
Beim Kauf eines neuen Couchtisches eskaliert ein Streit zwischen Ibrahim (Alper Kul) und seiner Frau Zehra (Algı Eke). Im Möbelgeschäft preist die Verkäuferin Frau Çilem (Hatice Aslan) ein angeblich „unzerstörbares“ Modell an. Ibrahim ist begeistert, Zehra findet den Tisch abgrundtief hässlich. Was wie ein alltäglicher Ehekrach der frischgebackenen Eltern beginnt, wird rasch zum Machtkampf: Zum ersten Mal will Ibrahim sich gegen die Frau behaupten, die bislang jede Einrichtungsentscheidung getroffen hat – und tatsächlich setzt er sich durch. Doch zurück im Apartmenthaus spitzt sich die ohnehin angespannte Situation weiter zu. Die 17-jährige Nachbarstochter Sibel (Elif Sevinç) belästigt Ibrahim im Treppenhaus und droht, seiner Frau zu erzählen, er stelle ihr nach. Als Zehra einkaufen geht und Ibrahim mit dem Baby allein den Tisch aufbaut, geschieht ein folgenschwerer Unfall. In Panik verstrickt er sich in ein Netz aus Lügen, Verdrängung und immer groteskeren Notlösungen.
Remake eines spanischen Films
Mit The Turkish Coffee Table wagt sich Regisseur Can Evrenol erstmals an ein Remake – basierend auf dem spanischen Film The Coffee Table (2022) von Caye Casas und Cristina Borobia, der selbst Stephen King beeindruckte. Evrenol bleibt der Grundidee treu, verankert seine Version jedoch im türkischen Alltag, verändert das Ende leicht und zeigt die Gewalt deutlicher als das Original. Dass gerade Evrenol dieses Projekt umsetzt, wirkt folgerichtig. Schon in Housewife und Baskın lotete er familiäre Konflikte und psychische Abgründe im Gewand des Horrors aus. Der Schrecken hier entstammt aus keiner übernatürlichen Bedrohung, sondern einer Situation, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Der Humor ist rabenschwarz – so schwarz, dass einem das Lachen regelmäßig im Hals stecken bleibt.
Eine der größten Stärken des Films liegt in der schauspielerischen Leistung von Alper Kul als Ibrahim. In der Türkei vor allem durch Comedy-Formate (Güldür Güldür) bekannt, zeigt er hier eine erstaunlich vielschichtige Darstellung: Man sieht ihm beim Scheitern, Lügen und inneren Zerfall zu – und leidet unweigerlich mit. Doch auch Algı Eke als Zehra steht ihm in nichts nach. Frei vom Übertreiben vieler populärer türkischer Filme verkörpert sie eine dominante, aber zugleich liebevolle und verletzliche Partnerin. Dass sie als einzige Frau im Film ein Kopftuch trägt, während sie zugleich die „Hosen anhat“, setzt einen subtilen kulturellen Akzent.
Am besten unvorbereitet ansehen
Formal bleibt Evrenol betont zurückhaltend. Die Kamera ist oft statisch, wiederkehrende Perspektiven lassen den Zuschauer wie in einem Bühnenraum gefangen erscheinen – eine Methode, die das Gefühl von Beklemmung und Ausweglosigkeit wirkungsvoll verstärkt. Die Musik ist nicht subtil, aber gezielt eingesetzt und unterstützt die stetige Eskalation. Zusätzliche Spannungsquellen liefern die Nebenfiguren: die manipulative Sibel, die unangenehm aufdringliche Frau Çilem sowie Ibrahims Bruder (Özgür Emre Yildirim) und seine Freundin (Ece Su Uçkan) als soziale Brandbeschleuniger.
Der entscheidende Kunstgriff des Films liegt darin, dass das Publikum das verhängnisvolle Ereignis miterlebt. Mit diesem Wissensvorsprung vor allen Figuren außer Ibrahim wächst eine fast unerträgliche Spannung: Jedes Türklingeln, jedes beiläufige Gespräch kann zur Katastrophe werden. Ob man das spanische Original oder den zentralen Plotpunkt kennt, ist dabei entscheidend. Dieses Vorwissen verändert das Seherlebnis fundamental – und mildert oder verstärkt die psychologische Wucht der Geschichte. The Turkish Coffee Table feiert seine Deutschlandpremiere bei den Fantasy Filmfest White Nights, wo er perfekt ins Programm passt. Es ist ein bemerkenswert konsequenter, unangenehmer und zugleich überraschend komischer Beitrag zum modernen Horrorkino – ein Film, der zeigt, dass der wahre Schrecken manchmal nicht aus dem Jenseits kommt, sondern direkt aus dem eigenen Wohnzimmer.
OT: „Cam Sehpa“
Land: Türkei
Jahr: 2025
Regie: Can Evrenol
Buch: Can Evrenol
Vorlage: Caye Casas, Cristina Borobia
Musik: Volkan Akaalp, Hey! Douglas
Kamera: Hakan Dinçkuyucu
Besetzung: Alper Kul, Algı Eke, Özgür Emre Yildirim, Elif Sevinç, Ece Su Uçkan, Asli Bankoglu, Hatice Aslan
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