Terre Rouge – Topographie du Poète
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Terre Rouge – Topographie du Poète

Terre Rouge – Topographie du Poète
„Terre Rouge – Topographie du Poète“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Von dem britischen Geografen Denis Cosgrove stammt das Zitat, dass Landschaft mehr sei als ein physikalischer Raum. Vielmehr sei Landschaft „eine Art zu sehen“, die Welt wahrzunehmen und folglich sich selbst und seine Mitmenschen. Wenn in der Romantik von Harmonie die Rede ist, wie beispielsweise in den Gedichten Novalis’ oder den Gemälden eines Caspar David Friedrich, erkennen wir immer wieder die Wahrhaftigkeit von Cosgroves Beobachtung. Jedoch müssen wir nicht in der Kulturgeschichte nach der Beschreibung eines Zustandes suchen, der uns allen sehr vertraut ist: jenen, die mit ihrer Heimat oder deren Landschaft auf Kriegsfuß stehen, oder jenen, die sich in ihr wahrhaft zu Hause fühlen. Interessant dabei ist, dass dieses Gefühl keineswegs festgefügt sein muss, denn sofern sich die Landschaft verändert, ändern wir uns mit ihr und damit auch, wie wir über sie nachdenken. Man denke nur an den Moment in Éric Rohmers Herbstgeschichte, wenn zwei der Figuren die malerische Landschaft um sich herum betrachten, bis ihr Blick an einem Atomkraftwerk hängen bleibt, was beide als störend empfinden. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass in der Idylle der Beziehung der beiden Figuren etwas im Argen liegt.

Ein ebenso kluger wie kritischer Beobachter der Landschaft war der Poet, Filmemacher und Lehrer Gaston Rollinger. Bis zu seinem Tod 2024 widmete er sich den schleichenden wie auch den plötzlichen Veränderungen in seiner luxemburgischen Heimat, genauer gesagt dem Minett-Gebiet, einer ehemaligen Bergbau- und Stahlregion. Insbesondere seine Gedichtsammlung Dobannen & Dobausen befasst sich mit der Veränderung dieser Landschaft, dem Abbau und dem langsamen Verfall des Industriellen sowie der neuen Identität der Region, die aus diesen Entwicklungen resultiert.

Als Regisseur und Drehbuchautor Fränz Hausemer sich mit Rollingers Texten aus den 1990er-Jahren auseinandersetzte, suchte er den zurückgezogen lebenden Dichter auf, was zu einer Reihe weiterer Treffen und Gespräche führte. Daraus entstand eine langjährige Zusammenarbeit, in deren Verlauf Hausemer mehrere von Rollingers poetischen Texten vertonte und die schließlich in die Dokumentation Terre Rouge – Topographie du Poète mündete, die auf dem Max Ophüls Filmfestival 2026 zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird.

Poesie, Mythen und Gelände

Die Landschaft und die Erlebnisse, die wir mit ihr verbinden, sind Nährboden für Mythen. Als Rollinger als Kind von der Suche nach einem jungen Mädchen hört, dessen Leichnam man wenig später nicht unweit seiner Heimat findet, hinterlässt dies einen bleibenden Eindruck bei ihm. Auch seine Eltern und die Nachbarn sind schockiert von dem schrecklichen Fund und beginnen, von dem „Mann mit dem Messer“ zu erzählen, der in den nahen Wäldern sein Unwesen treibt. In seinem gleichnamigen Gedicht befasst sich Rollinger mit dem Gefühl der Angst, das ihn wie auch seine Freunde begleitete, und erschafft das Bild der Natur als Ort des Schreckens, der Furcht und der Gewalt. Wie bei den Texten seines großen Vorbilds Georg Trakl wird die Schreckensgeschichte zu einer existenziellen Erfahrung, die vor den Unwägbarkeiten und den Schluchten des Lebens warnt, was Hausemer in seinem Film mit entsprechend düsteren Aufnahmen der Landschaft untermalt.

Generell sind es diese Passagen in Terre Rouge, die nachhaltig Eindruck beim Zuschauer hinterlassen, wegen ihrer Darstellung der Landschaft in ihren unterschiedlichen Facetten sowie der Verbindung der kargen, oft harten Sprache mit den Bildern. Die Aussagen Rollingers ergänzen diesen Eindruck durch Erinnerungen und Hintergründe, sodass Poesie, Mythos und Landschaft eine Symbiose eingehen.

Neben diesen Sequenzen wird Terre Rouge geprägt von den Unterhaltungen Hausemers und Rollingers. Der zurückgezogen lebende Dichter spricht über sein Leben, seine Liebe zur Literatur und zum Film sowie über seine Heimat. In seinen Filmen und Texten zeichnet er eine eigene Topographie der Landschaft, in der sich Mythen, Erinnerungen und die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte begegnen. Der Abriss einer Brücke wird mehr als nur eine Randnotiz in einer Tageszeitung – er wird zu einem einschneidenden, erneut sehr brutalen Eingriff in die Landschaft sowie in die Identität der Menschen, die in der Region leben. Die Welt, welche die Kinder – „kleine Kolumbusse“, wie Rollinger sie nennt – einst entdeckt haben, wird zu einer anderen. In den Worten jedoch bleibt die Welt der Vergangenheit weiterhin bestehen und existiert neben der realen.

Credits

OT: „Terre Rouge – Topographie du Poète“
Land: Luxemburg
Jahr: 2025
Regie: Fränz Hausemer
Drehbuch: Fränz Hausemer
Musik: Fränz Hausemer
Kamera: Nikos Welter

Bilder

Trailer

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Terre Rouge – Topographie du Poète
fazit
„Terre Rouge – Topographie du Poète“ ist ein nachdenklicher Film über Erinnerung, Landschaft, Mythos und Veränderung. Fränz Hausemer gelingt weit mehr als die Biografie eines Dichters und Filmemachers, denn sein Film betont, wie Kunst eine Welt erschafft, die das Nachdenken und das Sichtbar-Werden von Prozessen erst möglich macht.
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