
Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Sowjetunion begann eine neue Zeitrechnung. Was in Geschichtsbüchern auf wenigen Seiten mittels Daten, Texten und Bildern dokumentiert wird, ist in der Realität eine andere Welt für die Menschen, die komplett neu abgesteckt werden muss. Der Osten Europas befand sich in einem Zwischenstadium, in dem die Spuren der Vergangenheit noch sichtbar waren, aber ihre Bedeutung eingebüßt hatten. Das Neue deutete sich bereits an, doch es blieb nur eine Vorahnung, während man darauf wartete, dass diese neue Zeit endlich Form annahm. Generell begann eine Zeit des Wartens – nicht nur für Osteuropa –, in der die Menschen dennoch ihrem Alltag nachgehen mussten, zur Arbeit gingen, durch Parks spazierten und Konzerte besuchten. Als sich das Licht der Medien schon neuen Themen zuwandte, ging das Warten jedoch weiter, sorgte für Ängste und Anspannung, aber auch für Erwartungen. Wenn man sich genug Zeit nahm, konnte man die unterschiedlichen Facetten dieses Wartens erleben, dokumentieren und zeigen.
Die Idee, diese Zeit des Wartens nach der Wende einzufangen, beschäftigte die belgische Regisseurin Chantal Akerman. Aus Neugier, wie sie in Interviews beschrieb, reiste sie mit einem kleinen Team nach Osteuropa, um genau diesen Zustand festzuhalten. Neben Ostdeutschland bereiste sie die Ukraine, Polen, Russland sowie die baltischen Staaten und zeigte den allgemeinen Schwebezustand nach diesen weltbewegenden historischen Ereignissen. Das daraus entstandene Projekt D’Est ist dabei weniger eine klassische Dokumentation als vielmehr eine Art Reisetagebuch. Akerman stellt zwar Menschen in den Vordergrund, doch sie interviewt niemanden. Vielmehr zeigt sie sie in ihrem natürlichen Umfeld – bei der Arbeit, zu Hause oder im Urlaub –, wobei sie Atmosphären und Stimmungen in teils sehr langen Einstellungen einfängt. D’Est ist eine filmische Reise in eine Zeit, in der noch unklar war, was als Nächstes passieren würde, wobei Akerman beispielsweise auf eine politische Einordnung oder jede andere Form der Kommentierung verzichtet.
Zeichen des Alten und des Neuen
Wie bereits beschrieben, ist das Warten ein wiederkehrendes Motiv in D’Est. Die Kamera zeigt Menschen, die vermutlich in einem Bahnhof auf ihren Zug warten. Andere stehen für Lebensmittel an. Eine lange Menschenschlange hat sich vor einer Bushaltestelle gebildet, und den Blicken nach zu urteilen warten sie schon lange in der Kälte. Eine Gruppe Arbeiter wiederum verlässt einen Bus, und einer von ihnen findet sogar Zeit, in die Kamera zu blicken und zu winken. Andere scheint die Anwesenheit der Kamera zu stören, sodass sie sich abwenden oder sogar böse in ihre Richtung schauen. Die Mehrheit der Menschen, denen wir in D’Est begegnen, kümmert sich jedoch nicht um die Kamera – das, was vor ihnen liegt, nimmt sie so sehr in Anspruch, dass sie der Beobachter nicht stört.
Man könnte noch viele weitere Beispiele aus Chantal Akermans Film anführen. Die motivische Palette reicht vom Banalen bis hin zu Momenten des (privaten) Glücks und der Gemeinschaft. Durch das Fehlen jeglichen Kommentars sowie einer Benennung der Orte verschmelzen diese zu einem großen filmischen Raum, in dem die Menschen eine gemeinsame Bandbreite an Emotionen teilen. Umgeben sind sie von den Zeichen ihrer Zeit – einem stark in Mitleidenschaft gezogenen Emblem der Sowjetunion, der blinkenden Neonreklame eines Nachtlokals oder der Bitburger-Reklame vor einer Dorfkneipe. Die Montage löst Zeichen, Orte und Menschen aus einer klaren zeitlichen oder lokalen Struktur, sodass ihre Bedeutung für den Zuschauer immer wieder neu verhandelt wird. Wir erahnen jedoch, dass viele dieser Zeichen schon bald nicht mehr da sein und verblassen werden, während sich Orte und Menschen an diese neue Zeit anpassen müssen. D’Est zeigt dieses Warten auf die Veränderung, auf die neue Zeit – ihre Chancen und Stolpersteine – und lässt ihnen den nötigen Raum.
OT: „D’Est“
Land: Frankreich, Belgien, Portugal
Jahr: 1993
Regie: Chantal Akerman
Musik: Natalia Shakhovskaya
Kamera: Raymond Fromont, Bernard Delville
Locarno 1993
Toronto International Film Festival 1993
Berlinale 1994
Berlinale 2010
Locarno 2019
Berlinale 2026
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