
Schon der deutsche Titel führt ein wenig in die Irre. Denn Das Flüstern der Wälder ist zwar durchaus ein leiser Film, aber noch viel mehr ein poetischer – und der Originaltitel Le Chant des Forêts, der Gesang der Wälder, trifft diesen Ton sehr viel genauer. Vincent Muniers zweiter Kinofilm hört dem Wald zu, er lässt ihn klingen, rauschen, rufen. Und er tut dies mit einer Geduld und Demut, die man im zeitgenössischen Naturfilm nur noch selten findet. Munier, der nach Der Schneeleopard (gemeinsam mit Marie Amiguet) erneut auf erklärende Kommentare verzichtet, kehrt für seinen neuen Film in seine Heimat zurück. Gedreht wurde überwiegend in den französischen Vogesen – jenem Waldgebiet, das für ihn nicht nur Motiv, sondern Herkunftsort ist. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu seinem Debütfilm: Das Flüstern der Wälder ist nicht nur eine Naturdokumentation, sondern ebenso ein Familienfilm.
Familiengeschichte
Im Zentrum stehen drei Generationen der Familie Munier. Großvater Michel Munier, der seinem Sohn Vincent einst die Liebe zur Natur und eine Haltung der Zurückhaltung und Achtung vermittelte, gibt dieses Wissen nun an seinen Enkel Simon Munier weiter. Immer wieder sieht man die drei gemeinsam im Wald oder in einer einfachen Hütte. Dort wird erzählt: von Begegnungen mit Tieren, von Erinnerungen, von Verlusten. Diese ruhigen Gespräche – fast immer leise geführt, hier passt das Flüstern des deutschen Titels – schaffen eine intime Atmosphäre, die man eher aus Spielfilmen oder Familienchroniken kennt als aus klassischen Naturdokumentationen.
Was unterscheidet diese Familienmomente von klassischen Naturfilmen? Während ein David Attenborough beispielsweise seine Zuschauer durch Erklärungen führt, vertraut Munier darauf, dass die Bilder selbst erzählen. Die Gespräche der Muniers – immer leise, fast flüsternd – werden nicht durch erklärende Kommentare ergänzt, sondern direkt in visuelle Beobachtungen übersetzt. Wenn Michel von der ersten Begegnung mit dem Auerhahn erzählt, folgt nicht eine dokumentarische Erklärung des Tieres, sondern Muniers Kamera lauscht. Lange, statische Einstellungen bestimmen den Rhythmus des Films, Schnitte sind selten und bewusst gesetzt. Nur einmal bricht dieser ruhige Fluss auf: im Kampf zweier Hirsche, wo die Montage kurz schneller wird. Dieser einzige Moment der beschleunigten Montage ist programmatisch: Er zeigt, dass Munier nicht die Natur idealisiert, sondern ihre Gewalt und Rohheit einzugestehen bereit ist – ohne sie jedoch zu sensationalisieren oder dramaturgisch auszuschlachten. Die Hirsche kämpfen, dann ist Ruhe zurück.
Gleichberechtigung von Mensch und Tier
Muniers Herkunft als Fotograf ist in jeder Einstellung spürbar. Die Kamera wartet, beobachtet, drängt sich nicht auf. Tiere erscheinen nicht als Objekte der Erklärung, sondern als gleichberechtigte Akteure. Das wird dann spätestens im Abspann noch deutlicher, in dem sämtliche im Film vorkommenden Tiere als Mitwirkende aufgeführt werden – eine symbolische Gleichstellung mit den drei menschlichen Protagonisten und ein stilles, aber starkes Statement.
Auch akustisch folgt der Film diesem Ansatz. Die wie bei Der Schneeleopard von Warren Ellis komponierte Musik – diesmal gemeinsam mit Rosemary Standley und Dom La Nena – bleibt meist dezent im Hintergrund. Wichtiger noch als die musikalischen Themen sind die Geräusche des Waldes: Vogelstimmen, Rascheln, das Fauchen von Wildkatzen. Nur an wenigen Stellen tritt die Musik stärker hervor, etwa wenn neue Orte eingeführt werden. Besonders eindrücklich ist dies vor der Reise nach Norwegen, wo die Muniers noch einmal einen Auerhahn beobachten wollen – jenes Tier, das in den Vogesen inzwischen ausgestorben ist.
Dezente ökologische Botschaft
Der Auerhahn ist der rote Faden des Films. Die erste Geschichte, die Großvater Michel erzählt, handelt von seiner ersten Begegnung mit diesem Vogel, seinem „Krafttier“. Später kehrt er noch einmal zu ihm zurück und beschreibt seine letzte Begegnung mit einem Auerhahn – und auch seine Trauer darüber, dass dieses Tier ausgerechnet in seiner Lebensspanne aus den Vogesen verschwunden ist, wo es über Jahrtausende heimisch war. So wird nicht durch Zahlen oder Fakten, sondern durch Verlust, der benannt und erinnert wird, die ökologische Dimension des Films sichtbar.
Das Flüstern der Wälder macht deutlich, wie sehr sich der Zustand des Waldes verändert hat. Dabei verzichtet der Film auf jede Form von didaktischem Kommentar. Das Bewusstsein für das Verschwinden entsteht aus der Erzählung selbst und aus den Bildern, die ihr folgen – aus dem, was noch zu sehen ist, aber auch aus dem, was nicht mehr zurückkehren wird. Gerade diese Verbindung von persönlicher Erinnerung und stiller Beobachtung macht die Trauer darüber greifbar, ohne sie zu deutlich auszusprechen oder zu erklären.
So kreisen die zentralen Themen des Films um Heimatverbundenheit, Weitergabe von Wissen und Demut gegenüber der Natur. Das Flüstern der Wälder zeigt eine Welt, in der Mensch und Tier nicht getrennt, sondern miteinander verwoben sind. Gleichzeitig fordert der Film Geduld: In seiner Konsequenz und Langsamkeit wirkt er über die Laufzeit hinweg stellenweise etwas langatmig. Aber genau diese Entschleunigung ist Teil seines Programms. Vincent Munier hat einen visuell und akustisch beeindruckenden Film geschaffen, der weniger erklären als erinnern will – an das Zuhören, an das Beobachten und an eine Beziehung zur Natur, die heute fast so selten geworden ist wie der Auerhahn in den Vogesen.
OT: „Le Chant des Forêts“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Vincent Munier
Musik: Warren Ellis, Dom La Nena, Rosemary Standley
Kamera: Vincent Munier, Antoine Lavorel, Laurent Joffrion
Mitwirkende: Michel Munier, Simon Munier, Vincent Munier
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