch ausfindig zu machen, treibt sie von Ort zu Ort, bis nach Böhmen, durch das gesamte Wien – doch da ist auch ihr Neffe Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert), das „grüne Schaf“ der Familie. Dieser lebt vegetarisch, bevorzugt seine namensgebenden Süßgebäcke, und hat eigentlich gar keine Lust mehr darauf, ein Vampir zu sein; die Existenz belastet ihn gar. Kommt er seinem Tantchen also noch in die Quere? Während sie eine Blutspur überall hinterlässt, wo sie sich aufhält, hat Rudi Bubi ganz andere, persönliche Probleme, die er mit seinem Therapeuten Theobald Tandem (Lars Eidinger) aufarbeitet. Leider möchte dieser ihm nicht glauben, dass Vampire wirklich existieren und er selbst einer ist. Das ist nur einer von so einigen drolligen Plotpoints, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek mit ihren Dialogen so aufpeppt, dass Lacher während des gesamten Filmes garantiert sind.

Wiener Schnitzeljagd

Nach über 50 Jahren in der Filmbranche, seit vier Jahrzehnten vor allem durch monumentale Dokumentationen auftrumpfend (darunter Johanna d’Arc of Mongolia, der in der aktuellen Berlinale Retrospektive gezeigt wurde, inklusive komplett vollem Director’s Talk), kehrt Ottinger mit Die Blutgräfin zumindest teilweise zur Campiness der 70er und frühen 80er Jahre zurück. Ikonisch ihre Werke mit der 2020 verstorbenen Tabea Blumenschein, lässt sich sogar eine kleine Parallele zum 1979er Film Bildnis einer Trinkerin schließen: Dort reist Blumenscheins Figur nach Berlin, um zu sterben, indem sie sich tottrinkt. Hier schlägt Hupperts Báthory in Wien, um zu leben – und trinkt statt Alkohol eben Blut, tanzend zur bezeichnenden Operette „Wiener Blut“. Im Wiener Schmäh wird hier auch alles durch den Verlängerten gezogen, von Soldaten und schlagenden Verbindungen bis zur High Society, gleichzeitig ein dominierend weißes, bürgerliches Bild gezeichnet: Báthory spricht vornehmlich Französisch, manchmal Russisch, der Vegetarier ist hier der Hampelmann.

Im Vergleich zu früheren Spielfilmen Ottingers ist Die Blutgräfin sehr zugänglich, mit einer ziemlich klaren Handlung, einem polierten, digitalen Look (inklusive der süßesten CGI-Fledermaus der Filmgeschichte) und herrlichem Humor, dessen Krönung die Auftritte von Conchita Wurst sind. Optisch eine Ode an Wien, mit dem Höhepunkt auf dem Prater, dem die 83-jährige Regisseurin im gleichnamigen Dokumentarfilm 2007 ein Denkmal setzte. Nach einem fulminanten Start, während dessen das Gag-Feuerwerk nacheinander zündete, ist die Schnitzeljagd nach dem Buch etwas redundant, bevor der alle Stränge zusammenbindende Abschluss wieder versöhnlich stimmt. Da gibt es wahrlich weitaus miesere Spätwerke.

Credits

OT: „Die Blutgräfin“
Land: Österreich, Luxemburg, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Ulrike Ottinger
Drehbuch: Ulrike Ottinger
Musik: Wolfgang Mitterer
Kamera: Martin Gschlacht
Besetzung: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung

Filmfeste

Berlinale 2026

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Die Blutgräfin
fazit
Mit „Die Blutgräfin“ bringt die hochinteressante, einflussreiche Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger eine pointierte, skurrile Komödie auf die große Festivalbühne – gemacht, um mit einem großen Publikum über die Eskapaden der von Isabelle Huppert (natürlich) grandios gespielten Elisabeth Báthory zu lachen. Der Horror ist hier minimal, liegt eher in den Verhaltensweisen der überspitzten Charaktere (und im Colorgrading). Die Kameraeinstellungen selbst sind hübsch, holen das meiste aus der glatten Optik heraus, doch zusätzlich aufgrund der Längen und mancher altbackenen Darstellungen schrammt „Die Blutgräfin“ an der Exzellenz vorbei.
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